Traumberuf Imkerin : Guter Honig ist wie Wein

Glücklich: Agnes Flügel mit ihren Honigvariationen.
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Glücklich: Agnes Flügel mit ihren Honigvariationen.

Agnes Flügel wagte einen Neuanfang: Sie kündigte ihren Job in der Medienbranche und zog aufs Land. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde hat sie sich mit einer Honigmanufaktur selbständig gemacht.

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08. März 2014, 06:00 Uhr

Waabs | Schon als Kind liebte Agnes Flügel die Natur und alles, was kreucht und fleucht. „Zwar hatte ich Angst vor Spinnen, vor Insekten aber nie – auch nicht vor Stechinsekten“, sagt die junge Frau. War es nun Schicksal oder doch nur Zufall, dass ausgerechnet die Begegnung mit einem Imker ihr Leben Jahrzehnte später veränderte? Wie auch immer, Agnes Flügel nutzte diese Chance: Sie tauschte ihren stressigen Bürojob in einem Hamburger Medienunternehmen gegen die Idylle auf dem Land ein. In Waabs an der Eckernförder Bucht nahe der Schlei lebt sie seither als Imkerin und kreiert ihren ganz eigenen, zauberhaften Rapshonig.

Mit Zutaten wie Vanille, Zitrone, Minze, Mandel oder Espresso lässt Agnes Flügel ihren perlmuttfarbenen, naturbelassenen Honig verschmelzen. „Alle Gewürze und Aromen kommen aus kontrolliert biologischem Anbau“, sagt die 46-Jährige. Die Sorten wechseln je nach Saison. So gibt es etwa, inspiriert durch eine Italien-Reise, die Geschmacksrichtung „Flügelchen Nocciola“ mit Haselnuss-Mark – eine samtige Honig-Nugat-Creme. Oder für die kalte Jahreszeit „Flügelchen Lebkuchen“ mit Zimt, Anis und Nüssen. Oder eben der Klassiker: Rapshonig Natur.

Agnes Flügel, sie heißt übrigens wirklich so, ist angekommen in ihren Leben. „Die Bienen sind ein Bereich, in den ich mich einbringen, alles selber gestalten und entscheiden kann“, sagt sie. Dieses Gefühl hatte die junge Frau in ihrem früheren Beruf nicht mehr. In Kiel geboren und aufgewachsen, studierte sie Kulturwissenschaft und ließ sich vom damaligen Boom in die Branche Neue Medien spülen. Zehn Jahre arbeitete sie in einem internationalen Konzern als Online-Redakteurin.

„Das war eine tolle Zeit, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass mir das zu schnelllebig ist. Ich habe mich gefragt, ob es das ist, was ich auch in Zukunft machen möchte. Oder gibt es doch noch einen anderen Weg für mich?“, erinnert sich die Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur. In dieser Phase, vor gut neun Jahren, stieß sie mit dem älteren Imker namens Bernie zusammen, auf einem Feldweg an der Eckernförder Bucht während eines Urlaubs. Aus der Begegnung wurde Freundschaft. Bernie weckte Agnes’ Leidenschaft für Bienen, brachte ihr alles über den Beruf des Imkers bei – „eine unglaublich schöne Erfahrung“, sagt Flügel. Als Bernie starb, übernahm sie seine sieben, acht Bienenvölker.

„Anfangs habe ich das als Hobby gemacht, ohne große Ambitionen, noch von Hamburg aus“, betont die 46-Jährige. Doch als es in ihrer damaligen Firma immer öfter zu Umstrukturierungen kam, wollte Agnes Flügel nicht abwarten, bis es sie trifft. „Also habe ich mich entschieden, lieber vom sinkenden Schiff zu springen als tatenlos zuzusehen. Und da waren die Bienen als wunderbare Alternative“, strahlt sie.

Heute besitzt die Imkerin gut 40 Völker. Das sind etwa zwei Millionen Bienen. Damit ist sie eine von etwa 100 000 Imkern in Deutschland. „Die meisten davon sind Hobbyimker mit jeweils zwei bis sechs Bienenvölkern. Berufsimker haben mindestens 100 Völker. Im Vergleich dazu habe ich wenige Bienen“, erklärt Flügel. Doch sie sei schon weit gekommen. „Ich befinde mich im Mittelfeld und bin mit 40 Völkern und meinem jetzigen Kenntnisstand gut ausgelastet. So kann es erst einmal bleiben.“ Natürlich durchlebt sie auch heute noch schwere Zeiten. Im Winter sei es längst nicht so idyllisch rund um ihr einsames, reetgedecktes Haus wie im Sommer. „Ferner betreibe ich Landwirtschaft, wo kein Jahr wie das andere ist. Ich muss viel lernen. Aber das gehört dazu, wenn man einen eigenen Laden aufbaut. Und ich komme voran.“

Seit fünf Jahren lebt die 46-Jährige mit ihrem Mann auf dem etwa 2000 Quadratmeter großen Grundstück an der Ostsee, zwischen weiten Feldern, Wildblumen und Kräutern, entlang der scheinbar endlosen Naturstrände. Dort summen ihre fleißigen Bienen bei paradiesischen Bedingungen, um den Honig zu produzieren. Ist es ein sehr gutes Jahr, schafft ein Volk bis zu 80 Kilogramm. Bei der Ernte kratzt Agnes dann den Honig in Handarbeit zunächst von den Waben ab – entdeckeln nennt man das. Die dabei anfallende Masse wird geschleudert, gefiltert, gesiebt, wobei der Honig immer feiner wird und in einem Kübel landet. Entweder lagert Agnes das Produkt nun ein oder rührt es, um es in Gläser abzufüllen. „Das Rühren ist mit sehr viel Handarbeit und Kraft verbunden. Denn gerade der Rapshonig hat die Angewohnheit, extrem fest zu werden, weil er sehr viel Traubenzucker enthält“, erklärt die Imkerin. An der Konsistenz und der Farbe erkennt sie, ob der Honig fertig ist und abgefüllt werden kann. Ihre Geschmacksrichtungen kreiert sie nach ihren eigenen Vorlieben, denen ihrer Familie oder ihren Reiseerlebnissen.

Die ersten Gläser Honig, die Flügel vor Jahren herstellte, wollte sie zunächst gar nicht hergeben. „Ich wollte alle behalten. Es war eine Freude, die vollen Regale zu sehen. Und im Gegensatz zu meinem vorherigen Job empfand ich das als Arbeit – auch körperlich, sich dreckig zu machen statt sitzend auf den Bildschirm zu starren“, erklärt die Imkerin. Dann traute sie sich, die ersten Gläser zu verschenken – an Freunde. Und bald darauf klopften die ersten Kunden an Agnes’ Tür.

Mittlerweile existiert eine bundesweite Fangemeinde. Tausende von ihren Honiggläsern gehen alljährlich über den Ladentisch. Ob nun Flügelchen Natur, mit Espresso oder Vanille – die 46-Jährige bietet ihren Honig über einen Online-Shop auf ihrer Internetseite an oder in ausgewählten Geschäften und im Einzelhandel in mehreren Bundesländern. In Schleswig-Holstein führt die Feinschmeckerei in Eckernförde, das TragBar-Kaffeehaus in Kiel oder die Sylter Nudelmanufaktur in Tinnum den Honig von Agnes Flügel im Sortiment.

„Der deutsche Honigkonsum besteht zu 20 Prozent aus einheimischer Produktion und zu 80 Prozent aus Produkten aus China, Südamerika, Osteuropa, die nicht nur einen langen Transportweg hinter sich haben, sondern auch in der Art der Bienenhaltung fragwürdig sind“, sagt Flügel. Dank des Deutschen Imkerbundes gebe es im Gegensatz dazu hierzulande einen hohen Qualitätsanspruch an den Honig, an die Reinheit und die Haltung der Bienen. „Bei den superbilligen Quetschflaschen aus dem Supermarkt werde ich wütend. Das schmeckt immer gleich. Dabei ist Honig wie Wein – er hat jedes Jahr eine neue Zusammensetzung und Qualität“, schwärmt Agnes.

Doch sie warnt, denn auch in Deutschland geht es den Bienen längst nicht mehr so gut wie einst: „Dieses sehr empfindliche Wesen wird von vielen Faktoren bedrängt, etwa von der intensiven Landwirtschaft, von der eingeschleppten Milbe sowie dem Anbau von Gen-Mais.“ Wer noch mehr über Bienen erfahren möchte, für den bietet die leidenschaftliche Honig-Botschafterin regelmäßig in Waabs eine kleine Bienenkunde an – bei Bienenstich und Kaffee. Apropos Stich: Natürlich wird Agnes auch heute noch von ihren Bienen gestochen. „Ich reiße mich nicht darum, es ist jedes Mal wieder ein Schreck. Es tut zwar weh, schwillt auch an, aber das blende ich aus. Außerdem ist man durch den Imkeranzug gut geschützt“, erklärt die 46-Jährige.

„Ich bin froh, dass ich die Bienen zurück nach Waabs geholt habe“, sagt sie. Einst war die Gemeinde im Kreis Rendsburg-Eckernförde bekannt für Honig, zuletzt hatten sich dort allerdings immer weniger Imker angesiedelt. Agnes Flügel möchte diese Tradition wieder aufleben lassen. „Bienen haben eine einzigartige Bedeutung für Mensch und Natur, weil kein anderes Insekt so systematisch und so fleißig zu Werke geht. Hinzu kommt, dass der Honig wertvoll und gesund ist“, betont die 46-Jährige. Es lohne sich also, dafür zu kämpfen.
 

Honigmanufaktur Flügelchen, Seestraße/Immenhorst 2, 24369 Waabs, Ortsteil Großenwaabs, Tel.: 04352-948987, Internet: www.fluegelchen-honig.de

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