zur Navigation springen
Geniessen im Norden

13. Dezember 2017 | 16:33 Uhr

Friedrichskoog : Häusliche Krabben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krabben sind der Verkaufsschlager im Hause Urthel in Friedrichskoog. Die Familie wirbt nicht nur mit dem Wort „fangfrisch“, sie garantiert auch dafür.

shz.de von
erstellt am 25.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Friedrichskoog | Im richtigen Moment das Richtige machen – das könnte so etwas wie ein Motto für die Urthels aus Friedrichskoog sein. Offen stellt sich die Familie, die in dritter Generation Nordseekrabben fischt, den Herausforderungen der Zeit und scheut sich dabei nicht, manchmal scheinbar ungewöhnliche Wege zu gehen. Bei den Urthels werden die Krabben nämlich nicht wie heute üblich zum Pulen ins knapp 3000 Kilometer entfernte Marokko und zurück geschickt, sondern mit einer Maschine zu Hause in der Friedrichskooger Hafenstraße geschält. Das Ergebnis: „Unsere Krabben sind wirklich frisch. Und das schmeckt man“, sagt Alfred Urthel.

1991 hat sein Vater die erste Krabbenpulmaschine angeschafft, mittlerweile rattern vier der silbernen Exemplare in der Halle neben dem Fischgeschäft vor sich hin. Dabei muss die Maschine jede einzelne Krabbe zunächst strecken, ehe sie von unten aufgesägt wird. Nachdem das Schwanzstück abgezogen ist, liegt die Krabbe in einer Klammer. „Beim letzten Arbeitsschritt geht die Klammer auseinander und eine Bürste bürstet das Fleisch aus dem Kopfstück heraus“, erklärt Alfred Urthel. Die Maschine pule die Krabbe viermal schneller als ein Mensch. Und doch sei diese Variante auf das Kilogramm gerechnet immer noch fünf Euro teurer als das Verschicken der Krabben nach Marokko oder Polen. 90 Prozent der Krabben gingen zum Pulen nach Afrika.

Warum er dennoch auf die hauseigene Krabbenpulmaschine setzt, ist für den 42-Jährigen ganz einfach: „Weil es ein Unding ist, dass man ein Eiweißprodukt 6000 Kilometer durch Europa karrt und hinterher ,frisch’ auf die Verpackung schreibt.“ Vehement habe sich seine Familie dagegen gewehrt, als die Zeiten endeten, in denen die Krabben noch direkt „achtern Diek“ von Hand gepult und verkauft wurden. „Wir wollten die Krabben nicht verschicken, wir wollten eine andere Lösung finden. So sind wir auf die Krabbenpulmaschine gekommen und haben es nicht bereut“, sagt Urthel. Nach wie vor ist er eigenen Angaben zufolge der Einzige in Schleswig-Holstein, der mit einer solchen Maschine arbeitet.

Der Erfolg gibt dem Unternehmer Recht, denn die Qualität seiner Ware macht ihn konkurrenzfähig. Schließlich wandere sein Produkt keine 15 Kilometer von der Küste weg – es sei denn zum Kunden. „Wir bieten ein frisches Produkt an, das nicht nur hier gefangen, sondern auch hier verarbeitet wird. Vom Anlanden bis zum endgültigen Verderb dauert es bei mir zehn Tage – bei den Krabben, die zum Pulen verschickt werden, etwa sechs Wochen. Da sollte sich der Verbraucher mal fragen, wie das bei einem Eiweißprodukt möglich ist“, betont der gelernte Fischwirtschaftsmeister, der selbst fast zehn Jahre auf einem Kutter fuhr.

Inzwischen ist die harte Arbeit im Hause Urthel klar verteilt. Während der sieben Jahre ältere Jan in der Regel fünf Tage die Woche mit dem familieneigenen Kutter SD8 „Rugenort“ auf der Nordsee auf Krabbenfang geht, holt Alfred die im salzigen Meerwasser gekochte Ware an Land ab und bringt sie in einem Kühlwagen nach Friedrichskoog im Kreis Dithmarschen. Dort wird die Delikatesse zunächst sortiert. Die Größten wandern entweder in Urthels Fischgeschäft oder gehen in den weiteren Handel, die Kleineren kommen in die Schälmaschine.

Doch auch dabei ist Krabbe nicht gleich Krabbe. „Die Maschine ist ein bisschen wählerisch“, betont Alfred Urthel und fügt hinzu: „Die Krabben müssen richtig schön krummgekocht sein, das Schwanzteil muss am Kopfteil anliegen. Das ist für die Maschine sehr wichtig.“ Ferner sei dies ein Zeichen dafür, dass die Krabbe beim Kochen genügend Platz hatte. Nur dann könne sie sich krümmen. „Auch erkenne ich daran, ob eine Krabbe wirklich gar ist, und zwar wenn die ersten kleinen weißen Punkte kommen“, erklärt Alfred Urthel.

Sein Bruder Jan beherrsche dieses Kunststück – im Gegensatz zu anderen Krabbenfischern. Zu lang dürfen die Krabben nämlich auch nicht kochen. „Die Krabbe soll zwar bissfest sein, aber bitte auch nicht wie Gummi. Je länger sie gekocht ist, umso fester wird sie. Und das gefällt dem Kunden nicht“, sagt der 42-jährige Geschäftsführer der A. Urthel Krabben & Fischdelikatessen GmbH & Co. KG.

Alfred Urthel möchte nicht stehen bleiben. Er möchte Neues ausprobieren und Bewährtes weiterentwickeln. So ist sein Ziel für die Zukunft, dass sein Unternehmen alle Krabben, die es selbst fängt, auch selbst verarbeiten kann. „Momentan verarbeiten wir etwa ein Drittel der Krabben selbst, die wir gefangen haben. Den Rest geben wir an andere Großhändler ab“, erklärt er. Neben dem Ladengeschäft in Friedrichskoog bietet die Familie ihre Ware auf zahlreichen Märkten in Schleswig-Holstein und Hamburg an oder per Versandservice. Die Hauptsaison der Krabben im Nationalpark Wattenmeer ist von Ende August bis Mitte Oktober.

Einen anderen beruflichen Weg, fernab der Krabben, konnte sich Alfred Urthel nie vorstellen. „Ich weiß nicht, was ich sonst hätte werden sollen. Schon als Junge hatte ich ein kleines Boot mit einem Geschirr dran. Es war immer klar, dass ich irgendetwas mit Krabben machen möchte“, blickt er zurück. Doch der Platz auf dem Familienkrabbenkutter war schon reserviert, für seinen Bruder Jan. „So ist das nun mal, der Ältere fischt, der Jüngere muss zusehen, wo er bleibt“, sagt Alfred Urthel, der sein Standbein in dem Fischgeschäft und Fischrestaurant in der Hafenstraße fand.

Die Entwicklung in seiner Branche betrachtet er mit Sorge. Habe es zu Zeiten seines Großvaters noch bis zu 700 Krabbenfischer an der deutschen Küste gegeben, seien es heute nur noch etwa 200. „Ende der 1970er Jahren waren hier im Friedrichskooger Hafen noch 64 Schiffe gemeldet, jetzt sind es noch 32“, betont Urthel. Er begründet dies unter anderem mit dem körperbetonten Job auf dem Schiff, den immer weniger junge Menschen machen wollen. „Mein Bruder hat im Jahr 4500 Stunden auf dem Zettel. Man ist als Krabbenfischer nicht viel zu Hause, allenfalls am Wochenende – und das auch nicht immer. Und es ist ein Job, der schlecht bezahlt wird – es sei denn, man macht viele Stunden.“

Für diesen Beruf muss man Alfred Urthel zufolge „ein kleines bisschen geboren sein“. Für seinen Bruder und ihn sei der enorme Arbeitsaufwand stets normal gewesen. „Wir sind damit aufgewachsen, haben es bei unserem Großvater und unserem Vater nicht anders erlebt“, erzählt der 42-jährige Vater einer Tochter. Und auch die nächste Generation steht schon in den Startlöchern, denn beide Söhne von Jan Urthel sind bereits an Bord.

Alfred Urthel hat es sich indes zur Aufgabe gemacht, die Verbraucher aufzuklären: „Ich möchte die Kunden davon überzeugen, dass es noch einheimische Produkte gibt, die auch vor Ort verarbeitet werden: Unsere Krabbe ist von hier, sie bleibt hier und kann ruhigen Gewissens gegessen werden.“ Er hofft, dass irgendwann – wie bei anderen Lebensmitteln auch – bei Nordseekrabben gekennzeichnet werden muss, woher das Fleisch kommt und wo es geschält wurde. Bis dahin entscheide sich der Kunde natürlich überwiegend für die günstigste Ware, „weil er es nicht weiß“. Denn: „Bislang steht auf der Verpackung nur drauf, wo die Krabben gefangen und wann sie verpackt wurden. Wo sie zwischendurch waren, erfährt der Verbraucher nicht“, ärgert sich der Unternehmer.

Doch er spürt, dass sich im Bewusstsein der Verbraucher etwas ändert. „Immer mehr Menschen sind bereit, für wirklich frisches Krabbenfleisch ein wenig mehr zu bezahlen“, sagt Urthel. Und: „Wer einmal zu uns kommt, kommt immer wieder“, da ist er sich ganz sicher.

● A. Urthel Krabben & Fischdelikatessen GmbH & Co. KG, Hafenstraße 71, 25718 Friedrichskoog, Telefon: 04854-291, Internet: www.urthel.de


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen