Christianstraße in Neumünster : Vicelinstuben: Die letzte deutsche Kneipe

Ursula „Uschi“ Rauschke und zwei Stammgäste. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt die Wirtin.

Ursula „Uschi“ Rauschke und zwei Stammgäste. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt die Wirtin.

Im Fenster hängt trotzig eine Deutschlandfahne, drinnen gibt es Bier und Frikadellen. Die „Vicelinstuben“ sind die letzte deutsche Kneipe in der Christianstraße.

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17. August 2017, 17:46 Uhr

Neumünster | Ursula „Uschi“ Rauschke knetet rosa Frikadellenmasse in einer Schüssel. „Ach, das Rezept ist ganz einfach“, sagt sie. „Hack, Brötchen, Salz...“ - „Und Liebe“, unterbricht sie ein Stammgast grinsend, der an einem runden Stehtisch sein Bier trinkt. Es sollen die besten Frikadellen in Neumünster sein. Und der Grund, warum hauptsächlich Deutsche in die Kneipe in der Christianstraße kommen. „Die Türken kommen hier nicht rein. Die haben zu viel Angst wegen Schwein“, sagt Uschi mit einer Stimme, die von Jahrzehnten in verrauchten Kneipen gefärbt wurde.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Auch wenn die Pommes völlig getrennt von den Frikadellen zubereitet werden – die „Vicelinstuben“ werden von den muslimischen Anwohnern gemieden. Aber Kinder kommen in diese Mischung aus Kneipe und Imbiss. Denn in der Theke gibt es lose Süßigkeiten aufgereiht in großen Bonbongläsern. Neben der Tür steht eine große bunte Eistruhe auf den hellen Fliesen.

Vor zwölf Jahren übernahm die heute 59-Jährige das Lokal. Man konnte sich damals mit einem Konzept bewerben und bekam dann eine kleine Anschubförderung: Die Werbung an den Scheiben und ein paar Schürzen. „Hier auf der Ecke sind wir die letzte deutsche Kneipe“, sagt Uschi. Im Fenster prangt eine große Deutschlandfahne, schwarz-rot-goldene Blumenketten hängen vom Regal.

Es würden viele Arbeitslose kommen und Leute, die Hartz IV beziehen. „Aber nicht nur Trinker.“ Es sei schwierig geworden für deutsche Läden, findet sie. „Aber weg möchte ich hier nicht. In den zwölf Jahren sind wir gut zusammen gewachsen – wir sind wie eine Familie.“ Es gibt einen Sparclub mit 50 Mitgliedern.

„Jeder ist woanders Ausländer“

Uschi hat sich inzwischen mit einer Zigarette hinter ihre Theke gestellt, an deren Seite ein Stehtisch mit Stammtischrunde ist. Die meisten der Männer trinken nicht das erste Bier an diesem Sommernachmittag. „Manche erlauben sich hier Dinge...“, deutet ein Stammgast an. „Aber es gibt auch Deutsche, die sind Arschlöcher.“ Uschi nickt: „Manchmal sag' ich auch, die müssen sich anpassen. Aber ich würde das woanders ja genauso machen. Jeder ist woanders Ausländer.“

Ein etwa sechsjähriges Mädchen kommt etwas schüchtern an die Theke und holt sich zwei Eis. „Hast du geweint?“, fragt Uschis Rauchstimme. Das Mädchen sagt leise nein. „Das sieht aber so aus. Und wenn, dann sagst du mir Bescheid, wenn du weinst.“

Mit den älteren Türken komme sie gut zurecht, nimmt die Wirtin die Diskussion wieder auf, als das Mädchen weg ist. Sie erinnert sich, wie ein Gast zu betrunken war, um alleine nach Hause zu kommen. Sie selbst hatte ihn mühsam bis zur Wohnung in der Nähe einer türkischen Teestube gebracht – doch die Treppen würde sie mit ihm nicht schaffen. „Da haben die Männer aus der Teestube geholfen, ihn hochzubringen“, sagt sie.

Integration mit Kindern

Wieder kommt ein Kind. Der schwarzhaarige Junge hält fünf Wassereis hoch und streckt Uschi 50 Cent entgegen.

„Hast du das ausgerechnet?“ fragt Uschi.
„Ja.“
„Gut! Das lernst du in der Schule, ne?“
„Ja.“

Der Junge eilt mit dem Eis raus, um es an wartende Kinder zu verteilen. „Guck mal“, sagt Uschi. „Am Anfang vor zwei Monaten konnte der noch gar kein Deutsch.“

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