Japan-Katastrophe : Trinkwasser-Verbot für ein ganzes Dorf

12.272 gelten nach der Kastastrophe in Japan offiziell als vermisst. Foto: dpa
1 von 3
12.272 gelten nach der Kastastrophe in Japan offiziell als vermisst. Foto: dpa

Ein komplettes Dorf in Fukushima darf kein Leitungswasser mehr trinken. Jeder zweite AKW-Arbeiter muss laut Experten mit dem Strahlentod rechnen.

Avatar_shz von
22. März 2011, 08:51 Uhr

In der Region um das Katastrophen-AKW Fukushima steigt die Strahlengefahr für die ausharrenden Menschen. Die Regierung forderte die komplette Bevölkerung in dem Dorf Iitate auf, kein Leitungswasser mehr zu trinken. Messungen dort hätten Werte von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser ergeben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Der Grenzwert liege aber bei 300 Becquerel, heißt es auf der Website des Dorfes, das innerhalb der 30-Kilometer Zone um das AKW Fukushima liegt.
Ministerpräsident Naoto Kan sprach am Montag gleichwohl von einem "langsamen, aber stetigen Fortschritt" in der Atomkrise. Wegen des schlechten Wetters sagte er einen geplanten Hubschrauberflug in das Katastrophengebiet ab. Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau liefen jetzt, betonte Kan. In mehr als 100 Kilometer Entfernung vom AKW wurde in Spinat radioaktives Jod gemessen, dessen Menge den Grenzwert um das 27-fache übersteigt. Die Behörden riefen die betroffenen Gemeinden auf, verstrahlte Lebensmittel nicht in den Handel zu bringen. Bei dem Ort Hitachi, 100 Kilometer südlich des Kraftwerks, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt.

Gepanzerte Armeefahrzeuge werden eingesetzt
Im havarierten AKW bereiten die Behörden den Einsatz gepanzerter Armeefahrzeuge vor. Damit sollen strahlende Trümmerteile weggeschafft werden, die unmittelbar neben den Reaktorblöcken liegen. Die Kühlungsversuche mit Wasserwerfern gehen weiter. Feuerwehrmänner und Soldaten der japanischen Streitkräfte besprühten am Montag erst den Reaktorblock 3, später dann Block 4. Weitere Spezialfahrzeuge sind auf dem Weg.
Im Reaktorblock 2 versuchen die Arbeiter, nach der Stromversorgung auch zentrale Funktionen im Kontrollraum in Gang zu bringen: zunächst die Beleuchtung und dann vor allem die reguläre Kühlung des Reaktors. Dies könne zwei bis drei Tage dauern, sagte Hidehiko Nishiyama von der Atomsicherheitsbehörde NISA.
Die Entsorgung der Schrott-Reaktoren könnte sich bis zu zehn Jahre hinziehen - das berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" am Montag in ihrem Facebook-Profil und berief sich auf einen Informanten des AKW-Betreibers Tepco.

Experte: Die Hälfte der Arbeiter wird sterben
Jeder zweite der verbliebenen Arbeiter im havarierten AKW muss nach Einschätzung des Strahlenbiologen Edmund Lengfelder mit dem Strahlentod rechnen. "Wenn eine Gruppe von zehn jüngeren Leuten zwölf Stunden einer solchen Dosis Leistung ausgesetzt ist, werden 50 Prozent davon, also fünf Männer, den akuten Strahlentod sterben", sagte Lengfelder der "Frankfurter Rundschau" (Montag). Bei der anderen Hälfte der Männer steige das Krebsrisiko "massiv".
Noch immer harren 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbrachten eine weitere Nacht in bitterer Kälte und Regen. Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange, doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen.
(dpa, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen