Fehmarnbelt : "Für die dänische Baulobby ist das ein Projekt ohne Risiko"

'Der Plan gehört 10 bis 15 Jahre lang auf Eis gelegt':  Malte Siegert (46), Politikwissenschaftler und Leiter des Nabu-Wasservogelreservates Wallnau auf Fehmarn.
"Der Plan gehört 10 bis 15 Jahre lang auf Eis gelegt": Malte Siegert (46), Politikwissenschaftler und Leiter des Nabu-Wasservogelreservates Wallnau auf Fehmarn.

Malte Siegert, Referent beim Naturschutzbund Deutschland und Sprecher vom Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbelt-Querung, sieht den Widerstand wachsen.

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11. März 2011, 08:01 Uhr

Herr Siegert, aus der ursprünglich geplanten unübersehbaren Beltbrücke ist inzwischen ein Tunnel geworden. Folgt man den dänischen Planern, der Femern A/S, steht einem Baubeginn 2014 kaum noch etwas im Wege. Kämpfen deutsche Querungsgegner nicht allmählich auf verlorenem Posten?
Ein kleiner, regional eingegrenzter Haufen Unbelehrbarer - das ist genau das Bild, das die Querungs-Befürworter gerne hätten. Tatsächlich aber wachsen Bedenken und Widerstände. Die Querung ist ja nur ein 19 Kilometer langer Baustein auf der 340 Kilometer langen Verbindung Kopenhagen-Hamburg, und die Bedenken dagegen sind schon lange keine bloße Angelegenheit der Fehmaraner mehr. Hier hat es wohl mal angefangen, aber inzwischen reichen die Proteste bis nach Lübeck, und auch die Menschen in Dänemark werden langsam aufmerksam.

Aufmerksam - worauf?
Natürlich fragen sich die Dänen inzwischen, wie das eigentlich finanziert werden soll. Abgesehen davon, dass die Wirtschaftskrise natürlich auch an Skandinavien nicht vorübergegangen ist - wenn beispielsweise die Maut-Einnahmen nicht zur Kostendeckung reichen, dann ist der Steuerzahler dran.

Könnte uns das nicht egal sein?
Nein! Allein schon deshalb nicht, weil die Brücke unter dem Namen "Eisenbahnachse Fehmarnbelt" eines von 30 prioritären TEN-Projekten ist. TEN steht für transeuropäische Netze. Und wenn man den europäischen Gedanken ernst nimmt, dann gehen uns unsere Nachbarn natürlich etwas an.

Bleiben wir beim europäischen Gedanken: Muss nicht zusammenrücken, wer diesen Gedanken mit Leben erfüllen will?
Einer Studie des Kieler Professors für Internationale und Regionale Beziehungen, Johannes Bröcker, ist zu entnehmen, dass die größten Hemmnisse eines grenzübergreifenden Arbeitsmarktes Maut, Sprache und Währung sind. Wenn den Dänen so sehr am Zusammenwachsen gelegen ist, dann muss man doch mal fragen, warum sie dann noch die Krone haben.

Dennoch: Nur wo es die Gelegenheit gibt, zum Nachbarn zu fahren, kann sie auch genutzt werden. Auch Hochschulen und Universitäten sollen Honig aus der schnelleren Verbindung saugen...
Was ist denn bitte schneller als die Datenautobahnen?

Gibt es denn aus Ihrer Sicht überhaupt gute Gründe für das Projekt Feste Fehmarnbelt-Querung?

Aus Sicht der dänischen Baulobby sicher. Für die ist das ein Projekt ohne Risiko.

Und aus deutscher Sicht?
Die Hinterlandanbindung ist mit 880 Millionen Euro veranschlagt. Diese Zahl stammt allerdings aus dem Jahr 2003 und ist also bereits überschritten. Rechnet man hinzu, dass nach einer Berliner Untersuchung öffentliche Baukosten im Allgemeinen um 60 bis 100 Prozent überschritten werden, sind die 1,7 Milliarden Euro, mit denen der Bundesrechnungshof bereits rechnet, noch relativ günstig.

Es gibt eine Kosten-Nutzen-Berechnung ...
... die eine feste Beltquerung bei 1 : 6,7 sieht. Stimmt. Allerdings hat das Aktionsbündnis diese Berechnung nachprüfen lassen. Die Vieregg-Rössler GmbH ist da auf eklatante Rechenfehler und Fehlannahmen gestoßen und kommt zu dem grundsätzlich anderen Ergebnis von 1 : 0,6.

Mit der Querung soll aber die regionale Wirtschaft befeuert werden ...
Ostholstein ist eine der bedeutendsten Tourismus-Regionen in Deutschland. Kommt die Querung, wächst der Verkehr. Aktuelle Prognosen des Bundesverkehrsministeriums gehen von 78 Güterzügen und 60 Personenzügen täglich aus. Das wäre der Lebensqualität extrem abträglich. Viel wahrscheinlicher als wirtschaftliche Blüte ist da doch der Niedergang des Wirtschaftszweiges Tourismus. Mit so einem Verkehrsaufkommen droht Ostholstein Transitland zu werden.

Unter welchen Bedingungen würden Sie eine feste Querung für sinnvoll halten?
Derzeit unter keinen. Zu den immensen direkten Kosten und den Störungen, die das Absenken der Tunnelelemente ökologisch verursacht, kommen die Gefährdungen anderer Verkehrsprojekte im Land. Geld, das für Fehmarn ausgegeben wird, ist weg. Eine feste Fehmarnbelt-Querung ist weder ökologisch noch betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvoll. Sinnvoll dagegen wäre es, den Plan für zehn bis 15 Jahre auf Eis zu legen. Dann ist auch besser abschätzbar, wie sich die Verkehrsströme wirklich entwickeln.
(shz)

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