Schleswig-Holsteinischer Ingenieur : "Tschernobyl wiederholt sich nicht"

Peter Thiemann im Bauteil eines Stromgenerators, wie er 1972 in Fukushima installiert wurde. Foto: sh:z
1 von 2
Peter Thiemann im Bauteil eines Stromgenerators, wie er 1972 in Fukushima installiert wurde. Foto: sh:z

Der in Schleswig aufgewachsene Peter Thiemann hat am Kühlsystem für Fukushima I mitgearbeitet. Im Interview spricht er über die Situation in Japan.

Avatar_shz von
16. März 2011, 12:34 Uhr

Herr Thiemann, Sie waren am Bau der Anlagen für die Fukushima-Kraftwerke direkt beteiligt. Was wissen Sie über die derzeitige Situation und woher haben Sie ihre Informationen?
Während des Erdbebens waren nur die Reaktoren 1 bis 3 in Betrieb, die Reaktoren 4 bis 6 waren wegen Wartungsarbeiten stillgelegt. Obwohl die drei angeschalteten Reaktoren beim Erdbeben direkt herunter gefahren wurden, wird durch den weitgehenden Zerfall der Kernelemente auch weiter Wärme produziert - und keines der intakt gebliebenen Notfall-Kühlsysteme funktioniert, weil es derzeit keine Möglichkeit gibt, sie mit Strom zu versorgen. Die unteren Stockwerke der Reaktorblöcke wurden durch den Tsunami geflutet. Dadurch wurden die Not-Generatoren für die Kühlung zerstört, gleichzeitig ist es wegen des Wassers im Moment unmöglich, mobile Generatoren anzuschließen. Ich bin in Kontakt mit meinen ehemaligen Kollegen bei General Electric und der Nuclear Regulatory Commission, der US-Atomsicherheitsbehörde.
Wie haben die Techniker auf den Kühlungs-Ausfall reagiert?
Die Reaktor-Kerne wurden mit Meerwasser geflutet, um eine Kernschmelze zu verhindern. Dadurch wurde der Druck weitgehend stabilisiert, allerdings muss von Zeit zu Zeit Druck abgelassen werden. Auch nach den beiden Explosionen an den Reaktoren 1 und 3 - bei denen das Dach, nicht aber die Schutzhüllen um den Kern zerstört wurden - besteht keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung. Zwar besteht noch die Möglichkeit einer Kernschmelze, aber ich halte dies für unwahrscheinlich. Die Brennelemente werden derzeit mit Meerwasser gekühlt - solange bis die Stromversorgung der regulären Kühlsysteme wieder hergestellt ist.
Was passiert mit dem heißen Wasser aus dem Reaktor - wird es wieder ins Meer abgelassen?
Nein, das Wasser bleibt im Gebäude. Vieles verdampft, es wird also nachgepumpt, aber nicht abgelassen.
Wie groß sind die Gefahren im Falle einer Kernschmelze in Fukushima I?
Selbst wenn es zu einer Kernschmelze kommen sollte, würde die schmelzende Masse in den beiden Schutzhüllen aufgefangen werden. Das ist übrigens ein wesentlicher Unterschied zu Tschernobyl: Es gibt eine Schutzhülle aus Stahl direkt um den Kern und darum eine weitere aus Beton. Darunter befindet sich zusätzlich noch eine riesige Betonplatte, die das Durchsickern eines geschmolzenen Kerns in das Erdreich und damit den Austritt von radioaktiver Strahlung verhindern würde. In Tschernobyl gab es keine derartigen Schutzhüllen, eine solche Katastrophe wiederholt sich nicht.
Was ist mit den Berichten über erhöhte Strahlung rund um Fukushima? Der US-Flugzeugträger "Ronald Reagan" soll durch eine radioaktive Wolke gefahren sein.
Es ist Strahlung ausgetreten - allerdings nach meinen Informationen nur in relativ geringen Mengen. Die USS "Ronald Reagan" hat in der radioaktiven Wolke Werte gemessen, die der Strahlung entspricht, der ein Mensch normalerweise in einem Monat ausgesetzt ist - bei einem Transkontinenal-Flug setzen sich Passagiere höherer Strahlung aus.
Wie sieht es im zweiten Fukushima-Kraftwerk aus?
Fukushima II mit seinen vier Reaktoren hat wie auch der Reaktor 6 in Fukushima I eine modernere Bauart. Alle vier haben sich beim Erdbeben automatisch abgeschaltet, auch hier wurden die Kühlsysteme teilweise beschädigt. Die Systeme sind jedoch neuer als in den betroffenen Reaktoren von Fukushima I, und nach meinen Informationen sind die Brennelemente dort mit Wasser gekühlt, also derzeit sicher.
(mki, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen