Bordellbau erregt die Gemüter

Schulklasse von 1904 - aus der Zeit, in der Schulleiter Emil  Wolff für Fürsorge einstand. Foto: Domschule
Schulklasse von 1904 - aus der Zeit, in der Schulleiter Emil Wolff für Fürsorge einstand. Foto: Domschule

Sittlichkeit und Fürsorge werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch gehalten an der Domschule. Der Bau eines Bordells allerdings droht, die heile Welt des Gymnasiums ins Wanken zu bringen. Wie haben die Lehrer darauf reagiert?

shz.de von
05. September 2007, 07:03 Uhr

Schleswig - Schleswig um die Jahrhundertwende. Behutsame Obhut wurde groß geschrieben an der Domschule. Professor Emil Wolff nämlich stand in dieser Zeit der Königlichen Domschule als Direktor vor. Sein Führungsstil war geprägt von einer besonderen pädagogischen Fürsorge: So bat er beispielsweise die Eltern seiner Schüler darum, ihren Kindern bei Regen oder Schnee ein paar Ersatzstrümpfe mitzugeben.
Gleichzeitig bewegte ein Skandal die Schleistadt. Unmut machte sich unter den Bürgern breit, da sie um den Verfall der Sittlichkeit bangten. Die Schleswiger Polizei plante die Errichtung eines Bordells.
Wie allerdings konnte es so weit kommen? Als die Zahl der fragwürdigen Schank- und Speisewirtschaften ab 1836 drastisch anstieg, veränderte dies auch den Wirkungsbereich der Polizisten, die sich nun immer häufiger mit Schlägereien zwischen Betrunkenen und Prostituierten auseinander zu setzen hatten. 1875 soll es acht Vergnügungslokale gegeben haben, pikante Bücher sollen in der Zeitung angepriesen worden sein und unanständige Neujahrskarten erfreuten sich offenbar großer Beliebtheit. Daraufhin gruppierten sich zahlreiche Vereine und schrieben sich den Erhalt der Sittlichkeit auf die Fahnen - ein Trend in ganz Europa. Auf Grund neu erlassener Prostitutionsgesetze intensivierte die Stadt-Polizei ihre Arbeit: Prostituierte mussten sich bei der Sittenpolizei registrieren lassen, und die wöchentliche ärztliche Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten wurde zur Pflicht. Bald jedoch nahmen diese Überprüfungen einen so großen Teil der polizeilichen Aufgaben ein, dass andere Funktionen in den Hintergrund traten. Sollte die Errichtung eines Bordells die Lösung aller Probleme sein?
Nachdem Professor Emil Wolff am Abend des 6. Februar 1906 von den Absichten der Polizei erfahren hatte, rief er für den darauf folgenden Tag eine allgemeine Konferenz zu diesem Tagesordnungspunkt ein. Vor versammeltem Kollegium machte Wolff seinen Standpunkt der Dinge klar: "Schon die Vorstellung von den Vorgängen, die sich in einem Bordell abspielen, vor deren Schilderungen weder Eltern noch Lehrer sie behüten können, verderben die Fantasie in einer Weise, die viel schlimmer und vergiftender wirkt, als alle Romane und Erzählungen es könnten, die wir jetzt aufs Sorgfältigste ihnen fernzuhalten uns bemühen." Nach einer hitzigen Diskussion unter den Lehrern einigte man sich darauf, "den Antrag in geeigneter Form im allgemeinen Interesse und besonders in dem unserer Schüler" zu stellen. So fand sich Wolff am nächsten Tag auf der Polizeistation ein und machten seinen Bedenken Luft.
Trotz aller Bemühungen, die Errichtung eines Bordells zu verhindern, konnte er in dieser Angelegenheit jedoch nichts ausrichten. Aufzeichnungen zeugen davon, dass spätestens im Juli 1907 ein Bordell in der Schleistadt errichtet wurde, in dem die Behörden "15 sich herumtreibende Frauenzimmer" untergebracht hatten.

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