Christianstraße in Neumünster : Restaurant Klostermühle – ein Zufluchtsort aus einer anderen Zeit

Die Klostermühle zählt zu den ältesten Restaurants in Neumünster.

Die Klostermühle zählt zu den ältesten Restaurants in Neumünster.

Peter Michalowski arbeitet seit 40 Jahren als Gastronom in der Christianstraße – und hat einen Wandel bemerkt.

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17. August 2017, 17:57 Uhr

Neumünster | „Früher da waren manchmal schon um 9 Uhr die ersten hundert halben Hähnchen überm Tresen“, erinnert sich Peter Michalowski. Früher, das war, als er noch den Imbiss „Grillklause“ in der Christianstraße 92 hatte. Die „Grillklause“ ist lange Geschichte. Sie gehört zu dem Teil der Straßen-Biografie, als die Christianstraße noch ein belebter Wirtschaftsstandort war. Früher arbeiteten direkt gegenüber der Grillstube Heerscharen von AEG-Mitarbeitern oder auch von der Maschinenbaufirma Neumag, heute Oerlikon-Neumag, Nr. 168-170. Die kamen nicht nur gern auf einen Mittagsimbiss bei ihm vorbei, sondern orderten auch Großbestellungen für Geburtstage und Jubiläen.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

1995 hat General Electric die AEG übernommen. Abwärts ging es peu à peu mit dem Unternehmen. Michalowski erkannte die Zeichen der Zeit in seiner Kasse und war bereit für einen Wechsel. Der Christianstraße ist er treu geblieben. Vom Kultimbiss wechselte er am 23. April 1996 in die Kultkneipe „Klostermühle“ in die Hausnummer 32. Hier wirkte bis zur ihrem 85. Lebensjahr die legendäre Toni Lindstedt, die die Eckkneipe von ihrem Vater übernommen hatte. Stadtbekannt wurde Toni allein schon für ihre Krebssuppe, die sie zu jedem Jahrmarkt in riesigen Töpfen auf dem alten Gasherd ansetzte.

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In der Klostermühle gaben sich früher die Leute die Klinke in die Hand. Schließlich lag sie damals noch sehr gut fußläufig zur Polizei, zur Kirche, zum Finanzamt, zur Landeszentralbank und vielen weiteren Unternehmen und Institutionen, deren Mitarbeiter sich neben dem Mittagstisch auch schon mal ein Mittagsbierchen gönnten. Nach dem Weggang dieser wurde es bedeutend ruhiger. Und dennoch lebt die Klostermühle bis heute von den alten Stammtischlern, dem monatlichen Jazzkonzert, den beiden Sparklubs und den Grünkohlessern. Viele seiner Gäste sind sogar noch aus Tonis Zeiten übrig geblieben. Ab November brennt die Hütte. Alle wollen Grünkohl und Weihnachtsfeiern. In dieser Zeit steht der Wirt mehr in der Küche vor den riesigen Kohltöpfen. „Da kann ich mich manchmal nicht retten. Wäre schon toll, wenn das auch in anderen Monaten so wäre.“

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Fast sein ganzes Arbeitsleben hat Michalowski in der Christianstraße verbracht. Direkt nach der Bundeswehr entschied er sich für die Gastronomie. Und weil er dort geblieben ist, gehört er heute bestimmt zu einem der ältesten, noch tätigen Gastronomen in der Stadt. Das hat er auch nie bereut. Auch wenn sich die Zeiten sehr gewandelt haben. Vor allen Dingen der Weggang von vielen größeren Unternehmen und Institutionen hat seiner Meinung nach die negative Entwicklung der Straße befördert.

Die Berührungspunkte fehlen

Mit seinen ausländischen Straßenmitbewohnern hat der Pächter immer eine gute Nachbarschaft gepflegt. In der Grillklause hatte er mehr Kontakt zu anderen Nationen. Heute fehlen die Berührungspunkte. Die Klostermühle besuchen ausländische Bewohner nur selten, schließlich trinken viele Gläubige keinen Alkohol und in seiner traditionellen Holsteiner Küche ist zu viel Schwein drin. Sein Arbeitsleben in der Christianstraße, die Wohnung in einem anderen Stadtteil. Dass die Christianstraße ein gefährliches Pflaster sein soll, kann er nicht nachvollziehen. „Angst braucht man hier nicht zu haben. Ich habe eine Stammkundin, die wohnt seit 20 Jahren hier und fühlt sich total sicher. Ich glaube, dass ganz andere Straßen in Neumünster viel gefährlicher sind.“

Peter Michalowski ist 62 Jahre alt. Ein paar Jahre wird er noch machen als Gastronom. Er ist sich nicht sicher, dass er noch einen Nachfolger findet. Vor allen Dingen einen, der ein bisschen an dem Kult festhält. Eins findet er besonders toll an seiner Kneipe: „Hier kommen immer noch alle hin, vom Arbeiter bis zum Doktor.“ In der Klostermühle scheint die Zeit stillzustehen. Die Stammgäste sitzen noch im gleichen Ambiente, wie zur Eröffnung der Kneipe 1896 durch Peter Mommens, den Vater von Toni Lindstedt. Schon 1902 wurden die Holzbalkendecke, die Wandvertäfelung, der Parkettfußboden und der imposante Tresenbereich eingebaut. Und vielleicht ist es genau diese Atmosphäre, dieses stehen gebliebene, wie aus der Zeit gefallen, was die Gäste so schätzen. Drinnen ist jedenfalls eine andere Welt als draußen.

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