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Holsteinische Schweiz : Ein edler Tropfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Unsere neue Serie „Genießen im Norden“ geht an den Start. Den Anfang macht Melanie Engel, die im idyllischen Kurort Bad Malente-Malkwitz ihren Traum lebt. Auf dem Kleinen Gröndalberg bewirtschaftet sie Schleswig-Holsteins größten Weinberg.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2013 | 00:00 Uhr

Bad Malente-Malkwitz | Manchmal geht Melanie Engel einfach nur so in ihren Weinberg inmitten der Holsteinischen Schweiz. Sie liebt es, über die sanften Hügel der Endmoränenlandschaft zu blicken, über die Wälder und Seen. „Dann weiß ich wieder, was meinen Beruf ausmacht, nämlich viel draußen zu sein“, sagt die 35-Jährige. Im idyllischen Kurort Bad Malente-Malkwitz bewirtschaftet die studierte Landwirtin Schleswig-Holsteins größten Weinberg. Dass sie dafür anfangs belächelt wurde, hat sie nicht von ihrer ungewöhnlichen Idee abgehalten. Es liegt im Naturell der alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern, etwas Neues auszuprobieren – selbst gegen Widerstände. So produzieren „die Verrückten da im Norden“, wie es Engels Kellermeister Jan Carstens beschreibt, mittlerweile einen selbst unter süddeutschen Winzern vielbeachteten Weiß- und Rotwein.

„Ein Universitäts-Professor erzählte uns vor ein paar Jahren, dass zehn Hektar Rebrechte aus Rheinland-Pfalz nach Schleswig-Holstein abgetreten werden“, erinnert sich Engel. So ungewöhnlich der Weinanbau im Land zwischen den Meeren nach wie vor ist, so naheliegend war er für die engagierte Landwirtin. Aufgewachsen auf dem traditionsreichen Ingenhof, wollte sie den elterlichen Erdbeerhof im Kreis Ostholstein fit für die Zukunft machen und ein zusätzliches Standbein schaffen. „Im Erdbeerbereich gibt es immer mehr Mitbewerber, der Druck wird stärker. Und so haben wir überlegt, welches Alleinstellungsmerkmal wir noch etablieren können“, erklärt Engel. Also bewarb sie sich beim Landwirtschaftsministerium in Kiel – als eine von mehr als 60 Anwärtern – und erhielt den Zuschlag für gut ein Drittel der Rebrechte.

„Es passt in die Entwicklung des Betriebes, denn wir sind bereits in den vergangenen Jahren in Richtung Direktvermarktung gegangen. Somit kannten wir den Kundenkontakt, waren nicht abgeschreckt“, sagt Engel. Seit 2011 leitet sie den Ingenhof, der neben dem Erdbeer- und Weinanbau noch Ackerbau betreibt und Ferienwohnungen vermietet – mit insgesamt fünf festangestellten Mitarbeitern. „Insbesondere der Wein eröffnet uns noch einmal eine ganz andere Zielgruppe“, sagt die 35-Jährige.

Drei Hektar groß ist nun ihr ganzer Stolz. Am geschützten Südhang des Kleinen Gröndalbergs hat sie seit 2009 etwa 13.500 Rebstöcke angepflanzt – in lehmigem Sandboden, bei 30 Grad Neigung und ausgeprägtem Tal, das die Kälte unten hält. Auch hat Engel mit Solaris beim Weißwein sowie Regent und Cabernet Cortis beim Rotwein auf robuste Sorten gesetzt, die eher selten im Süden angebaut werden. Der Grund: Die Rebstöcke müssen nicht nur pilzresistent sein, sondern im Norden Deutschlands auch wirklich abreifen. „In Schleswig-Holstein gibt es nun mal weniger Sonnenstunden und eine verkürzte Vegetationsdauer. Also haben wir Sorten gepflanzt, die mit dieser kürzeren Zeit gut zurechtkommen und reif werden. Deswegen ist der Geschmack, gerade von dem Solaris, nicht wirklich bekannt“, sagt Engel. Spritzig, frisch und fruchtig sei der Weißwein vom Ingenhof.

„Wir haben 2011 mit über 100 Grad Öchsle gelesen, einem enorm hohen Anteil an Zucker in der Traube. Und 2012 waren es gut 90 Grad Öchsle“, sagt Kellermeister Carstens. Den Einen schmecke der lieblichere 2011er Jahrgang besser, den Anderen der 2012er. „Sie sagen, das sei ein besonderer Wein, der mit dem Süden mithalten könne. Selbst alteingesessene Winzer sprechen von einem Geschmack, den es so noch nicht gab“, fügt Carstens hinzu. Und auch der Rotwein sorgt für Furore, landete er doch bei einer Blindverkostung unter Winzern in Süddeutschland auf dem zweiten Platz – von zehn Weinen. Carstens empfiehlt den vollmundigen Roten zum Essen, „keine drei Gläser am Abend, weil er sehr kräftig ist“.

Die Entwicklung ihres Projektes Weinanbau macht Melanie Engel stolz. Sie ist froh, dass sie das Wagnis einst eingegangen ist. Der Bereich wächst von Jahr zu Jahr. Brachte die erste Weinlese 2010 gut 1300 Flaschen Weißwein und 1100 Flaschen Rotwein, waren es 2011 schon 2500 Flaschen Weißwein und 1300 Flaschen Rotwein. 2012 knackte der Ingenhof die 3000-Liter-Marke. „In diesem Jahr sind wir ganz gespannt, der Weinberg hing voll. Wir gehen von einer erneuten Steigerung aus – sowohl beim Weißwein, als auch beim Rotwein“, sagt Carstens. Anfang Oktober sind sie in den Weinberg gegangen – Engel, Carstens und ein gutes Dutzend Helfer noch dazu. Mit Kiepen auf dem Rücken sowie Eimern und Lesezangen in den Händen haben sie die Trauben wie immer von Hand gelesen – drei, vier Tage von morgens bis abends. Auf dem Hof wurden die Trauben in einer sogenannten Abbeermaschine vom Stilgerüst getrennt, gepresst und mit Hefezusätzen ausgebaut. Der Gärverlauf dauert in der Regel zwei bis drei Wochen – je nach Geschmacksnote. „2012 haben wir Anfang Oktober gelesen und bereits am 10. Dezember den Wein in die Flasche gefüllt“, sagt Carstens. Es bleibe etwas Besonderes, im Norden sehr trinkbaren Wein hinzukriegen. „Wir werden nie an Mengen von 40.000 bis 50.000 Liter wie bei Weingütern im Süden kommen“, betont der Kellermeister, für den der Weinberg längst eine Herzensangelegenheit geworden ist. Nachdem er seinen alten Job in der Babyartikel-Branche an den Nagel gehängt hatte, kam er 2010 „eigentlich nur zur Erdbeersaison“ als Disponent auf den Hof – und blieb. „Ich habe mir diesen Job nicht ausgesucht, bin da so hineingewachsen. Und jetzt finde ich das, was ich mache, super gigantisch“, beschreibt der 42-Jährige.

Für Melanie Engel hingegen war „immer irgendwie klar“, dass sie einmal in der Landwirtschaft landen würde: Früh weckten die Eltern ihr Interesse und ihre Neugier an der Hofarbeit. Ich bin schon als Kind mit meinem Vater auf dem Traktor mitgefahren, war viel draußen.“ Trotz zweier Schwestern sei es auf sie hinausgelaufen, den Betrieb zu übernehmen. Bereut hat sie es nicht, ganz im Gegenteil. Ich habe meinen Traumberuf gefunden“", sagt die 35-Jährige. Durch die unterschiedlichen Standbeine des Ingenhofes habe sie die Möglichkeit, sich auszutoben. Diesen Weg, entgegen des Trends zur Spezialisierung, geht sie bewusst: Wir sind in der Landwirtschaft sehr auf das Wetter angewiesen. Und wenn es in einem Bereich mal nicht so gut läuft, dann haben wir stets einen anderen Betriebszweig, der diesen Verlust wieder ausgleicht.“ Natürlich empfindet sie es als große Herausforderung, das Unternehmen in die Zukunft zu führen. So sieht sie insbesondere den Weinanbau noch in der Entwicklung. Kellermeister Carstens glaubt, dass das Wesen des Ingenhofes ist, dass der Betrieb „immer am Puls der Zeit sein möchte“: „Wir versuchen, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen.“ So denkt er etwa darüber nach, im kommenden Jahr statt 0,75-Liter-Flaschen nur 0,5-Liter-Flaschen anzubieten – ausgerichtet auf eine jüngere Zielgruppe.

Wer den Wein vom Kleinen Gröndalberg genießen möchte, kann ihn derzeit entweder direkt auf dem Ingenhof kaufen oder auf der Internetseite bestellen. „Und nun überlegen wir, in welche Läden wir den Wein noch geben wollen“, sagt Engel. Doch Carstens zufolge werden Solaris, Regent und Cabernet Cortis „definitiv nicht im Supermarkt stehen“: „Wir wollen den Wein schon ein bisschen exklusiv halten und zum Beispiel an exklusive Hotels herantreten.“ Zählt doch die Flasche Weißwein mit 15 Euro und die Flasche Rotwein mit 19 Euro zu den teureren Weinen. „Der hohe Preis resultiert auch daraus, dass wir keine Infrastruktur haben. Wir haben keinen Nachbarn, mit dem wir zusammenarbeiten können – was Maschinen angeht. Wir müssen für drei Hektar alles selbst anschaffen“, erklärt Engel. Doch der Aufwand scheint sich zu lohnen, denn Kunden aus ganz Deutschland haben den Wein vom Ingenhof schon probiert. „Das Entscheidende bei uns ist, dass alles auf unserem Hof gemacht wird – gelesen, ausgebaut und abgefüllt, 100 Prozent aus Schleswig-Holstein. Deshalb dürfen wir die Bezeichnung Schleswig-Holsteinischer Landwein auf dem Etikett tragen“, sagt Carstens.

Ihren Frieden mit dem Weinberg haben inzwischen auch Melanie Engels Eltern gemacht: „Das war alles nicht so leicht für sie. Aber heute sind sie total stolz, dass sich alles so gut entwickelt hat.“ Es sei „ein tolles Gefühl“, dass sie sich über die ohnehin „vielen kritischen Stimmen hinweg gesetzt“ habe. „Aber ich wollte etwas haben, womit wir uns von anderen abgrenzen und das nicht mal eben nachgemacht werden kann. Auf diesen Wettlauf möchte ich mich nicht einlassen.“ So ist es die Lust, etwas Eigenes aufzubauen, die sie jeden Tag antreibt. Und wenn ihr fernab der Erntezeit am Schreibtisch mal wieder die Decke auf den Kopf fällt, dann weiß sie ja, wo sie wieder auftanken kann – auf ihrem Weinberg, auf dem Kleinen Gröndalberg.

Weingut Ingenhof, Dorfstraße 19, 23714 Bad Malente-Malkwitz, Tel.:0 45 23/ 20 21 59 und 0 45 23/ 23 06, www.ingenhof.de
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