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Hopfen und Malz : Frisches Bier vom eigenen Hof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weil Torsten Schumacher gern Bier trinkt, hat er einfach damit begonnen, sein eigenes zu brauen. Herausgekommen ist eine Spezialität, die sich bewusst von der Konkurrenz aus dem Supermarkt unterscheidet.

Grönwohld | Er sei ein Spinner, das hörte Torsten Schumacher in den vergangenen Jahren immer wieder. Weil er den Mut hat, seine Träume zu leben – etwa den Traum von einer eigenen kleinen Brauerei. Seit gut fünf Jahren stellt er das urtümliche Grönwohlder her – auf zwei Etagen in einer Halle auf seinem Hof im Kreis Stormarn. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt der leidenschaftliche Biertrinker. Das Wagnis hat sich gelohnt, denn immer mehr Kunden entdecken das Spezialitätengetränk.

Gelernt hat Schumacher den Beruf des Bierbrauers nicht. „Das hat mich aber nicht davon abgehalten, es dennoch zu probieren“, sagt der heute 54-Jährige. Er scheue sich nicht vor Herausforderungen, bewege sich gerne abseits des Weges. „Mich hat einfach interessiert, wie Bier hergestellt wird“, sagt Schumacher. Also fing er vor mehr als 15 Jahren an, Fachbücher zu lesen und einen Volkshochschulkurs zu belegen. Er lernte, wie er mit Einkochautomat, Spaghettisieb, Rührlöffel und weiteren Dingen aus dem Haushalt ein gutes Bier machen kann. Es funktionierte. In seiner Halle braute er die Eigenkreation zunächst nur für Freunde und Bekannte, seit März 2009 für den Handel. Aus den anfangs etwa 60.000 Litern pro Jahr sind inzwischen um die 250.000 Liter geworden.

Der Vorteil von Hausbrauereien wie seiner liegt Schumacher zufolge darin, dass sie sich bewusst von der übermächtigen Konkurrenz aus dem Supermarkt unterscheiden: „Wir machen nicht die typischen Fernsehbiere, die alle kennen. Wir Kleinen machen die individuellen Spezialitäten, die wirklichen Biere.“ Alles andere sei Industrieware mit einem Einheitsgeschmack. „Wir Deutschen sind gerade im Bereich des Bieres dazu erzogen worden, überhaupt keinen Geschmack zu entwickeln. Und überhaupt kein Geschmack ist angeblich der Geschmack, der gut ist. Das wird uns zumindest tagtäglich durch die Medien suggeriert“, kritisiert Schumacher und fügt hinzu: „Pils müsse blond, durchsichtig, angenehm bitter sein und eine Blume haben. Aber was ist das für ein Geschmack?“

Auch ärgert den ausgebildeten Zimmermann und Einzelhandelskaufmann, dass die meisten Biere nur mit einer einzigen Malzsorte gebraut werden. „Aber wir haben hierzulande 150 bis 180 verschiedene Malzsorten. Das sind 150 bis 180 verschiedene Aromen. Warum nutzen wir das nicht und machen individuelle Biere? Stattdessen haben wir einen Einheitsbrei“, schimpft Schumacher und wünscht sich eine angemessene Wertschätzung für sein Leibgetränk: „Wir behandeln den Wein, den Cognac und den Whisky gut. Und das Bier? Da wird eine Tüte für 18 Cent aufgerissen und rein damit. Das ist die Bierkultur in Deutschland – jedenfalls im Norden.“ Dabei könne Bier „eine fantastische Vielfalt bieten“.

Und das möchte er den Verbrauchern zeigen. So mischt Schumacher unterschiedliche Malzsorten und diverse Aromen und kreiert „ein ganz neues Bier mit einem ganz individuellen Geschmack – natürlich streng nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516“. Demnach darf Bier in Deutschland nur aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser gebraut werden.

Seine kleine Manufaktur umfasst mittlerweile ein Fünf-Hektoliter-Sudhaus, Gär-, Kühl- und Abfüllräume sowie Schrotmühle, Etikettiermaschine und Lagerhalle für Kisten, Flaschen, Fässer. „Wir haben sechs Gärtanks, die jeweils 600 Liter aufnehmen können“, verrät Schumacher, der noch drei weitere Mitarbeiter beschäftigt. Gut eine Woche gärt sein Bier bei elf Grad Celsius und wird dann in den Kühlraum gepumpt. Dort reifen 7500 Liter Grönwohlder bei etwa zwei Grad Celsius für mindestens vier Wochen – „besser noch viel länger“, sagt Schumacher. Denn das Bier entwickelt sich im Reiferaum und entfaltet nach vier, nach sechs, nach acht Wochen „ganz andere Aromen, die immer spannender werden“. „Und ich entscheide, wann ich mein Bier in den Handel gebe. Das macht Spaß“, sagt Schumacher.

Daraus folgt, dass seine Spezialität immer wieder anders schmecken kann: „Hefe ist ein Naturprodukt, ein Lebewesen, das bei bestimmten Temperaturen, bei einem speziellen Druck, bei einem Zuckergehalt immer unterschiedlich arbeitet. Darum kann sich das Bier trotz des gleichen Rezeptes in Nuancen unterscheiden. Genau das ist gewollt.“

Neben der Brauanlage in Grönwohld lässt der 54-Jährige sein Bier in der Klosterbrauerei im hessischen Eschwege herstellen – ebenfalls nach seinem Rezept. Während die Flaschen dort mit einem eigens für den Handel länger haltbaren Bier abgefüllt werden, produziert Schumacher in seiner Hausbrauerei ausschließlich naturtrübes Frischbier – täglich etwa 400 Liter. „Das industrielle Massenbier wird weit über ein Jahr haltbar gemacht, damit es unverdorben bei allen Temperaturen rund um den Globus erhältlich ist. Das Qualitätsmerkmal für ein gutes Bier ist jedoch die geringe Haltbarkeit. Bier ist ein Frischeprodukt. Das müssen die Verbraucher begreifen“, fordert Schumacher.

Im Gegensatz zur Massenindustrie lässt er eigenen Angaben zufolge alle Inhaltsstoffe in seinem Bier und filtriert sie nicht. Dadurch sei es reicher an Natur- und Geschmacksstoffen. „Das bedeutet aber auch, dass es nur kurzfristig haltbar ist. Und ich muss das Bier unbedingt in einer Kühlkette halten – am besten dunkel bei minus einem bis plus sieben Grad Celsius lagern“, erklärt Schumacher. Dann halte seine Sorte mit dem Namen Spezial maximal einen Monat, das Landbier und Dunkel maximal drei Monate.

Wenn der Vater eines erwachsenen Sohnes über sein Bier und Bier im Allgemeinen spricht, dann versprüht er Leidenschaft und Wut zugleich – für das alkoholische Lieblingsgetränk des Deutschen. 1339 betriebene Braustätten zählte der Deutsche Brauer-Bund 2012. Sie kämpfen mit insgesamt mehr als 5000 verschiedenen Bieren um einen kontinuierlich rückläufigen Markt. Trank jeder Deutsche 2004 noch 116 Liter, waren es 2012 nicht einmal 106. „Im Mittelalter hatte Hamburg etwa 60.000 Einwohner und 468 Brauereien, heute hat die Stadt knapp 1,8 Millionen Einwohner und noch etwa fünf Brauereien. Das Verhältnis passt doch nicht“, betont Schumacher. Ferner seien 90 Prozent der Biere, die bundesweit produziert werden, Biere nach Pilsener Brauart, bestehend aus einer einzigen Malzsorte.

Schumacher hofft, dass das Bier in Deutschland wieder den Stellenwert von einst erlangt, wenn die Kunden erst um die Vielfalt des Getränkes wüssten. „Aber woher soll das Wissen über ein richtig gutes Bier hier oben im Norden kommen, wenn da nicht so ein Spinner wie ich aktiv wird? Ich bringe es den Menschen bei. Ich erkläre ihnen etwa in Seminaren, was möglich ist. Denn die Auswahl ist da, man muss nur mit ihr arbeiten“, sagt der umtriebige 54-Jährige, der seine Kunden auch mit einer Bieraktie lockt. Dabei zahlen Anleger 1000 Euro ein und erhalten dafür jedes Jahr Hopfensaft im Wert von 100 Euro.

Sein Bier ist inzwischen – wenn nicht direkt in der Hausbrauerei in der Grönwohlder Poststraße – in zahlreichen Lebensmittel- und Getränkefachmärkten zwischen Hamburg und Lübeck erhältlich. „Die Nachfrage ist so gewaltig, dass wir künftig noch mehr produzieren werden. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Das hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft“, sagt Schumacher, bei dem es nur zwei Tabuwörter gibt: „Alkoholfreies Bier“. In diesen Bereich werde er bestimmt nicht einsteigen, lächelt er. Dafür sei er dann doch zu sehr Traditionalist.

Seine Privatbrauerei, „die wahrscheinlich kleinste in Schleswig-Holstein“, beschreibt er als Teil eines nachhaltigen Gesamtprojektes. Baut er doch auf seinem 3,5 Hektar großen Land noch die Braugerste für sein Malz an, zudem Holunder und Walnussbäume und betreibt eine Regenwurmzucht. „Die Art, wie ich lebe und arbeite, ist ein Traum für mich. Das Eine würde nicht ohne das Andere funktionieren“, gesteht Schumacher. Trotz Rückschlägen habe er nicht aufgegeben. Und das würde er auch allen raten, die noch Träume haben. „Viele Menschen wissen gar nicht, welche Fähigkeiten tatsächlich in ihnen stecken. Nicht immer nur jammern, sondern einfach mal machen.“

Grönwohlder Hausbrauerei GmbH, Poststraße 21c, 22956 Grönwohld, Telefon: 04154-984141, Internet: www.groenwohlder.de

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erstellt am 01.Feb.2014 | 06:30 Uhr

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