Neumünster : Von royalem Glanz zum „Türkenviertel“: Wie sich die Christianstraße veränderte

Die Christianstraße mit dem Vicelinviertel „auf einen Blick“. Die Aufnahme stammt aus den 1960er Jahren.

Die Christianstraße mit dem Vicelinviertel „auf einen Blick“. Die Aufnahme stammt aus den 1960er Jahren.

Zwischen 1840 und 2017 liegen Welten – vor allem die Globalisierung führte zu einem Wandel in der Straße.

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17. August 2017, 18:02 Uhr

Neumünster | Am Anfang steht ein Blick in die Vergangenheit, um die Bedeutung und Entwicklung der Christianstraße über die Jahrzehnte nachzuvollziehen. Die Rückschau offenbart die Überraschung, dass die Christianstraße früher belebt, wirtschaftlich stark und gesellig war. Statt eines tristen Randdaseins war sie einst eine wichtige Straße für Neumünsteraner Bürger.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Ein König gab der Straße ihren Namen

Aus heutiger Sicht mag es ein Bruch sein, aber die Christianstraße wurde nach keinem Geringerem als dem dänischen König Christian VIII. benannt. Und zwar bei seinem ersten Besuch am 25. September 1840, gerade mal vier Monate nach seiner Krönung. Ursprünglich hieß die lang gezogene Straße vom Großflecken/Ecke Kuhberg aus Neumünster heraus „Tungendorfer Weg“. Und wies damit in Richtung Tungendorf, das zu dieser Zeit noch eigenständig war. Weil er schon mal dabei war, seinen königlichen Namen zu spendieren, wurde auch gleich die „Meßtorffsche Fabrik“ in Christiansfabrik umbenannt. Auch die 1867 erbaute Schule in der Hausnummer 23 bekam den Namen Christianschule.

Standort zahlreicher Unternehmen

Die Christianstraße hat ihr Antlitz mehrfach verändert. Die Ansiedlungen von größeren Unternehmen, gemischt mit Lokalitäten haben einst das Bild geprägt, die für ein reges wirtschaftliches und gesellschaftliches Treiben sorgten. Noch bis 1973 hatte beispielsweise die Tuchfabrik von Hans-Friedrich Rowedder ihr Produktionsgelände in den Nummern 8-12. Heute steht dort das Parkcenter.

Von der Karstadt-Filiale zum Tanzlokal

Das Haus mit der Stuckfassade wurde 1904 gebaut. Das Foto wurde Anfang 1960 aufgenommen. Damals gab es dort das Lokal „Oberbayern“, eine Eisdiele Karl Lehmann (links), ein Uhren- und ein Fotogeschäft und die Schuhmacherei Walter Schütt.
Walter Erben/Monika Krebs

Das Haus mit der Stuckfassade wurde 1904 gebaut. Das Foto wurde Anfang 1960 aufgenommen. Damals gab es dort das Lokal „Oberbayern“, eine Eisdiele Karl Lehmann (links), ein Uhren- und ein Fotogeschäft und die Schuhmacherei Walter Schütt.

Die Hausnummer 76-82 hat wohl die wechselvollste Geschichte hinter sich. Kein Geringerer als Rudolf Karstadt hat hier einst eine kleine Filiale mit Lagerraum seines Warenhauses untergebracht. 1891 eröffnete Karstadt am Kuhberg 35 seine dritte Filiale nach Wismar und Lübeck. 1904 schuf Architekt Karl Göttsche für Karstadt eine Verkaufshalle von 1700 Quadratmetern in der Christianstraße. Der Giebel über dem Mitteleingang zeigt bis heute in Stuck die schleswig-holsteinische Doppeleiche. Karstadt hatte mit dieser Filiale kein Glück. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Menschen kein Geld für Konsum. Malermeister Gustav Reimers kaufte das leer stehende Gebäude, baute 1921 Wohnungen und Einzelgeschäfte ein. Sein Sohn Adolf eröffnete 1924 das „Café Reimers“. Später wurden unter verschiedenen Namen Tanzlokale eröffnet – erst das „Oberbayern“, dann das „Mod“ und schließlich das noch heute bestehende „Belle Epoque“. Viele Generationen schwangen hier also hier Tanzbein oder fanden gar die Liebe des Lebens.

1924 eröffnete im eingeschossigen Gebäude in der Christianstraße Nr. 76 bis 82 das „Café Reimers“. Malermeister Gustav Reimers hatte das leerstehende Haus 1921 gekauft und Wohnungen und Einzelgeschäfte eingebaut.
C. Rathje/Postkarten-Sammlung

1924 eröffnete im eingeschossigen Gebäude in der Christianstraße Nr. 76 bis 82 das „Café Reimers“. Malermeister Gustav Reimers hatte das leerstehende Haus 1921 gekauft und Wohnungen und Einzelgeschäfte eingebaut.

Russische Kriegsgefangene waren die ersten Ausländer in der Straße

Im Zweiten Weltkrieg ereignete sich eine besondere Katastrophe: In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1942 stürzte ein angeschossener britischer Flieger vom Typ Vickers Wellington auf das dreieinhalbgeschossige Haus Nummer 94 und brachte es halb zum Einsturz. Zwölf Menschen verloren ihr Leben. Auch andere umliegende Häuser wurden stark beschädigt. Erste Migranten kamen in die Christianstraße. Russische Kriegsgefangene und andere zivile Zwangsarbeiter, darunter auch Frauen und Kinder, wurden zur Räumung der Trümmerteile, Bergung der Toten und dem Abtransport der Schuttberge eingesetzt.

Nachkriegszeit: Die Christianstraße als Heimat der Handwerker

Fünf Fenster – fünf Putzer. Nahezu im Gleichtakt werden die Fenster der Gaststätte „Zur Klostermühle“ in der Christianstraße/Ecke Klosterstraße gewienert.
Walter Erben/Monika Krebs

Fünf Fenster – fünf Putzer. Nahezu im Gleichtakt werden die Fenster der Gaststätte „Zur Klostermühle“ in der Christianstraße/Ecke Klosterstraße gewienert.

 

Die Christianstraße umfasst die Hausnummern 5 bis 170. So zu lesen in einem Adressbuch aus den Jahren 1965/66. Nach heutigen Gesichtspunkten verstößt das Buch gegen Datenschutzbestimmungen. Aber für Leser und Journalisten ist es eine kostbare und vergnügliche Angelegenheit, dort zu blättern, denn die Einträge erfolgten nach Straße und Hausnummern. Dort stehen dann nicht nur die Bewohner, sondern auch die Berufe und manchmal auch der Familienstand. Wie beispielsweise Gustafsson, Marie, Witwe aus der Hausnummer 22 oder Hermine Liebe, Rentnerin aus der 26. Die Berufsbezeichnungen erzählen ganz eigene Geschichten und geben ein Bild darüber, wie Neumünster durch seine Leder- und Tuchfabriken einst geprägt war. Lederarbeiter, Tuchmacher, Wirker, Weber, Kettenschärerin, Strickereibesitzer, Näherin, Textilarbeiter, Schneidermeister, Tucharbeiter, Zwirner, Rundwirkeinrichter, Maschinenbauer, Gerber, Spinner, Appreturmeister und sogar ein Pantoffelmacher wohnten zu dieser Zeit in der königlichen Straße. Berufe, die es seit dem Untergang dieser Industriezweige in der Stadt nicht mehr gibt. So wie eben der Tuchfabrikant Rowedder, der seine Tore in der Christianstraße 1973 schloss.

Und noch etwas ist ersichtlich. Die Namen der Bewohner in den 60er Jahren sind ausschließlich von deutscher Herkunft, bzw. von Menschen, die durch den Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen, Westpreußen, dem Sudetenland, Masuren oder anderen Gebieten als Vertriebene nach Neumünster kamen. Erst Mitte der 60er Jahre kamen die ersten Gastarbeiter in die Stadt.

80er Jahre: Industriezweige brechen weg, der Niedergang beginnt

Auf dem Gelände Christianstraße/Berliner Platz wächst die 1947 in Neumünster gegründete AEG Schaltgeräte-Fabrik. An der Straßenecke gab es jahrelang einen Kiosk.
Walter Erben/Monika Krebs

Auf dem Gelände Christianstraße/Berliner Platz wächst die 1947 in Neumünster gegründete AEG Schaltgeräte-Fabrik. An der Straßenecke gab es jahrelang einen Kiosk.

 

Insolvenz, Verkauf, Veränderung, Umzug, Wachstum – die Gründe für den regen Wechsel der Arbeitswelt in der Christianstraße sind vielfältig. Große Unternehmen wie die AEG beispielsweise wurden durch andere Konzerne aufgekauft und nach und nach eingedampft. Bis zu 2000 Mitarbeiter, darunter viele Gastarbeiter, waren dort tätig. 1982 meldete der Betrieb Insolvenz an, wurde zunächst von Daimler Benz, später von General Electrics übernommen. Heute erinnert nur noch das Portierhäuschen und die leerstehenden Gebäude an diese Zeiten. Die AOK, die Landeszentralbank, die Kirche, die Polizei, das Finanzamt sind nur einige größere Anlieger, die durch ihre Mitarbeiter für regen Betrieb und Umsatz in der Christianstraße sorgten. Sie sind fast ersatzlos weggebrochen.

Bis heute sind aber auch einige Geschäftsleute oder Kneipiers 40 Jahre und länger in der Straße ansässig. Dazu gehören beispielsweise der Schuhmachermeister Hans-Joachim Vauk oder Peter Michalowski, der erst die „Grillklause“ gegenüber der AEG betrieb und 1996 die Kneipe „Zur Klostermühle“ übernahm. „Die AEG-Arbeiter gingen zum Mittagstisch in die Klostermühle, brachten auf dem Weg dorthin ihre Schuhe zur Reparatur und holten sie am nächsten Tag auf dem gleichen Weg wieder ab“, erinnerte sich Hans-Joachim Vauk, der 1977 seine Werkstatt in der Christianstraße eröffnete. Beide erinnern sich an die ersten Gastarbeiter, darunter viele Türken, die nach Neumünster kamen und in den großen Firmen wie der AEG oder der Neumag arbeiteten. Vauk: „Natürlich haben wir auch ausländische Kunden. Da machen wir ja keinen Unterschied.“ Beide sind sich auch einig, dass mit dem Weggang der großen Unternehmen auch der Niedergang der Straße begann. Heute wird sie von Anwohnern wie Fremden gerne als „Türkenviertel“ bezeichnet.

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