Christianstraße in Neumünster : Unsere Eindrücke: Von offenen Gesprächen und verschlossenen Türen

Knapp 800 Meter ist der Bereich lang, in dem die vier Journalisten zahlreiche Geschichten recherchiert haben.

Knapp 800 Meter ist der Bereich lang, in dem die vier Journalisten zahlreiche Geschichten recherchiert haben.

Eine Woche lang haben vier Journalistinnen vor Ort recherchiert. Hier schildern sie, wie sie die Straße erlebt haben.

Avatar_shz von
17. August 2017, 17:04 Uhr

Mira Nagar: „Es gab offene Gespräche und verschlossene Türen“

Schon bevor die ersten Sätze über die Integration in der Christianstraße geschrieben waren, kamen auch schon die Kritiker - wie die Zombies in Michael Jacksons Thriller-Video. Wir würden ja doch nur mit der rosaroten Brille berichten, wir „Bahnhofsteddybärchenwerferinnen“, sagten die einen. Man sollte doch Neumünster nicht immer so schlecht schreiben, klagten andere. Wohlgemerkt hatten wir lediglich gesagt, dass wir eine Woche lang in der Christianstraße mit den Menschen über Integration sprechen wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist jene Straße von Neumünster, in der die Deutschen so gerade eben noch die größte Bevölkerungsgruppe stellen und die im Rest der Stadt ein wenig abfällig-distanziert als Problemstraße, „Little Istanbul“ bezeichnet wird. In beiden kritischen Kommentaren, von so unterschiedlichen Richtungen sie auch kommen, schwingt ein Gedanke mit. Da ist er, ein wunder Punkt der Gesellschaft. Nicht kratzen! Das Wort Ghetto fiel.

Da ich Neumünster gut kenne, war ich nicht das erste Mal in der Christianstraße. Aber so aufmerksam bin ich dort zuvor nie hindurch gegangen, wie an jenem regnerischen Julitag, als wir gemeinsam eine „Ortsbegehung“ machten, auch um die Themen aufzuteilen. Ich war so naiv, mich für die merkwürdige Hinterhofmoschee zu interessieren. Jene roten Backsteinbauten, in denen sich laut Verfassungsschutz Salafisten treffen würden - und die als einzige arabischsprachige Moschee ein Anlaufpunkt für Flüchtlinge sei. Naiv, weil ich dachte, man könnte innerhalb einer Woche ein wenig mehr herausfinden, als im Verfassungsschutzbericht steht. Doch weder Verfassungsschutz noch Moscheevorstand sind besonders schwatzhaft. Na gut, die Telefonate waren teils recht lang, es gab regen Mailverkehr, aber am Ende stand ich vor verschlossenen Türen. Ich erhielt als Journalistin Hausverbot. Die Homepage der Moschee wurde kurz nach einem Telefonat mit einem der Verantwortlichen (der mir sagte, er sei gar nicht der Verantwortliche und ich würde ihn, seine berufliche Existenz und seine Familie doch nur persönlich fertig machen wollen) vom Netz genommen.

Batak und Doppelkopf

Das war aber die Ausnahme. Viele Menschen in der Christianstraße öffneten ihre Türen, ihre Gedanken und ihren Alltag für uns. So ging ich, ohne es zu ahnen, in eine kurdische Teestube, denn an der Tür stand etwas über Baudienstleistungen - Zutritt ab 18. Das machte mich neugierig. Ich wurde mit heißem Tee empfangen und die Männer erklärten mit ihr Kartenspiel Batak. Dass Frauen in diesen Teestuben unerwünscht oder für sie das Beteten gar verboten sei, ist ein Gerücht, dass ich häufiger gehört hatte. Ich kann es nicht bestätigen. Auch als ich mich an einem anderen Tag vor einem Regenguss rettete, gab es Tee in kleinen Gläsern bei Herrn Teymuroglu. Allerdings ist und bleibt der Kulturverein ein Anlaufpunkt für kurdische Männer. Vielleicht hätte ich vorher Batak lernen sollen. Aber ich bin schon so wahnsinnig schlecht in Doppelkopf, was Batak ein wenig ähnelt. Und so wahnsinnig unwissend darüber, wie es sich anfühlt, wenn man in der Fremde frei über seine Sprache, Kultur und Politik reden kann, in der Heimat aber nicht. Ich merkte, dass ich nicht zur Gruppe passte.

Und so verhält es sich auch mit dem Rest der Christianstraße. Die Gruppen bleiben meist unter sich. Die Kurden, die Türken, die Deutschen - nur an wenigen Punkten kreuzen sich ihre Wege und zwar genau dann, wenn sie Besorgungen machen. Ihre Freizeit bleibt oft getrennt.

Bierlokal und Teestube

Nun bleibt die Frage, ob es denn für die Integration unerlässlich ist, dass immer alle mit allen feiern, schnacken, Karten spielen. Dieses Neben- und nicht Miteinander kam mir aber zumindest bemerkenswert vor. Dass die Türken in den Teestuben sind und die Deutschen in den Bierkneipen - um es mal klischeehaft zu vereinfachen.

Zumindest habe ich dafür ein schlaues Fremdwort gefunden - und weil es zwar gestelzt klingt, aber Begriffe manchmal Dinge besser begreifen lassen, nenne ich es hier: Mikrosegregation sagen US-Soziologen, wenn in einer gemischten Nachbarschaft die Weißen, Latinos und Schwarzen jeweils ihre eigenen Orte haben. Das Wort ist aus der Materialwissenschaft entlehnt.

Allerdings haben wir sie auch an mehreren Stellen gefunden: Die Punkte, an denen aus dem Nebeneinander kurz ein Miteinander wird. Da wäre zum Beispiel Uschi. Die Wirtin der Vicelinstuben hat die Stimme einer Schleifmaschine und eine bodenständige, praktische Herzlichkeit. Sie witzelt mit ihren deutschen Stammkunden, die teils am Nachmittag schon mehrere Biere intus haben. Und sie erzählt ohne weiteren Groll, dass die Türken ihre Kneipe meiden - „wegen Schwein“. An einer Stelle kommt es aber doch zu einem Miteinander. Denn es gibt lose Naschis und damit auch Kinder. Und so spricht Uschi fürsorglich mit allen, die bei ihr die ersten Brocken Deutsch ausprobieren. Es sind nur kurze Momente, aber sie sind da.

Baklava und Marmorkuchen

Und so können Politiker und Soziologen noch so lange theoretisieren über Integration und wie sie besser gelingen könnte. Am Ende setzen Menschen wie Uschi diese Aufgabe in die Tat um. Oder die Mütter in der Kita, die bei Festen selbstverständlich Baklava und Marmorkuchen nebeneinander auftischen, wie mir die Pastorin der Anscharkirche erzählte. Es sind kleine Gesten. Aber zumindest größere Schritte als von jenen, die diesen Teil von Neumünster verachten. Herablassend oder hasserfüllt. Jene Kritiker, die von der Christianstraße nichts lesen wollen. Weil sie nur ihre Vorurteile gelten lassen. Oder weil Nichtwissen bequemer ist.

Alexandra Brosowski: „Ich kaufe jetzt öfter mal in der Christianstraße ein“

Ich bin mit meinen 51 Jahren die älteste Journalistin in dieser Runde. Meine erste eigene Wohnung war in der Theodor-Storm-Straße, also direkt um die Ecke von der Christianstraße. Unsere Brötchen holten wir noch bei der Bäckerei Brandt und die Wurst bei Schlachter Moka. Beide gibt es nicht mehr. Aber an den Gemüsemarkt direkt gegenüber dem ehemaligen Eckcafé kann ich mich noch gut erinnern. Den gab es schon und ist auch heute noch da.

Als Schülerin verdiente ich mir mein erstes Geld im „Ollen Kotten“. Nach Dienstschluss wechselten wir gern ins „Mod“, was dann später zum „Belle Epoque“ wurde. Viele hungrige Nachtschwärmer trafen sich dann noch in der Mansarde oder holten bei „Gabrielsen und Schmahl“ in der Kieler Straße die heißen Brötchen direkt aus der Backstube.

Ich bin bei dieser Reportageserie auch für die historische Entwicklung der Straße verantwortlich gewesen. Mit dem Schuhmachermeister Hans-Joachim Vauk und Klostermühlen-Wirt Peter Michalowski hatte ich auch zwei Gesprächspartner, die beide seit über 40 Jahren dort arbeiten. Spannend, dass beide den Wandel besonders durch den Weggang großer Firmen zwar bedauern und sicherlich auch Einbußen haben, aber die Straße nicht als bedrohlich empfinden.

Gefährlich oder lebendig?

Die Ambivalenz dieser Gefühle kann ich nach unserer Arbeit vor Ort gut nachvollziehen. Aus der Ferne mag die Christianstraße gefährlich und vernachlässigt erscheinen und das ist sie in Teilen auch. Es gibt Vermieter, die die Häuser heruntergewirtschaftet haben. Dadurch zogen Mieter ein mit noch weniger Geld und vielleicht auch schlechtem Wohlverhalten. Eine Abwärtsspirale.

Aber für viele Familien ist Viertel insgesamt trotzdem ein lebendiger Ort. Die Straße hätte mehr Beachtung verdient – auch von offizieller Seite. Die Entwicklung der Christianstraße zeigt für mich auch eine Grundproblematik von Integration. Dinge sich selbst zu überlassen, in der Hoffnung, dass sich alles von selbst regelt, funktioniert nicht. Bahadir Aslan, Mitarbeiter im Orient-Supermarkt und Schlachterei, ehemals Fleischerei Moka, hat für mich einen ganz zentralen Satz gesagt: „Vom Kino bis zum Wasserturm können sie durchlaufen, ohne ein Wort Deutsch zu können.“ Damit meinte er auch, dass selbst die Gastarbeiter der ersten Generation bis heute nicht die Sprache ihrer neuen Heimat gelernt haben, lernen mussten. Der Supermarkt war für mich übrigens eine sehr positive Überraschung. Da werde ich jetzt öfter einkaufen.

Jana Walther: „Integration kratzt nur an der Oberfläche“

Die Christianstraße ist ein Fleck in Neumünster, den man besser meiden sollte – besonders als junge Frau, besonders bei Nacht. Genau diese Gedanken trage ich seit Jahren in meinem Kopf. In Neumünster Gadeland aufgewachsen, in Brachenfeld zur Schule gegangen, habe ich diesen Teil der Stadt immer so gut es ging gemieden. Nur mal schnell durchfahren, wenn es in die Stadt gehen sollte. Mehr nicht.

Dass die Anscharkirche, in der ich als Schülerin jedes Jahr zum Weihnachtskonzert der IGS Brachenfeld „Oh du Fröhliche“ schmetterte, schon Teil dieser Straße ist, war mir bis dato gar nicht bewusst. Und dass in dieser von Vorurteilen behafteten Straße eine kultige Eckkneipe, ein uriges Tanzlokal, ein kuscheliges Restaurant und solch spannende Geschichten zu finden sind, ebenso wenig.

Ein mulmiges Gefühl im Bauch

Ja, die Christianstraße ist eine Migrantenstraße. Ja, hier hat sich vieles verändert – auch zum Negativen. Heruntergekommene Häuser, Läden verschwunden, Menschen verzogen, düstere Gestalten. Auch während meiner Recherche stand ich gelegentlich mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch in der Straße. Zum Beispiel, als ich nachts die Eckkneipe Peggy Lu's verließ, um noch ein paar Außenaufnahmen zu machen. Meine Kamera hielt ich etwas fester als sonst in meinen Händen. Irgendwie waren mir die drei Männer auf der anderen Straßenseite doch nicht ganz geheuer. Aber das wäre wohl fast überall der Fall gewesen. Nachts auf den Straßen fühlt man sich als Frau nirgends richtig sicher. Und das definitiv nicht erst, seitdem viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Wenig Kontakt zu den Nachbarn

Das mulmige Gefühl war zum Glück die Ausnahme. Bei der Recherche stieß ich fast immer auf freundliche Menschen und offene Türen. Über sich und ihre Arbeit wollten meine fast ausschließlich deutschen Interviewpartner gerne reden, es gab viel zu erzählen. Doch sobald sich das Gespräch in Richtung der ausländischen Nachbarn bewegte, wurden die meisten etwas zurückhaltender.

Am Erstaunlichsten war für mich dabei die Tatsache, dass in dieser Straße Welten aufeinandertreffen und sich dabei so wenig berühren. Kneipenbesitzerin Peggy Lu, Malermeisterin Simone Speck, Restaurantbesitzer Aleksandar Stevanovic und Club-Inhaber Klaus Leschkus: Sie alle leben oder arbeiten seit Jahren in der Christianstraße. Fühlen sich dort zu Hause, fühlen sich dort wohl. Trotzdem haben sie alle so wenig Berührungspunkte mit ihren ausländischen Nachbarn. Sie leben und arbeiten Tür an Tür - eigentlich ganz nah, doch jeder bleibt für sich. Man grüßt sich zwar, nimmt Pakete an, doch von Kennen kann hier nicht die Rede sein. Die Integration kratzt nur an der Oberfläche, es fehlt noch viel zum Schritt in die Gesellschaft. Es muss mehr kommen – und zwar von allen Seiten.

Christina Norden: „Wer sich integrieren will, der findet in der Christianstraße Anschluss“

Eine Woche lang sind meine Kolleginnen und ich in die Christianstraße eingetaucht – eine Straße, in der wir alle schon einmal unterwegs waren und die doch fremd auf uns wirkte. Kein Wunder: Menschen aus 49 Nationen wohnen dort. Wir wollten wissen, wie diese multikulturelle Gesellschaft zusammenlebt. Wie funktioniert die Integration? Welche Probleme gibt es? Um das zu erfahren, mussten wir versuchen, uns selbst zu integrieren. Es war nicht einfach nur eine Recherche, es war auch ein Experiment.

Als wir unsere ersten Telefonate tätigten, kannten wir niemanden. Wir waren fremd, genau wie die vielen Zuwanderer, die in der Christianstraße ein neues Leben beginnen. Doch schon am zweiten Tag vor Ort hatte ich ein Erfolgserlebnis. Als ich das Sommerfest des Viertels besuchte, erkannte ich schon die ersten bekannten Gesichter: Tufan Kiroglu, den Vorsitzenden der türkischen Gemeinde, und Alexander Kühn, den Quartiersmanager. Beide begrüßten mich freundschaftlich und stellten mir weitere Anwohner vor. Ich hatte das Gefühl, anzukommen. Am nächsten Tag wurde ich von Sevda, einer Bulgarin, zu einem Vier-Gänge-Menü zum Mittagessen eingeladen. Was für eine grandiose Gastfreundschaft! Die Begegnungen: Als Neue muss man den ersten Schritt machen. Aber wer sich integrieren will, der findet in der Christianstraße Anschluss. Die Initiativen vor Ort sind sehr gut vernetzt.

Fühle ich mich nach einer Woche in der Christianstraße integriert? Nein. Denn Integration braucht nicht nur engagierte Helfer. Integration braucht Zeit – erst Recht, wenn man kein Wort Deutsch spricht. Genau deshalb lässt sich meine Situation eben doch nicht mit derer vieler Anwohner vergleichen. Sprache ist der Schlüssel zur Integration und gleichzeitig die größte Hürde. Es ist anstrengend, sich zu integrieren. Und deshalb gibt es auch viele, denen es nicht gelingt. Lisa Matthiesen von der DRK-Migrationsberatung hat mir das Problem so erklärt: „Das ist wie bei uns mit dem Sport. Mir fallen auch immer 1000 Gründe ein, warum es gerade nicht passt.“

Zu Beginn der Recherche dachte ich, dass meine Kolleginnen und ich Antworten finden könnten. Antworten auf: Wie kann Integration erfolgreich gelingen? Doch diese Frage bleibt unbeantwortet. Es gibt keine Patentlösung, denn die Schicksale der Menschen, die zu uns nach Deutschland kommen, sind viel zu individuell.

Was uns aber hoffentlich gelungen ist, ist Mut zu machen, aufeinander zu zu gehen. Auch das gehört zur Integration.

 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen