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Geniessen im Norden

17. Dezember 2017 | 17:22 Uhr

Flensburg : Ein Schluck Kultur

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburg galt einst als Rumstadt Deutschlands. Namen wie Balle, Hansen, Pott und Detleffsen erinnern an die beste Zeit des karibischen Goldes im Norden. Einzig die Firma A.H. Johannsen hält die Tradition aufrecht.

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Flensburg | Wer sich in der Flensburger Marienstraße dem Haus mit der Nummer 6 nähert, kann sich diesem unverkennbaren Aroma kaum entziehen. Es duftet nach Rum, nach Jamaika-Rum. Und es scheint, als befinde man sich plötzlich in einer anderen Zeit, in einer längst vergangenen Zeit. In der historischen Marienburg produziert die kleine, aber feine Firma A.H. Johannsen als einzige in der Stadt noch verbliebene das wertvolle karibische Gold.

Martin Johannsen führt das Haus in vierter Generation. Und nach wie vor macht er das, was schon sein Urgroßvater vor 135 Jahren gemacht hat: „Wir kaufen fünf bis sieben Jahre alte und unterschiedlich schmeckende pure Rumsorten ein, lagern sie in Eichenholzfässern weiter, vermischen sie und verarbeiten sie, wenn der Rum etwa zwölf Jahre alt ist, zu einem Rum-Verschnitt.“ So hat es in Flensburg jedes Rumhaus gemacht.

Dutzende von ihnen hatten sich im 18. Jahrhundert in der Fördestadt niedergelassen, die damals noch Teil des dänischen Königreiches war. 1755 nahm das erste Flensburger Schiff Kurs auf die Kolonie Dänisch-Westindien, zur Karibikinsel St. Croix. Und neben Baumwolle, Tabak, Kaffee und Edelhölzern brachten die Besatzungen eben Rum und Zucker mit. Flensburg wurde zur wichtigsten Rumstadt Europas. Allerdings brach der Handel mit Dänisch-Westindien nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 ab. Die Seeleute konzentrierten sich künftig auf den Handel mit Rum aus Jamaika. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg existierten noch etliche große Häuser in Flensburg, doch eines nach dem anderen verschwand. Johannsen, 1878 von Andreas Heinrich Johannsen gegründet, blieb.

„Zwar mussten unsere Vorfahren mit mehr Konkurrenten leben, aber damals war auch der Schnapskonsum wesentlich höher als heute. Die Umsätze bei harten Spirituosen sind seit Jahren rückläufig, weil die Menschen inzwischen viel mehr Wasser und auch Wein trinken“, erklärt Martin Johannsen das Aus für die Rumhäuser. Zusätzlich sei das passiert, was in anderen Branchen ebenfalls passiere: Die Großen fressen die Kleinen. „Und wir waren wohl zu uninteressant, zu klein“, sagt Johannsens Ehefrau Astrid Schlesinger.

Während das Unternehmen früher überwiegend Kioske, Kneipen und Restaurants belieferte, richtet sich das Augenmerk inzwischen mehr in Richtung Endverbraucher – notgedrungen. Auch Supermärkte gehören zu den Kunden der Johannsens. „Wir verkaufen und beliefern in erster Linie in und um Flensburg herum, in einem Umkreis von 40 Kilometern“, sagt Martin Johannsen. Kleinere Mengen gehen nach Kiel, Hamburg und Bremen. Insgesamt verkauft der Betrieb jährlich etwa 70.000 Flaschen von jeweils 0,7 Liter. In Norddeutschland wüssten viele Menschen den heimischen Verschnitt, wie die Mischung aus Rum, Wasser und Agraralkohol genannt wird, zu schätzen, sagt der 49-Jährige. Seine dunkle Färbung bekommt der Rum übrigens durch die Zugabe von flüssigem Karamellzucker. Das Geschäft sei ein Ganzjahresgeschäft und dennoch in der kalten Jahreszeit und vor allem an Weihnachten besonders stark ausgeprägt: „Das geht im Oktober schon los. Vor allem der Flensburger schwört auf seinen Rum, kauft und verschenkt ihn noch gern.“

Neun verschiedene Sorten zwischen acht und 40 Euro hat Johannsen im Angebot, darunter den echten Jamaika-Rum Royal und Senior. Der Senior zum Beispiel ist mindestens vier Jahrzehnte alt. „Sein genaues Alter lässt sich nicht mehr nachvollziehen und ist geradezu sagenumwoben. Denn mein Vater hat 1965 einige Fässer eines besonders gehaltvollen puren Rums erstanden“, erklärt der Geschäftsführer. Wie alt die Fässer aber damals bereits waren, ist nicht eindeutig dokumentiert. „Schätzungen gehen von fünf bis zehn Jahren aus. Demnach wäre der Senior heute schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt.“ Sein Geschmack: „Ein echter Rumgeschmack, der nicht wie viele andere Rums in Richtung Cognac oder Whisky tendiert. Manchmal hat er noch eine Spur von Schokolade“, erklärt Martin Johannsen. Andere hätten beim Senior Vanille, Karamell, Backpflaumen und Kaffeearomen herausgeschmeckt.

Viele trinken den Rum aus dem Hause Johannsen am liebsten in der Cola oder genießen ihn als Grog, Pharisäer oder in der Feuerzangenbowle. „Alles in Maßen natürlich“, sagt der Chef. Für den 49-Jährigen hat jede seiner Sorten auf ihre Art und Weise eine besondere Note: „Aber von der Ehrlichkeit eines Rums finde ich den Verschnitt immer noch am besten, weil er immer noch nach Rum schmeckt.“ Jedoch sei ein Verschnitt nicht gleich ein Verschnitt. „Man muss schon einen gewissen Qualitätsstandard halten, um ein gutes Produkt zu bekommen“, sagt der Inhaber, der mit seinen vier Mitarbeitern auch heute noch ausschließlich Rum aus Jamaika verarbeitet. Schließlich könne sein Unternehmen aufgrund der überschaubaren Größe und Leistung nur mit Qualität punkten. Zwar helfen den Johannsens Maschinen beim Abfüllen des Rums, doch läuft vieles in dem Unternehmen noch per Handarbeit ab. „Bevor eine Flasche das Haus verlässt, hat jeder von uns sie noch fünf Mal in der Hand gehabt“, erklärt der Geschäftsführer.

So hofft der gelernte Tischler, der vor 16 Jahren in den Familienbetrieb einstieg, auf eine Zukunft von Johannsen. „Mittlerweile ist es so, dass der Rum als Nische angesehen wird – ganz anders also als früher. Aber wir stellen auch fest, dass der Rum durchaus wieder interessanter für die Kunden wird“, sagt der Chef. Im Hinterhof des roten Fachwerkhauses in der kleinen, engen Marienstraße, in dem der Betrieb seit 1912 ist, tüftelt er deshalb stets an neuen Mischungen: „Die Ideen sind da. Aber dadurch, dass wir keine direkte Produktentwicklung haben, dauert das natürlich. Wir machen das zwischen Tür und Angel.“ Doch gerade diese Abwechslung mache den Reiz seines Berufs aus. Auch sei die Größe des Unternehmens „schon in Ordnung so“. „Wir haben noch Luft nach oben, wir können und wollen noch etwas wachsen“, sagt Johannsen und fügt hinzu: „Aber je größer wir werden, desto größer werden die staatlichen Auflagen. Das wird dann immer komplizierter.“

Folglich soll die Marienburg mit ihrem Turm von 1760 langfristig das Zuhause des Johannsen-Rums bleiben. „Wenn wir hier weggehen müssten, weil wir uns deutlich vergrößern wollten, ginge auch der Charme verloren, die Nostalgie und die Geschichte. Dieses Unternehmen macht auch ein Stück weit dieses Haus aus. Deswegen sind wir gerne hier“, betont der Geschäftsführer. Das Haus sei etwas Besonderes, ein Touristenfänger. Wenngleich schon ein bisschen Idealismus dazu gehöre, ein Unternehmen dieser Art zu leiten.

Martin Johannsens zwei Kinder sind gerade im Teenageralter und noch zu jung, um sich über ihren späteren Beruf Gedanken zu machen. „Wir drängen unseren Sohn und unsere Tochter in keine Richtung. Denn das hier ist ein Job, bei dem man richtig arbeiten muss, körperlich und geistig.“ Aber natürlich sind die Kinder längst mit der Arbeit in dem Rumhaus in Marienstraße vertraut. „Sie kennen den Betrieb, weil sie immer mal wieder mit anpacken müssen, wenn es eng wird. Und wer weiß, vielleicht wollen sie das später ja einmal übernehmen“, sagt der 49-Jährige. Andernfalls müsse er das Traditionshaus verkaufen: „Vor dieser Frage stand mein Vater auch schon. Wenn ich den Laden nicht übernommen hätte, dann gäbe es ihn jetzt nicht mehr.“

Bis zum 75. Lebensjahr hat Martin Johannsens Vater in dem Rumhaus gearbeitet. „Das ist eine lange Zeit, das möchte ich nicht. Irgendwann hört das Arbeiten nämlich mal auf“, weiß der Geschäftsführer. Doch noch sieht er es als seine Aufgabe an, „diese fast ausgestorbene Tradition an der Förde am Leben zu halten und weiterzuentwickeln“. „Wir machen das wirklich gerne“, sagt er. Und seine Frau Astrid Schlesinger betont: „Immerhin ist das ein Schluck Kulturgeschichte.“
 

A.H. Johannsen GmbH & Co. KG, Marienstraße 6, 24937 Flensburg, Tel. 0461/25200, www.johannsen-rum.de
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