Tsunami ausgelöst : Erdbebenkatastrophe in Japan

Schwarzer Rauch dringt aus einem japanischen Gebäude. Foto: dpa
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Schwarzer Rauch dringt aus einem japanischen Gebäude. Foto: dpa

Katastrophe in Japan: Ein gewaltiger Erdstoß brachte Häuser zum Einsturz und löste einen Tsunami aus. In der Provinz Miyagi brach ein Feuer in einem Atomkraftwerk aus.

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16. März 2011, 12:14 Uhr

Ein gewaltiges Erdbeben mit unabsehbaren Folgen schockiert Japan und die Welt: Der Erdstoß der Stärke 8,9 löste einen Tsunami aus. Eine gewaltige Flutwelle überspülte die Ostküste der Hauptinsel Honshu. Boote wurden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. Die Zahl der Todesopfer ist nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo auf mindestens 60 gestiegen, zahllose Bewohner der Küstenregionen und betroffenen Städte wurden verletzt.
In Folge des schweren Erdbebens ist in einem Turbinengebäude des Atomkraftwerks Onagawa in der Provinz Miyagi ein Feuer ausgebrochen. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. Es gebe laut Betreiber jedoch keine Anzeichen dafür, dass radioaktive Strahlung austrete. Ministerpräsident Naoto Kan rief Atomalarm aus. Zwar wurden alle Anlagen in der betroffenen Region sofort automatisch heruntergefahren. Das Erdbeben führte dennoch zu Störfällen in zwei Atomkraftwerken. Drei Kilometer rund um das Atomkraftwerk Fukushima wurden etwa 2000 Anwohner aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In einem Gebiet bis zu zehn Kilometern Entfernung sollten die Bewohner in ihren Häusern bleiben, wie der Rundfunksender NHK berichtete.
Nach Experteninformationen aus Japan lief die Notkühlung eines Reaktors in Fukushima nur noch im Batteriebetrieb. Die Batterien lieferten nur noch Energie für wenige Stunden, erklärte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln unter Verweis auf japanische Angaben. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze", sagte GRS-Sprecher Sven Dokter. Was genau passieren könne, sei aber aufgrund der unklaren Lage noch nicht zu beurteilen. Der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital erklärte der Nachrichtenagentur dpa, selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk erzeuge noch so viel Nachwärme, dass man eine Kernschmelze nur dann verhindern könne, wenn die Kühlung sichergestellt sei.
Vier Millionen Haushalte ohne Strom
Das Epizentrum des Bebens gegen 14.45 Uhr Ortszeit (6.45 Uhr MEZ) lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. Möglicherweise sei es das bislang schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans sei, sagte der Chefsekretär des Kabinetts, Yukio Edano, nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo.
Eine zehn Meter hohe Flutwelle traf die Küste rund um die Hafenstadt Sendai, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete. Der Hafen von Sendai wurde ebenso überflutet wie Fischerdörfer der Umgebung. In Aufnahmen aus Hubschraubern war zu sehen, wie die Flutwelle Schiffe, Lastwagen, Autos und Trümmer vor sich her in die Stadt Sendai schob. Flüsse traten durch das einströmende Meerwasser über die Ufer. Die Behörden riefen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu begeben. Es drohten weitere Tsunamis. Auch könne es weitere starke Nachbeben geben.

In Tokio, 400 Kilometer südwestlich des Epizentrums gelegen, brachen an zahlreichen Stellen im Stadtzentrum Brände aus. Für mehr als vier Millionen Haushalte brach die Stromversorgung zusammen, wie die Versorgungsgesellschaft mitteilte. Der Flughafen Narita wurde geschlossen und evakuiert. Auch die U-Bahn von Tokio wurde eingestellt, die Hochgeschwindigkeitszüge (Shinkansen) wurden gestoppt.
Verteidigungsministerium schickt acht Kampfflugzeuge los
Der Leiter des Goethe-Instituts in Tokio, Raimund Wördemann, sagte der Nachrichtenagentur dpa etwa eine Stunde nach dem ersten Erdstoß während eines Nachbebens: "Wir müssen hier erst einmal die Ruhe bewahren." Es gebe im Gebäude keinen absoluten sicheren Raum. "Es gibt nur eben die Aussage, das Gebäude selbst sei besonders sicher, so dass wir hier mit Helm auf dem Kopf und teilweise unter den Tischen kauernd im Moment noch ausharren."
Das Kabinett kam unter Leitung von Ministerpräsident Naoto Kan zu einer Krisensitzung zusammen. Das Verteidigungsministerium schickte acht Kampfflugzeugen los; Luftaufnahmen sollen einen ersten Überblick zu den Schäden ermöglichen. Kan sprach von "enormen Schäden".
Es wird befürchtet, dass die Flutwelle weitere Küsten im Pazifik erreicht
Die Regierung richtete ein Krisenzentrum unter Führung von Kan ein. 900 Einsatzkräfte der Polizei wurden in den Nordosten von Honshu geschickt. Es werde alles getan, um die Schäden des schweren Erdbebens zu begrenzen, sagte der Ministerpräsident. Bislang gebe es keine Probleme mit den japanischen Atomreaktoren. Fünf Reaktoren wurden automatisch abgeschaltet.
Auch aus anderen Orten wurden schwere Schäden gemeldet. In Chiba bei Tokio geriet eine Ölraffinerie in Brand. In Iwate wurden Dutzende von Autos von den Wassermassen weggerissen. Nach einem Erdrutsch in der Präfektur Fukushima wurden acht Menschen vermisst.
Bislang keine Hinweise auf deutsche Opfer
Die Region war erst am Mittwoch von einem Erdbeben der Stärke 7,3 getroffen worden. Dieses Beben verlief allerdings glimpflich. Zudem wird befürchtet, dass die Flutwelle weitere Küsten im Pazifik erreicht. Auf der zu den USA gehörenden Pazifikinsel Hawaii wurde eine Tsunami-Warnung ausgelöst. Dort könnte eine von dem Erdbeben verursachte Flutwelle frühestens um 02.59 Uhr Ortszeit (13.59 Uhr MEZ) eintreffen, wie der US-Fernsehsender Khon TV berichtete. Auch auf den Philippinen und an der russischen Pazifikküste wurden Tsunami-Warnungen ausgerufen.
Von dem verheerenden Erdbeben am Freitag sind nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bisherigen Erkenntnissen zufolge keine Deutschen unmittelbar betroffen. Dies sei allerdings nur eine vorläufige Lageeinschätzung, weil die Kommunikationsleitungen in das Katastrophengebiet sehr eingeschränkt seien, sagte Westerwelle am Freitag in Berlin. Im Nordosten Japans lebten etwa 100 Bundesbürger, sagte Westerwelle weiter. Die deutsche Botschaft sei mit Nachdruck dabei, Kontakte aufzunehmen. Dort habe es Sachschaden gegeben. Westerwelle bot erneut rasche Hilfe an.
Merkel sichert Japan deutsche Hilfe zu
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Japan deutsche Hilfe zur Bewältigung der Tsunami-Katastrophe zugesagt. In einem Telegramm an den japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan schrieb sie am Freitag: "Seien Sie versichert, dass Deutschland in diesen tragischen Stunden an der Seite Japans steht und zur Hilfe bereit ist." Sie habe die Nachricht von dem Tsunami "mit Bestürzung" aufgenommen. Den Angehörigen der Toten sprach Merkel ihr "aufrichtiges Beileid" aus, den Verletzten wünschte sie baldige Genesung.
Die Ausschläge des Erdbebens waren auch in Deutschland deutlich zu messen. "In den letzten 100 Jahren gab es nur etwa ein halbes Dutzend Erdbeben dieser Stärke", sagte der Leiter der Erdbebenstation der Kölner Uni in Bensberg, Klaus-Günter Hinzen. "Dementsprechend stark sind die Ausschläge." Auch das Museum für Naturkunde in Münster besitzt einen Seismographen, der alle Bewegungen der Erdkruste aufzeichnet. "So einen heftigen und langandauernden Ausschlag haben wir seit langem nicht mehr beobachtet", sagte am Freitag Klaus-Peter Lanser vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der das Museum betreibt. Es seien permanent Schwingungen spürbar. "Die Nachbeben werden noch tage- und wochenlang anhalten", sagte Hinze. Ab einer Stärke von etwa 6,5 Magnitude seien Beben weltweit messbar.

(dpa, shz)

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