Fehmarnbelt-Querung : "Natürlich sind Menschen skeptisch"

Politischer Architekt einer Fehmarnbelt-Querung: Hans Christian Schmidt. Foto: Hasse Ferrold
Politischer Architekt einer Fehmarnbelt-Querung: Hans Christian Schmidt. Foto: Hasse Ferrold

Die Fehmarnbelt-Querung ist noch immer ein Politikum. Dänemarks Verkehrsminister Hans Christian Schmidt will sich dem Dialog mit Bürgern in Ostholstein stellen.

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26. Februar 2011, 12:13 Uhr

Herr Schmidt, wird die dänische Königin das rote Band zur Einweihung des Fehmarnbelt-Tunnels alleine durchschneiden - oder mit Hilfe des dann im Amt befindlichen Bundespräsidenten?
Ich verstehe die Frage so, ob wir bei diesem Projekt wirklich mit der deutschen Seite zusammen arbeiten wollen. Wir wollen es zusammen machen.
Die Frage war darauf gemünzt, dass die Fehmarnbelt-Querung in Deutschland von vielen als rein dänisches Projekt wahrgenommen wird - und auf das, was man dagegen tun kann.
Meine Wahrnehmung ist eine andere. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen versteht die Beltquerung doch auch als große Chance für wirtschaftliche Entwicklung.
Diese Haltung der Landesregierung ist aber in weiten Bevölkerungskreisen noch nicht angekommen. Die Zahl der Kritiker nimmt durch die Sorge in den Badeorten an der Lübecker Bucht vor dem Lärm der Güterzüge sogar eher zu als ab.
Das ist doch auch ganz natürlich.
Was ist ganz natürlich?
Dass Menschen skeptisch sind. Das sind wir ja alle, wenn jemand mit einem großen Plan daherkommt und sich dadurch für viele etwas verändert. Dann ist es normal zu fragen: Wo bleibe ich in diesem Plan? Aber es ist auch normal, Offenheit mitzubringen und dem Planer zu sagen: Du kannst mich ja überzeugen. Und schon diskutiert man miteinander. Man überzeugt überhaupt nicht, indem man einfach sagt: So und so wird es. Man überzeugt, indem man den Menschen zuhört und die Bereitschaft mitbringt, hier und da vielleicht etwas zu ändern. Ich möchte den ganzen Weg in Zusammenarbeit mit den Betroffenen gehen.
Sind das die Lehren aus Stuttgart 21?
Das hat ohnehin Tradition bei uns in Dänemark. Die deutschen Bürger haben Recht, wenn sie Gesprächsbedarf signalisieren und einfordern: Wir wollen darüber diskutieren, dass wir eine zufriedenstellende Lösung für uns alle finden.
Wann stehen Sie für einen persönlichen Dialog mit Bürgern in Deutschland zur Verfügung? Sie sind zwar auf der Informationsveranstaltung der Planungsgesellschaft Femern A/S in Rødby Mitte Januar aufgetreten, nicht jedoch bei dem Pendant in Burg auf Fehmarn wenige Tage zuvor.
Ich stelle mich auch sehr gern in Deutschland der Diskussion. Gerade in der letzten Woche habe ich mit meinem schleswig-holsteinischen Amtskollegen Jost de Jager darüber gesprochen, dass ich zu einer Bürger-Veranstaltung nach Ostholstein gehen werde. Wir arbeiten gemeinsam an einem Termin. Als dänischer Minister kann ich mich ja nicht einfach selbst zu einem offiziellen Termin in der Bundesrepublik einladen.
Wollen Sie Ihren Amtskollegen von der Bundesebene, Peter Ramsauer, nicht gleich mitnehmen? Der hat ausgerechnet an dem Wochenende der Informationsveranstaltung von Femern A/S in Burg per Zeitungs-Interview in der Theorie auch einen stärkeren Dialog mit den Bürgern gefordert - anstatt diese Gelegenheit gleich für sein Erscheinen zu nutzen.
Ich habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit Peter Ramsauer. Trotzdem möchte ich es unseren deutschen Freunden überlassen herauszufinden, zu welchen Veranstaltungen er geht.
Ist die Zusammenarbeit mit Ihren "deutschen Freunden", wie Sie sagen, auf den zweiten Blick wirklich so gut wie behauptet? Die lassen Sie mit einem rein dänisch finanzierten Jahrhundertprojekt doch auflaufen, wenn ein europäischer Verkehrsstrom sich nur wenige Kilometer hinter dem Fehmarnbelt-Tunnel im Nadelöhr einer nur zweispurigen, museumsreifen Fehmarnsundbrücke verfängt. Und beim Ausbau der Hinterlandanbindung auf dem Festland klaffen die Kostenschätzung von Bundesrechnungshof und Landesregierung mal eben um das Doppelte auseinander. Das klingt nicht gerade danach, dass man sich auf dem Südufer des Belts intensiv kümmert.
Auf meine Einschätzung meiner deutschen Freunde können Sie sich verlassen. Ich wohne ja in Südjütland nur 50 Kilometer von der Bundesgrenze entfernt und habe von daher eine lange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den deutschen Nachbarn und auch mit der deutschen Minderheit in Dänemark. Von dort wissen wir etwas, was wir auch gerne anderen erzählen: Wenn wir glauben, dass wir allein etwas Großes hinbekommen, dann wird es nichts. Es funktioniert nur miteinander wirklich gut. Und zur Fehmarnsundbrücke: Meine Experten sagen, das ist kein Problem. Und wenn doch, müssen wir darauf später reagieren.
Auch wenn ein Tunnel fertig ist, bleiben die Küsten des Fehmarnbelts weit von den Zentren entfernt. Was macht Sie so zuversichtlich, dass die Region außer mehr Durchgangsverkehr etwas von der Verkehrsader hat?
Die Historie. Es gibt unendlich viele Beispiele aus aller Welt, dass eine gute Verkehrsinfrastruktur immer Investitionen und Arbeitsplätze nach sich zieht. Eines davon ist der Große Belt, auch eine Region ohne große Städte. Als dort Ende der 90er Jahre die Brücke entstand, haben dort viele gesagt: Nach dem Aus für die Fährhäfen ist dort alles vorbei. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Die Wirtschaft dort ist enorm gewachsen. Glauben Sie mir: Wenn die Fehmarn-Querung 2020 fertig ist, werden wir sehr nah miteinander leben - und es wird sehr fruchtbar.
Wirtschaftsprofessoren deutscher und dänischer Hochschulen haben vor drei Wochen in einem Gutachten gefordert: Wenn die Querung einen Mehrwert für die grenzüberschreitende Kooperation generieren soll - dann muss die Politik bereits jetzt Prozesse organisieren, die das Potenzial einer Zusammenarbeit für die verschiedenen Branchen vermittelt. Von Universitäten über Biotech-Unternehmen bis zur Kultur, von der Öresundregion bis nach Hamburg. Welche Pläne liegen dafür in der Schublade?
Ich habe mit dem deutschen Botschafter in Dänemark abgesprochen, dass wir unter Einbeziehung verschiedener Ministerien diskutieren, wie wir das machen. Es sind an die 15 Ressorts, die wir mitnehmen müssen. Von skandinavischer Seite können wir einiges an Erfahrung aus dem Öresund-Komitee mitbringen, das wir gemeinsam mit schwedischen Institutionen zur Kooperation dort gegründet haben. Vorne an stehen für mich praktische Fragen, die sich Grenzpendlern stellen. Deutsche, die sich auf Lolland-Falster ansiedeln möchten, weil sie dort vielleicht arbeiten, müssen alle Antworten aus einer Hand bekommen - auf Deutsch. Von Steuern über Kindergartenregeln bis zu Mietverträgen und Bestimmungen bei einem Hauskauf. Glücklicherweise wissen wir aus der Grenzregion in Jütland, worauf es da ankommt.
Wie fühlen Sie sich eigentlich beim Ausbau der Fehmarn-Route als jemand, der - auch vom Wahlkreis her - an der Jütlandroute zu Hause ist? Sie schaffen damit für ihre eigene Heimat auch ein Stück Konkurrenz. In Sønderjylland und im nördlichen Schleswig-Holstein gibt es die Furcht, abgehängt zu werden.
So sehe ich es gar nicht. 70 Prozent aller dänischen Industrie-Produktion finden in Jütland statt, deshalb bleibt die Verkehrsachse über die Landgrenze wichtig. Was wir dort wegnehmen, ist der Durchgangsverkehr von Seeland und aus Schweden. Diese Entlastung ist dringend geboten. Von und zu meinem Wohnort bin ich ja selbst häufig auf der Strecke unterwegs und weiß, dass da oft der Teufel los ist. Ganz zu schweigen davon, dass es aus umweltpolitischen Gründen das einzig richtige ist, diesen Durchgangsverkehr auf die Fehmarnroute zu bekommen. Jeder Lkw spart dadurch 150 Kilometer und einen entsprechenden CO2-Ausstoß, gleiches gilt für den Energieverbrauch der Güterzüge. Zugespitzt kann man sagen: Selbst wer sonst kein Argument für eine feste Fehmarnbelt-Querung findet, müsste sich zumindest aus Liebe zur Umwelt dafür entscheiden. Ich finde, das müssten die grünen Organisationen in Deutschland begrüßen.
Also ist es Unsinn, dass der starke Mann in Süddänemark, ihr Parteifreund und dortige Regionsvorsitzende Carl Holst, verkehrspolitische Initiativen auch im Umfeld der Landgrenze einfordert?
Ich sehe es nicht so, dass man jemandem etwas wegnimmt, es ist eine Entlastung. Aber ich bin ganz dicht bei Carl Holst und Politikern im nördlichen Schleswig-Holstein: Wenn man an einer Stelle etwas macht, sollte man immer an die Balance denken. Und an die denken wir ja. Wir bauen ja in Jütland aus. Dass die Bahnstrecke Flensburg-Kolding 2015 zwischen Vojens und Vamdrup zweispurig sein wird, ist beschlossene Sache. Wir geben 50 Millionen Kronen für Untersuchungen zum Ausbau der Westküsten-Magistrale aus. Es entstehen Pläne für eine Ochsenweg-Autobahn vertikal durch die Mitte Jütlands bis kurz vor Aalborg.
Die Zahl der mit dem Bau der Querung verbundenen Arbeitsplätze variiert. Welche halten Sie für realistisch?
Zwischen 25.000 und 30.000. Das ist schwer zu sagen, weil es auch davon abhängt, was die privaten Baukonsortien machen, für die wir die Bauarbeiten ausschreiben.
Mit Spannung wird nun die Entscheidung erwartet, welche Hafenstädte den Zuschlag für die Fertigung der 200 Meter langen, 75 000 Tonnen schweren Elemente eines Absenktunnels erhalten. Nach reinen Kostengesichtspunkten müssten die Produktionsstätten wegen der niedrigeren Lohnkosten eigentlich alle in Deutschland und - falls nicht schon zu weit entfernt - Polen liegen statt in Dänemark. Aber das wird politisch in Dänemark kaum durchsetzbar sein, da ja unter anderem gerade auch das Arbeitsplatz-Argument mit den Ausschlag für die Präferenz eines Absenktunnels gegeben hat, oder?
Man kann sich vorstellen, dass man einen oder zwei Plätze in Dänemark findet und einen in Deutschland. Wir haben gar kein Problem mit sehr vielen deutschen Arbeitsplätzen. Ich bin als dänischer Politiker vor allem an Sicherheit interessiert. Und Deutschland steht für Sicherheit.
Aber Sie haben auch den Druck der dänischen Wähler, die ihre berechtigten heimischen Interessen hegen.
Wohlgemerkt: Es geht hier um die Frage: Wo sollen die Elemente hergestellt werden? Nicht darum, wer sie herstellen wird. Die Orte, wo gebaut wird, stehen nicht zur Diskussion, wenn wir sie einmal bestimmt haben. Aber wer dann kommt und dort baut - das können ja private Konsortien aus allen Ländern sein. Deutsch, dänisch, polnisch, britisch, schwedisch - was auch immer.

Hans Christian Schmidt ist seit Februar 2010 dänischer Verkehrsminister im rechtsliberal-konservativen Kabinett von Lars Løkke Rasmusen. Es ist sein drittes Ressort, nachdem der 57-Jährige zwischen 2001 und 2007 zunächst das Umwelt- und später das Ernährungsministerium geleitet hat. Von 2007 bis Anfang 2010 war Schmidt Fraktionsvorsitzender der Regierungspartei Venstre im Folketing. Dem Parlament gehört er nach wie vor an. Gewählt ist der ausgebildete Lehrer im Wahlkreis Hadersleben im deutsch-dänischen Grenzland, wo er in Vojens wohnt.


(fju, shz)
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