Christianstraße in Neumünster : Sozial im Waschsalon: Hier wird geschnackt, wenn man denn will

Der Waschsalon in der Christianstraße ist nicht nur eine Wäscherei. Kunden kommen gerne - auch weil sie mit anderen schnacken können.

Der Waschsalon in der Christianstraße ist nicht nur eine Wäscherei. Kunden kommen gerne - auch weil sie mit anderen schnacken können.

Seit 17 Jahren kommen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in den Waschsalon. Doch im Vergleich fällt Neumünster negativ auf.

Avatar_shz von
17. August 2017, 17:55 Uhr

Neumünster | Seit 17 Jahren gibt es in der Christianstraße in Neumünster schon einen Waschsalon. Beeindruckend. Hat nicht heutzutage jeder eine eigene Waschmaschine? Nein. Mal fehlt der Platz, mal das Geld. Und manchmal mögen die Kunden einfach die besondere Atmosphäre. So geht es auch Willy, der seinen echten Namen nicht nennen möchte.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Willy ist als Kraftfahrer immer unterwegs. Seine Dachgeschosswohnung ist zu klein und außerdem ist er jobbedingt viel allein. Er ist hier daher ein Stammgast. In den Waschsalon geht er, solange er denken kann. „Das ist hier ein ganz sozialer Ort.“ Auch jetzt ist er nicht allein. Ein Kumpel ohne Wäsche, aber mit Problemen steht an seiner Seite. „Über die Jahre hört man hier wirklich besondere Geschichten, auch sehr traurige“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. „So wächst man mit den Menschen hier zusammen, als würde man Freunde treffen, aber ausschließlich hier. Wenn man lange nicht da war, machen sich die anderen sogar Sorgen.“ Sein eigentlicher Waschtag ist der Sonnabend. Dann kommt er von seinen langen, einsamen Touren heim. Am Wochenende ist es richtig voll im Center. Da muss man die richtige Mischung finden, zwischen freien Maschinen und dem passenden Schnackpartner. Willy macht es sich richtig nett mit Käffchen und Plausch mit der Reinigungskraft. Die Wäsche erledigt er so nebenbei.

Im Waschsalon gehen zwischen 7 Uhr und 21.30 Uhr Kunden ein und aus.
Alexandra Brosowski

Im Waschsalon gehen zwischen 7 Uhr und 21.30 Uhr Kunden ein und aus.

Ursel und Gabi Neumann* (*Namen verändert) kommen immer dann aus ihrem Dorf bei Neumünster angefahren, wenn besondere Dinge gewaschen werden müssen. Schwere Wolldecken, Kissen, Bettdecken werden nur von der schweren Industriemaschine im Waschcenter bewältigt. Die Haushaltsmaschine würde daran zugrunde gehen. Mutter und Tochter zelebrieren das wie einen Ausflug in die große Stadt und halten ebenfalls einen gemütlichen Schwatz, während die Textilteile vor ihren Augen rotieren.

Menschen verschiedener Nationalitäten gehen ein und aus

Auch schwere Textilien wie Wolldecken, Kissen oder Bettdecken können problemlos gewaschen werden.
Alexandra Brosowski

Auch schwere Textilien wie Wolldecken, Kissen oder Bettdecken können problemlos gewaschen werden.

 

In den Abendstunden nimmt der Betrieb sichtlich zu. Die Menschen haben Feierabend und daher endlich Zeit. Nun kommen auch viele Wäscher aus anderen Nationen. Kritisch, manchmal ängstlich schauen sie auf die Kamera. Interviews geben kommt nicht infrage, auch schon wegen der Sprache. Manche Kunden wollen überhaupt keinen Kontakt. Sie wollen einfach in Ruhe waschen. Sie suchen gezielt die nicht so gut besuchten Zeiten. „Alle Tage und feiertags, 7 bis 21.30 Uhr“ stehen draußen groß die Öffnungszeiten an der Tür. In diesem Zeitraum lässt sich wohl für jeden die passende Zeit finden. „Hier kommen viele Rumänen mit vielen Kindern“, weiß Willy zu berichten. „Und man merkt immer, wenn eine Großbaustelle in der Stadt ist, dann kommen die Bulgaren, Italiener und die anderen Arbeiter.“

Vandalismus nimmt zu – mehr als in Kiel

Jutta Sander ist die Betreiberin und eine alte Häsin im Waschsalonbetrieb. Sie hat noch andere Center in Schleswig-Holstein, darunter auch zwei in Kiel. „Kann man damit noch Geld verdienen?“, wird sie oft von Bekannten gefragt. „Klar, sonst würde sie es ja nicht tun“, pflegt sie dann zu antworten. Sie kennt ihre Kunden, hat einen festen Stamm und über die meisten ist sie froh. Aber seit einigen Jahren bemerkt auch sie die Veränderung in der Straße. „90 Prozent der Besucher sind sehr nett und ordentlich“, erklärt die 66-Jährige. „Leider entwickeln sich die anderen zehn Prozent sehr zum Schlechten.“ Es gibt mehr Zerstörungswut, Randale und Pöbeleien, dass sie schließlich auch eine Videoüberwachung installierte, die auch schon zur Täterergreifung geführt hat. „Es tut mir so leid, für unsere netten Kunden“, bedauert sie. Aber im Vergleich zu den Salons in der Landeshauptstadt Kiel mit viel mehr Besuchern fällt Neumünster negativ auf.

„Interessanterweise gibt es viele, die denken, dass das Waschcenter der Stadt gehört. Und bräuchten sich vielleicht auch deshalb nicht zu benehmen“, vermutet sie als eine Ursache für Vandalismus. Auch die Schließung vieler Geschäfte, das Vernachlässigen von Häusern und damit die Veränderung der Bewohnerstruktur sieht sie als Ursachen. Ans Aufgeben hat sie manchmal schon gedacht. „Aber das möchte ich meinen vielen tollen Kunden auch nicht antun. Das wäre unfair.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen


Nachrichtenticker