Krebs bei Kindern : Atomstudie: Ein Ergebnis, aber keine Erklärung

Neuer Wirbel um die Atomkraft: Laut einer Studie ist die Krebsgefahr für Kinder größer, je näher sie an einem Atomkraftwerk aufwachsen. Statistisch. Doch zu den Gründen sagt die Studie nichts. Politiker und Wissenschaftler streiten sich nun auf der Suche nach den Ursachen.

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07. Juli 2008, 09:25 Uhr

Eltern können sich kaum einen größeren Horror vorstellen, als ihr Kind auf einer Krebsstation zu wissen. Dies mag vielen Menschen durch den Kopf schießen, wenn sie flüchtig auf die Resultate einer eben veröffentlichten Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz blicken. Deren Resultat: Kinder erkranken umso häufiger an Krebs, je näher sie an einem der 16 deutschen Kernkraftwerke wohnen. Ebenso wichtig ist aber der Hinweis des Leiters des Kinderkrebsregisters und Mitautors, Peter Kaatsch: "Allerdings kommt nach heutigem Wissen Strahlung, die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb ausgeht, als Ursache nicht in Betracht." Was sollen Eltern, gar solche mit einer Wohnung in der Nähe eines Kernkraftwerks, mit diesen Informationen anfangen?
Die Studie sagt: "In Deutschland findet man einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und der Häufigkeit, mit der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an Krebs und besonders an Leukämie erkranken." Die betroffenen Kinder lebten im Durchschnitt näher an den Kernkraftwerken als die nicht erkrankten, zufällig ausgewählten Kontrollkinder. Dies bedeutet, dass es in der Nähe der Kernkraftwerke irgendetwas gibt, das das Krebsrisiko erhöht. Dass es radioaktive Strahlung ist, sagt die Studie nicht - und auch nicht, was es sonst sein könnte. Die zusätzliche radioaktive Belastung ist in der Nähe deutscher Kernkraftwerke um einen Faktor von 1000 bis 100.000 niedriger als die natürliche Radioaktivität, erklären die Mainzer Forscher.
Die Suche nach dem Auslöser der Leukämie
Derzeit wissen Ärzte nicht genau, was Krebs und Blutkrebs (Leukämie) bei Kindern auslöst. Das sagt der Epidemiologe Joachim Schüz von der dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen, der die Mainzer Studie vor Jahren mitentworfen hatte. Es gebe allenfalls schwache statistische Hinweise. Genetische Veranlagungen, ein hohes Geburtsgewicht, Pflanzengifte und Hochspannungsmasten seien geprüft worden. Die Faktoren könnten bei Leukämie aber allenfalls zehn Prozent der Fälle erklären, sagt Schüz. "Das alles sind schwache Hinweise, die biologisch schwer einzuordnen sind."
Viele Wissenschaftler gingen derzeit am ehesten davon aus, dass die wohlbehütet in den reichen Industrieländern aufwachsenden Kinder weniger Infektionen ausgesetzt sind. Daher könne sich ihr Immunsystem nicht wie früher im Kampf gegen Krankheitserreger schärfen und neige daher zu überschießenden Reaktionen. In der Folge, so die Hypothese, vermehren sich die weißen Blutkörperchen mitunter zu stark - das blutbildende System gerät außer Kontrolle, Leukämie ist die Folge. "Die Suche nach der Ursache wird nicht einfach. Es gibt jedenfalls keinen naheliegenden Faktor in der Nähe der Kernkraftwerke, der auffällt", sagt Schüz.
Unbekannte Faktoren oder doch reiner Zufall?
Solche Zusammenhänge lassen sich indes beliebig konstruieren. Vielleicht ziehen aus irgendeinem Grund besonders viele Eltern vorbelasteter Kinder in die Nähe von Kernkraftwerken. Vielleicht sehen die Ärzte dort auch genauer hin. Eine weitere mögliche Erklärung liefert die Mainzer Gruppe um Professor Maria Blettner: "Denkbar wäre, dass bis jetzt noch unbekannte Faktoren beteiligt sind oder dass es sich doch um Zufall handelt." Diese Begründung lässt sich in diesen Tagen im "International Journal of Cancer" sowie im "European Journal of Cancer" nachlesen, wo die Ergebnisse veröffentlicht sind.
Finanziert wurde die Studie vom Bundesumweltministerium über das Bundesamt für Strahlenschutz. Dessen Präsident Wolfram König sagte: "Wir werden daraus unsere Schlussfolgerungen zu ziehen haben." Welche das sein werden, ließ er offen. Aber während die Autoren schreiben, dass die Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden könne, sagt eine vom BfS eingesetzte Expertengruppe, dass dies "keinesfalls ausgeschlossen werden kann".

Professor Wolfgang-Ulrich Müller vom Institut für Medizinische Strahlenbiologie der Uniklinik Essen hält derweil die Suche nach anderen Ursachen für nötig: "Meine Vermutung ist: Der Effekt hat eine andere Ursache als die Strahlung." Es gebe in anderen Untersuchungen Fälle einer Häufung von Leukämie-Erkrankungen ganz unabhängig von Kernkraftwerkstandorten. Die Eltern müssen also selbst entscheiden, ob sie dem Bundesamt oder den Studienautoren glauben möchten.

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