Christianstraße in Neumünster : Zwei Frauen, zwei Perspektiven: Mutter und Tochter hoffen auf eine bessere Zukunft

Sabrina (links) und ihre Mutter Sevda leben seit zwei Jahren in der Christianstraße.

Sabrina (links) und ihre Mutter Sevda leben seit zwei Jahren in der Christianstraße.

Sevda und ihre Tochter Sabrina kommen aus Bulgarien. Seit zwei Jahren versuchen sie, in der Christianstraße Fuß zu fassen.

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17. August 2017, 18:00 Uhr

Neumünster | In der Christianstraße leben seit ein paar Jahren immer mehr Bulgaren. Nach dem EU-Beitritt ihres Landes im Jahr 2007 gilt für sie das Prinzip der Freizügigkeit, seit 2014 dürfen sie auch überall in der Europäischen Union arbeiten - das war auch der Traum von Sevda Y.. Die 36-Jährige kam 2015 mit ihrer Tochter Sabrina nach Neumünster. Doch so einfach wie gedacht war der Start in Deutschland nicht.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Ich bin bei Sevda zum Mittagessen eingeladen. Tufan Kiroglu, der Vorsitzende der türkischen Gemeinde, hat den Kontakt hergestellt und begleitet mich. Zu ihm kommen längst nicht mehr nur Türken. Ein Großteil der Mitglieder sind Bulgaren. Viele von ihnen gehören zur türkischen Minderheit in Bulgarien - so auch Sevda.

Als wir in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem der Mehrfamilienhäuser in der Christianstraße ankommen, begrüßen sich Tufan Kiroglu und Sevda auf Türkisch. Sprache verbindet. Mir schenkt sie ein Lächeln und sagt etwas schüchtern „Hallo, ich bin Sevda.“ Viel mehr kommt ihr auf Deutsch nicht über die Lippen. Die alleinerziehende Mutter hat zwar schon mal einen Deutschkurs angefangen und sie versteht auch viel von dem, was ich sage - aber das Sprechen fällt ihr schwer.

Eigentlich wollten wir zusammen etwas kochen, aber Sevda hat schon alles fertig - sie hat ein Vier-Gänge-Menü gezaubert. „Die Bulgaren sind sehr gastfreundlich“, erklärt mir Tufan Kiroglu. „Und Sevda ist gelernte Köchin, da will sie gerne zeigen, was sie kann.“

Im Wohnzimmer deckt Tochter Sabrina gerade noch den Esstisch. Die 16-Jährige geht in die neunte Klasse. Sie war der eigentliche Grund, warum ihre Mutter ihre Heimat verließ. „Ich möchte meiner Tochter ein besseres Leben ermöglichen“, erzählt Sevda auf Türkisch und Tufan Kiroglu übersetzt. Während wir Linsensuppe löffeln, erzählt sie weiter. Vor sechs Jahren sei sie aus Dobritsch, einer Stadt im Nordosten Bulgariens, weggegangen. Es sei schön dort. Im Sommer besucht sie noch gerne Verwandte in der Stadt, die nur 30 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt liegt. Doch nach der Trennung von ihrem Mann habe ihr eine Perspektive gefehlt. Sie versuchte einen Neuanfang. Zuerst in den Niederlanden in Den Haag. Doch dort wurde sie nicht glücklich und entschied sich vor zwei Jahren nach Neumünster zu ziehen. Verwandte, die ebenfalls in der Christianstraße leben, hatten ihr das empfohlen. Sie hatten erzählt, man könne hier gut leben.

Gut leben - das ist so eine Sache. Sevda bekommt Hartz IV. Damit es für sie und ihre Tochter zum Leben reicht, jobbt sie bei einer Zeitarbeitsfirma. Mal putzt sie Hotelzimmer, mal verpackt sie Smartphones. Am liebsten würde sie aber wieder als Köchin arbeiten. Doch dafür spricht sie auch nach zwei Jahren in Deutschland noch zu schlecht Deutsch. Warum das so ist, kann Sevda selbst nicht erklären. Vielleicht fehlt das letzte Stückchen Motivation. Es geht ja auch irgendwie so. Die deutschen Kochsendungen, die sie sich gerne im Fernsehen anschaut, versteht sie immerhin ganz gut - und wenn nicht, dann kann Tochter Sabrina bei der Übersetzung helfen.

Die 16-Jährige spricht viel besser Deutsch als ihre Mutter. Als Sevda den nächsten Gang auftischt, kann mir Sabrina problemlos erklären, aus welchen Zutaten die Moussaka besteht. Im Auflauf stecken vor allem Kartoffeln, Hackfleisch und Eier. Das hätte mir das Mädchen übrigens auch auf Türkisch, Englisch oder Niederländisch übersetzen können. Sabrina spricht inzwischen fünf Sprachen. „Ihr liegt das mehr als mir”, lässt Sevda die anderen übersetzen. Sabrina hat Deutsch in der Daz-Klasse gelernt. Zuhause schnappt sie sich auch häufig ein deutsch-bulgarisches Wörterbuch, um Vokabeln zu üben. Ihr Sprachtalent will Sabrina später zum Beruf machen. „Ich möchte weiter lernen, Abitur machen und Tourismusmanagement studieren”, erklärt die 16-Jährige selbstsicher.

Zum Nachtisch gibt es Künefe, eine Pastete aus Kadayif-Nudeln, auch Engelshaar genannt. Außerdem enthalten: Käse, Pistazien und Zuckersirup. „Die Kadayif-Nudeln bekomme ich in keinem deutschen Supermarkt”, erzählt Sevda. Aber zum Glück gebe es in der Christianstraße mehrere orientalische Läden. Dort kauft sie auch das Obst, das sie als zweites Dessert mit ein paar Kugeln Eis arrangiert hat.

Engelshaar zum Nachtisch.
Christina Norden

Engelshaar zum Nachtisch.

Die Bulgarin scheint sich in Neumünster wohl zu fühlen - vor allem, weil es ihrer Tochter gut geht. Doch richtig angekommen sind die beiden in Deutschland noch nicht. Der Kontakt zu Deutschen fehlt. Auch Sabrina trifft sich nur mit einer bulgarischen Freundin aus der Schule, um gemeinsam durchs Einkaufszentrum bummeln. Tufan Kirglu schlägt ihr vor, in einen Sportverein einzutreten. Das Mädchen sagt, das werde sie sich überlegen. Und Mama Sevda? Der Termin für den nächsten Deutschkurs steht fest. Nur anmelden muss sie sich noch. Integration braucht eben Zeit.

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