Anscharkirche in Neumünster : Pastorin der Christianstraße: „Der Integrations-Wunsch muss beidseitig sein“

Pastorin Doege-Baden-Rühlmann wünscht sich für eine bessere Integration mehr gemeinsame Orte.

Pastorin Doege-Baden-Rühlmann wünscht sich für eine bessere Integration mehr gemeinsame Orte.

Im Interview spricht Angelika Doege-Baden-Rühlmann über gelungene Integration - und über Hürden.

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17. August 2017, 17:43 Uhr

Im Kindergarten der Anscharkirche sind 35 Kinder aus elf Nationen – wo funktioniert da die Integration und wo nicht?
Ich erlebe gelungene Integration, wenn Menschen eine Aufgabe bekommen. Beim Kaffeetrinken mit Frauen merken wir, dass wir ähnliche Probleme haben. Wir sorgen uns um unsere Kinder, gehen dann aber wieder zurück in unsere eigenen Häuser. Es gibt wenig Kontakt über die privaten Häuser. Hier in der Einrichtung würde ich sagen, passiert Integration über die Funktion im Kindergarten. Elternvertretung ist ein Punkt. Das Feiern der Feste ist ein anderer Punkt, wo man auch mal Zeit hat, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu fragen: Wir feiern Ostern – was feiert ihr? Das tun aber nur wenige und das müsste man, glaube ich, noch viel mehr herauskitzeln.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Im Kindergarten sind ja die Nationen gemischt – doch in den Cafés und Kneipen findet das Leben eher getrennt statt. Gibt es noch weitere Orte, von denen man sagen kann: Da sind alle ohne Trennung von Nationen oder Glauben?
Bei uns in der Kirche gibt es das wenig. Es sind gelenkte Situationen, zum Beispiel in unserem „For You Café“. Dort treffen sich die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge, die hier nebenan in der Parkstraße wohnen, zum Beispiel mit Schülern der Klaus Groth-Schule. Wir haben Ehrenamtliche, die das mit großer Liebe gestalten. Dann ist ein Mann sehr engagiert: Er sucht deutsche Jugendliche, die mit den Jungs Fußball spielen. Es ist immer sehr individuell, wenn hier so etwas gelingt. Ein Treffpunkt ist, glaube ich, hier auf der Wiese am Spielplatz. Dort trifft man sich ungezwungen und per Zufall.

Wo liegen denn die Hürden?
Bei uns ist oft das Sprachliche eine Hürde. Man versteht sich nicht immer untereinander. Oder wir wissen voneinander zu wenig. Wir hatten zum Beispiel einen Ausflug in den Tierpark geplant – während des Ramadan – und einige Kinder sind nicht mitgefahren. Wir haben uns da sehr gewundert. Der Grund war: Man geht im Ramadan nicht dorthin, wo es dreckig ist. Doch das weiß ich erst jetzt. Auch bei der Kleidung gibt es Trennendes. „Die hat ja nichts an“, habe ich von der einen Seite im Sommer schon gehört. Oder von der anderen Seite: „O Gott, jetzt zieht die auch noch einen Tschador an.“ Ich habe das Gefühl, das Fremde trägt immer noch dazu bei, dass es wenig Integration gibt. Wir haben Mütter, die wollen mit anderen kommunizieren und die können auch die Sprache. Und andere wollen es nicht. Und so ist der Mensch halt gestrickt, so ist es ja überall. Hätten wir aber noch mehr Orte und würden wir noch mehr voneinander wissen, dann würde auch die Sorge voreinander kleiner werden.

Und wo liegen die Grenzen?
Was ich schwierig finde ist, wenn Frauen hier nicht unter den gleichen Rechten leben. Das ist für mich ein großes Problem. Wenn es Frauen verboten wird, an bestimmten Dingen teilzunehmen. Wenn es Mädchen verboten wird, auf Klassenfahrten mitzufahren. Das sind Rechte, die haben wir uns hier erkämpft, unsere Mütter und Großmütter haben dafür gekämpft. Integration heißt für mich nicht, ich werde mich auf alles einlassen. Die demokratischen Rechte möchte ich gewahrt wissen. Ich will eine Frau achten, wenn sie mit Gesichtsschleier herkommt. Ich will aber auch, dass die Mitarbeiterin mit der kurzen Hose genauso von allen geachtet wird. Wenn ich auf die muslimische Seite gucke, habe ich nicht das Gefühl, dass da so ein großer Wunsch nach Integration ist. Und darüber müsste man ins Gespräch kommen und fragen: Wollt ihr eigentlich mehr integriert werden? Oder reicht euch das so?

Wo sind die Gemeinsamkeiten?
Bei uns im Kindergarten, da findet ein Stück Normalität statt. Beispielsweise wenn wir ein Fest haben. Dann sitzen wir auch miteinander am Tisch oder wir besuchen einen Bauernhof mit den Kindern und jeder bringt etwas zu Essen mit. Dann steht das Baklava neben dem Marmorkuchen. Da passiert auch unter den Müttern etwas. Dann ist nämlich Frau Mustafa genauso Mutter wie Irene.

Was ist mit den Vätern?
Väter kommen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Wenn man sich über pädagogische Dinge ärgert. Wenn man mit einer Erzieherin nicht klarkommt. Wenn man Zahlungsrückstände hat und ich die Kündigung ausgesprochen habe. Dann kommen Väter. Das ist doch noch sehr traditionell.

Ist es ein Widerspruch, wenn in einem christlichen Kindergarten ein Großteil der Kinder muslimisch ist?
Ich bin oft gefragt worden, warum ich überhaupt Gottesdienste anbiete und ob ich nicht den Kindern da was überstülpe. Aber das glaube ich nicht. Wenn ich in einer Einrichtung die Kinder auf die Schule vorbereite und sie lernen die Zahlen von 1 bis 9, dann stülpen wir ihnen ja auch etwas über. Ich finde, wir sind in einem christlichen Umfeld, unser Staat ist christlich geprägt, auch wenn Menschen das nicht wahrhaben wollen. Und das bringen wir unseren Kindern bei. Die Leute wissen auch, dass es zu unserem christlichen Profil gehört, dass wir regelmäßig Gottesdienste feiern, dass wir beim Essen mit den Kindern beten.

Wie sieht das dann aus?
Wenn ich Gottesdienste feiere, dann ist es mir ein großes Anliegen, den Kindern nicht die Wurzeln zu nehmen. Ich spreche von Gott und glaube, wir haben einen Gott. Der Islam ist 600 Jahre jünger als das Christentum und er ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Genau wie das Christentum nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Wir haben ganz viel gemeinsam. Und was ist das, was uns verbindet? Das ist das Gebet. Vielleicht beten wir in anderen Formen. Und die Kinder dürfen beten, wie sie möchten. Wie sie es von zu Hause kennen. Da darf Aisha so beten [Sie hebt die Handflächen zu Decke] und Iman setzt auf den Fußboden und Doris betet so [Sie faltet die Hände]. Aber wir beten. Das heißt, wir sprechen mit einer transzendenten Größe, weil wir daraus unsere Kraft bekommen.

Wird der Kindergarten denn allein von der Kirche getragen?
Der Kindergarten wird getragen durch Zuschüsse des Landes, Elternbeiträge, Zuschüsse des örtlichen Trägers der öffentlichen Jugendhilfe und Eigenleistungen des Trägers.

Gab es schon Überlegungen, auch Erzieher muslimischen Glaubens anzustellen?
Das würde ich gern, darf es aber nicht. Wir sind Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und unsere Mitarbeiter müssen aus einer der Glaubensgemeinschaften kommen.

Wie funktioniert die Nachbarschaft mit der Moschee?
Das funktioniert sehr gut. Wir besuchen mit den Konfirmanden die Moschee und das türkische Friedensfest ist bei uns auf dem Rasen. Einiges ist aber fremd. Wenn man zum Beispiel zum Essen eingeladen wird, weiß man nicht genau, wie man sich kleiden sollte, um nicht anzuecken. Vielleicht mache ich mir da aber auch zu viele Gedanken...

Bei vielen Deutschen ecken zum Beispiel Frauen mit starker Verschleierung an.
Ich bin mir nicht so sicher, ob der Wunsch nach Integration immer so beidseitig ist. Wollen wir nur Leute integrieren oder will man sich auch integrieren lassen? Und ich glaube, wir leben in einer Welt mit zwei Welten. Das ist nicht schlimm und kann auch gut funktionieren. Aber wir haben immer den Wunsch, dass Integration heißt: Du bist so wie ich bin.

Also eher eine Assimilation.
Ja und das wird nicht unterschieden. Wenn das richtig funktionieren soll, dann müsste es so sein, dass es von beiden Seiten heißt: Ich bin ich und du bist du. Und dann ist eine eben Fatima mit dem Schleier. Normalerweise trage ich auch ein Kreuz und ich will mir das nicht nehmen lassen. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Im Korintherbrief steht auch drin, ich soll mein Haupt verhüllen. Die Frauen hier haben früher oft ein Kopftuch getragen, meine Mutter auch.

Wie ist es denn, als Kind hier aufzuwachsen?
Hier im Vicelinviertel ist die Arbeitslosigkeit sehr groß. Drogen, Alkohol, Gewalt, alles gibt es hier. Die Vicelinschule ist eine wirklich gute Schule, die mit vielen Projekten Wege der Integration gangbar macht. Es gibt viel Kinderarmut und viele Kinder kennen die Tafel und das Anstehen in der Kieler Straße. Es gibt viele alleinerziehende Mütter hier, die auch oft arbeitslos sind. Viel Perspektivlosigkeit.

Woran liegt das?
Ich glaube das liegt zum Teil daran, dass es für die, die in diesem Brennpunkt hier aufgewachsen sind, gar nicht so einfach ist, den zu verlassen. Sie sind dann zum Teil früh schwanger geworden. Man hat es ja versucht mit dem Bildungszentrum. Das ist aber nicht so gut gelungen. Wer geht denn schon ins Bildungszentrum, das ist schon vom Namen viel zu hoch.

Sie haben ja in Ihrer Gemeinde auch ältere Leute. Wie denken die über das Thema?
Für sie, würde ich sagen, ist Fremdsein Bedrohung - auch der Flüchtlingsstrom. Viele haben da keine Erfahrungen, kennen niemanden. Sie denken, dass sind die mit dem Kopftuch. Da macht das Fremde Angst und da sind wir immer noch nicht weiter. Diese Ängste werden auch von den Medien geschürt. Dabei wollen die allermeisten Menschen, die aus anderen Nationen zu uns kommen, in Frieden leben. Und trotzdem werden sie verantwortlich gemacht für die Gewalt in unserer Welt. Wir haben Menschen, die kommen hierher, weil sie es in ihrem eigenen Land nicht aushalten. Und bei manchen Besuchen höre ich, grade in diesem Bereich, wo der soziale Druck sehr groß ist: Die nehmen mir den Arbeitsplatz weg. Und das sagt mir ein junger Mann, der in seinem Leben noch nie gearbeitet hat. Wenn ich dann frage: „Welche Stelle hat er dir denn weggenommen?“ Dann kann er nichts sagen.

Wir haben ja viel über Probleme geredet. Wo würden Sie denn die positiven Seiten sehen, wenn so viele Nationen zusammenleben?
Die Reize sind die Vielfalt. Was aber, finde ich, wenig Wertschätzung bekommt. Wir reden mehr über Probleme. Ich habe das Gefühl, die Neumünsteraner sehen nicht die Besonderheit, die Vielfalt dieser Stadt. Ich kann hier im Tschador laufen, kann im Kopftuch laufen, ich kann halb nackend laufen – und heute guckt sich doch keiner mehr nach einem Tschador um. Würde das Gleiche in Bad Oldesloe sein, dann würden alle gucken. Ich lebe in Bad Oldesloe, aber ich bin furchtbar gern hier Pastorin. Das klingt ein bisschen kitschig, das weiß ich. Hier als Pastorin zu arbeiten, ist für mich auch ein Geschenk, weil ich das Gefühl habe, Kirche hat hier auch noch eine Stimme. In vielen Bereichen ist das ja nicht mehr so. Und ich finde, es ist ein großer Reichtum, Menschen kennen zu lernen mit ganz unterschiedlicher Couleur. Wenn es denn geschieht – wenn es Orte gibt, wo man sich kennen lernt.

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