Christianstrasse in Neumünster : Vom Traditionsschlachter zum Orient-Supermarkt

Rind, Geflügel oder Fisch – nur Schweinefleisch bietet Bahadir Aslan in seinem Geschäft in der Christianstraße nicht an. Kunde Holger Karl-Schostag schätzt das Angebot.

Rind, Geflügel oder Fisch – nur Schweinefleisch bietet Bahadir Aslan in seinem Geschäft in der Christianstraße nicht an. Kunde Holger Karl-Schostag schätzt das Angebot.

An der Fleischtheke bedient Bahadir Aslan Deutsche, Türken und Bulgaren. Alle schätzen das Angebot. Und doch gibt es auch Probleme.

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17. August 2017, 18:02 Uhr

Neumünster | Bahadir Aslan ist ein erfrischender junger Mann und er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich brauche kein Wort Deutsch vom Kino bis zum Wasserturm.“ Damit bringt der Mitarbeiter des Orient-Supermarktes ein Problem in der Christianstraße auf den Punkt. Für ihn ist die Entwicklung in der Straße auch ein wichtiges Zeichen, warum Integration nicht gut gelingt. Es scheitert auch an der Sprache und der fehlenden Auflage, diese verbindlich zu lernen. Aslan weiß, wovon er spricht.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Der 32-Jährige ist in Bad Oldesloe als Sohn türkischer Eltern geboren. Seine Eltern waren blutjung, als sie nach Deutschland kamen und bauten sich mit viel Fleiß eine Existenz als Gastronomen auf. Fleiß, Ehrgeiz und Anpassung gehören daher für ihn unbedingt zur Integration dazu. Er spricht akzentfrei deutsch, ist ein fröhlicher Menschenfreund, der dennoch kritisch und reflektiert auf das Miteinander von Deutschen und Menschen aller Nationen schaut. Seit vier Jahren arbeitet er im Orient Supermarkt mit Fleischerei in der Christianstraße 56. Von 1968 bis 1997 wirkte dort Siegfried Moka als Fleischer in dem Haus. Sein Nachfolger übergab es im Jahr 2000 an einen türkischen Gemüsehändler. Seit 2011 ist der Laden im Besitz von Abdullah Kirmiziaslan.

Aslan kennt die guten und die schlechten Seiten der Straße

Bahadir Aslan wohnt um die Ecke in der Anscharstraße. Zum Umzug in das „Türkenviertel“, wie er es selber schmunzelnd nennt, musste ihn seine Freundin erst überreden. „Ich hatte zunächst kein gutes Bild von diesem Stadtteil“, gesteht er. Doch die tolle Wohnung in direkter Nähe vom Arbeitsplatz lässt ihn umdenken. Seitdem erlebt er die Ambivalenz der Straße – im Guten, wie im Schlechten. „Viele Bekannte ziehen hier weg, die Situation wird schlechter hier.“ Das merkt er unter anderem auch an den zunehmenden Diebstahlszahlen. Ohne Videoüberwachung und gute Schutzmaßnahmen in dem Supermarkt würde es wohl noch düsterer aussehen. Der starke Anstieg von rumänischen und bulgarischen Banden mit deren Großfamilien hält er für einen entscheidenden Faktor. Auch, dass sich seiner Meinung zu wenig um die Straße gekümmert wird. Einige Häuser verfallen, werden nur noch von Menschen bewohnt, die sich nicht anderes leisten können, windige Gestalten mischen sich dazu, so beginnt eine Abwärtsspirale. „Hier ist so viel Nachwuchs, die bekommen aber gerade nicht die richtigen Impulse.“

Deutsche und Migranten schätzen das besondere Angebot

Die Orient-Fleischerei hat Kunden aller Nationalitäten.
Alexandra Brosowski

Die Orient-Fleischerei hat Kunden aller Nationalitäten.

 

Wenn man denkt, dass die Christianstraße ein düsterer Ort ist, erlebt in dem Orient-Supermarkt eine Überraschung. Das hier ist auch ein fröhlicher Ort mit einem riesigen Angebot. Im hinteren Teil des langgezogenen Ladens steht man schließlich vor der Fleischtheke. Hier wirken heute Mehdi Arac und sein Kollege, Fleischermeister Fahruk Rexhepi. In der Auslage Rind, Lamm und Geflügel. Natürlich kein Schwein. Geschlachtet wird nicht vor Ort, sondern in Norderstedt. Viele Bewohner des Viertels, aber auch viele deutsche Kunden, kaufen hier ein. Sie schätzen das riesige Angebot, dass ihnen durch ihre Urlaubsreisen bekannt ist und nun den Alltagstisch bereichert. Seit der neuen Flüchtlingswelle wurde die Abteilung mit den arabischen Lebensmitteln erweitert. „Wenn die Kunden sich etwas wünschen, dann bestellen wir das auch“, strahlt Bahadir Aslan. Und da ist sie auch wieder seine Zuversicht, dass alles auch gut werden kann. „Diese Straße hat echt Potenzial. Mit etwas Unterstützung kann es hier wieder besser werden.“

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