Hinterlandanbingung Fehmarn : Bahn will keine neue Trasse zum Belt

Die Bahn will ihre bestehende Trasse durch Ostholstein ausbauen. Güterzüge sollen keine eigene Strecke bekommen, was viele Anwohner gehofft hatten. Foto: Meier
Die Bahn will ihre bestehende Trasse durch Ostholstein ausbauen. Güterzüge sollen keine eigene Strecke bekommen, was viele Anwohner gehofft hatten. Foto: Meier

Sierksdorf, Neustadt und Oldenburg (Ostholstein) wollen keinen Lärm von Güterzügen, wenn die Fehmarnbelt-Querung kommt. Sie hofften auf eine neue Trasse. Die Bahn hat andere Pläne.

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23. September 2012, 06:42 Uhr

Oldenburg | Die Deutsche Bahn bevorzugt für die Hinterlandanbindung des Fehmarnbelttunnels im Wesentlichen den Ausbau der bestehenden Bahntrasse durch die Ostseebäder an der Lübecker Bucht. Für Sierksdorf, Neustadt und Oldenburg allerdings soll es Umfahrungen geben. Dieses Ergebnis nach der Abwägung von neun Gutachten stellte der Staatskonzern auf einer Sitzung des Dialogforums Fehmarnbelt in Oldenburg (Kreis Ostholstein) vor.
Damit wurden die Hoffnungen der betroffenen Städte und Gemeinden an der Lübecker Bucht enttäuscht. Sie hatten aus Furcht vor Lärm und Erschütterungen auf eine neue Güterzug-Strecke außerhalb der Orte entlang der A1 gehofft.
Ungleichgewicht bei der Abwägung?
"Dieses Ergebnis überrascht doch sehr", wunderte sich Ostholsteins Landrat Reinhard Sager. Er verwies auf das Sondergutachten zum Schallschutz, das eine neue Trasse abseits der Ostseebäder bevorzugt. Sager bezweifelte, dass die Bahn die Betroffenheit der Menschen gleichwertig mit anderen Schutzgütern abgewogen habe.
Auch Frank Nägele, Staatssekretär im Kieler Verkehrsministerium, äußerte den Eindruck, zwischen den zu bewertenden Kriterien habe kein Gleichgewicht geherrscht. Dazu zählen neben den Auswirkungen auf den Menschen die Folgen für Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft, Klima, Landschaft und Kultur. Vorausgegangen waren der Gesamtabwägung Einzelgutachten zu Verkehr, Artenschutz, Natura 2000-Flächen, Wildbiologie, Landwirtschaft, Tourismus, den Entwicklungsspielräumen der Gemeinden, Hydrogeologie und Archäologie.
Weniger Flächenverluste, geringere Zerschneidung
Bahn-Gutachter Peter Hermanns widersprach und beteuerte: "Dem Schutzgut Mensch haben wir ein besonderes Gewicht beigemessen." In nahezu allen anderen Bereichen hingegen biete ein Ausbau der jetzigen Strecke Vorteile, etwa durch weniger Flächenverluste und geringere Zerschneidungseffekte. Allerdings sprach er in der Summe auch nur von einem "knappen Vorsprung" der so genannten Bestandstrasse. Sie soll elektrifiziert werden und in einem zweiten Schritt ein zweites Gleis erhalten.
Was der Gutachter nicht sagte: Diese Lösung ist bis zu 300 Millionen Euro günstiger als ein Neubau. Jedenfalls nach den Berechnungen der Bahn. Diese geht für einen Ausbau der Bestandstrasse von rund 900 Millionen Euro aus - der Bundesrechnungshof hingegen von 1,7 Milliarden. Nach derzeitigen Prognosen werden täglich 78 Güterzüge durch Ostholstein rasen, wenn 2021 der von Dänemark finanzierte Tunnel unter dem Fehmarnbelt eingeweiht wird. Für die Hinterlandanbindung hingegen muss Deutschland aufkommen.
Widerstand dürfte nun so richtig aufflammen
Mit dem Negativ-Votum der Bahn zu einem Trassen-Neubau dürfte der Widerstand in der Region nun erst so richtig aufflammen. Erste Äußerungen im Dialogforum sowohl von Vertretern von Gemeinden als auch Bürgerinitiativen weisen in diese Richtung. Als "besonders befremdlich" bezeichnete Ratekaus Bürgermeister Thomas Keller sechs Meter hohe Lärmschutzwände, die die Bahn auf dem dicht besiedelten Süd-Abschnitt der Trasse für notwendig hält. "Das ist eine Riesenbeeinträchtigung für die Bürger und ein Schlag ins Gesicht für die Gemeinden, die sich um eine Attraktivität ihrer Ortsbilder bemühen", schimpfte Keller.
Udo Hahn, Sprecher einer Bürgerinitiative aus Scharbeutz, rief nach dem Vorbild ähnlicher Beschränkungen für Lkw an dicht bewohnten Straßen nach einem Tempo-30-Limit für Güterzüge. Dass die Bahn "und nicht eine neutrale Stelle" die Gutachten bestellt hat, erinnert ihn "an einen Straftäter, der seine Geschworenen selbst aussucht."
Die Hoffnung der Ostholsteiner richtet sich nun auf die Landesregierung. Die wolle die Gutachten der Bahn nun im bevorstehenden Raumordnungsverfahren bewerten, sagte Verkehrs-Staatssekretär Nägele. Er betonte: "Entscheidend bei der Wahl der Trasse ist, dass die Menschen an erster Stelle stehen. Wir brauchen eine sozialverträgliche Lösung, die in der Region akzeptiert wird."

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