Abi-Eklat 1957: Domschule in den Schlagzeilen

Das Kollegium der Domschule in den Jahren 1957 / 1958. Foto: Domschule
Das Kollegium der Domschule in den Jahren 1957 / 1958. Foto: Domschule

Im Jahr 1957 wurde die Domschule von einem Eklat erschüttert. Fast jeder dritte Abiturient fiel bei der Prüfung durch. Die Verantwortung sahen Schüler und Eltern bei Oberschulrat Heinrich Theune, der in den Prüfungen unfair vorging.

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05. September 2007, 06:54 Uhr

Schleswig - "An Schleswigs Domschule ist etwas nicht in Ordnung." Mit diesen Worten beginnt ein Artikel aus der Bild-Zeitung vom April 1957. Es geht um die Abiturprüfungen an der Domschule. Ein bis dahin einmaliger Vorfall beschäftigt die Boulevardzeitung. Von den 47 Prüflingen fiel fast jeder dritte durch. Die Leitung der Prüfung hatte Oberschulrat Theune als prüfender Regierungskommissar. Bis Jahresfrist war er selbst Direktor der Domschule. Die Abiturprüfungen führten zu einem Eklat zwischen Eltern und Schulrat, der sogar im gesamten Bundesgebiet für Aufsehen sorgte.
Das Abitur wurde seit 1955 nach folgenden Regeln abgenommen: Die Prüflinge wussten bis zum ersten Prüfungstag nicht, wer von ihnen in die mündliche Prüfung musste. Dies sorgte in vielen Fällen für Unsicherheit und daraus resultierende Unannehmlichkeiten. Von der mündlichen Prüfung wurden lediglich Schüler befreit, die mit ihrem schriftlichen Abitur ihre Vorzensur, die man im jeweiligen Fach vor dem Abitur besaß, übertrafen. Dies war in jenem Jahr bei keinem der Fall.
Den Vorsitz bei den Reifeprüfungen übernahm im Wesentlichen der Dezernent für das Höhere Schulwesen im Kultusministerium Kiel. Stimmberechtigt war jedoch nur das Klassenkollegium.
Beim Abitur 1957 sorgte Theune für eine noch größere Unsicherheit der Prüflinge durch die Art seiner Befragung während der mündlichen Prüfung. Er griff massiv in die Prüfungen ein, wobei der eigentliche Fachlehrer eher in den Hintergrund rückte. Theune genoss großes Ansehen und Respekt und hatte daher großen Einfluss. Durch den starken Druck, den er ausübte und unter dem Eindruck eine tendenziösen Unfreundlichkeit und Schärfe, gerieten viele Prüflinge selbst unter starken Druck und bekamen Angst. "Ein normaler Lehrer würde in deinem Gehirn wie nach einer Pfütze in der Wüste suchen, um dir zu helfen", so bewertete einer seiner Prüflinge die Situation im Nachhinein, doch Theune tat genau das Gegenteil. Letztendlich führte dies zum Scheitern von 13 Schülern.
Nach Bekanntgabe der Ergebnisse bekräftigte Theune, dass die wesentlichen Entscheidungen über die Prüfungszensuren einstimmig in der Domschule gefallen seien und dass es nur in vereinzelten Fällen zu Unstimmigkeiten gekommen sein soll. Der hohen Durchfallquote stehen ein bis zwei durchgefallene Schüler in den Vorjahren an der Domschule entgegen.
Theune selbst sah den Grund für das schlechte Prüfungsergebnis darin, dass in diesem Jahrgang bei der Versetzung zur Oberprima vor einem Jahr, als er selbst nicht mehr Schulleiter war, zu großzügig verfahren worden sei.
Diese Aussage Theunes bekräftigt die Vermutungen vieler seine Widersacher. Denn die meisten glaubten den Grund für das strenge Vorgehen Theunes in seiner Ablehung gegen seinen Nachfolger Dr. Erich Pohl zu sehen. Doch lässt sich nicht beweisen, welche Gründe tatsächlich zum strengen Handeln Theunes, wie es die Prüflinge empfanden, führten.
Die nachfolgende Elternbeiratssitzung kam trotz anfänglicher Bedenken des "ungesunden Prüfungsklimas" zu dem Schluss, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass das Prüfungsergebnis durch unsachliche Erwägungen beeinflusst wurde.
Es gab anfangs nicht nur Bedenken bei den Eltern, bundesweit sorgte das schlechte Abschneiden der Abiturienten für Erstaunen. So wurde nicht nur mehrfach in den Schleswiger Nachrichten nach den Ursachen geforscht, sondern auch die Bild-Zeitung diskutierte über die Stadtgrenze hinaus über die Geschehnisse am Schleswiger Gymnasium. Doch wider Erwarten wurde am Gymnasium selbst nicht darüber gesprochen. Selbst in der Schülerzeitung "WIR" kam mit keinem Wort zum Ausdruck, wie diese Ergebnisse zu Stande kamen. Einzelne Versuche von Eltern eines gescheiterten Prüflings beim Kultusministerium Widerspruch einzureichen, scheiterten. Es war zu jener Zeit nicht üblich, im schulischen Bereich die Verwaltungsgerichte zu bemühen.
Doch auch die Versetzung der Unterprimaner durch das Ablegen eines Vorabiturs war in diesem Jahr von einer noch höheren Durchfallquote gekennzeichnet. Von den 56 Schülern, die im Vorabitur standen, wurden 17 nicht in die Oberprima versetzt. Auch insgesamt erreichten 116 Schüler der 650 Schüler der verschiedensten Klassenstufen das Klassenziel nicht. Die Ursachen dafür ließen sich nicht klären, auch wenn der Lehrermangel an der Domschule in den Augen der Eltern einen erheblichen Teil dazu beitrug.
1957 war insgesamt ein enttäuschendes Jahr für die Abiturienten der Domschule. Trotz einiger Versuche, doch noch eine Änderung des Prüfungsergebnisses zu erreichen, änderte sich nichts. Die durchgefallenen Jugendlichen mussten ihren Abschluss auf andere Wege erreichen.

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