Christianstraße in Neumünster : Hausverwalterin versucht das Gleichgewicht der Kulturen herzustellen

Gabriele Momsen-Seligmann weiß, wie es hinter den Fassaden der Straße aussieht und verfolgt bei der Vermietung klare Prinzipien.

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17. August 2017, 18:00 Uhr

Neumünster | Die Wohnungsannonce liest sich sehr gut: Drei Zimmer, 105 Quadratmeter, 2017 modernisiert, sehr gute Verkehrsanbindung, 800 Euro Warmmiete. Die Bilder dazu machen Lust auf eine Besichtigung: zwei Balkone, Stuck, große Wohnküche. Und doch steht die Wohnung seit über einem halben Jahr leer. Das Problem: Sie liegt in der Christianstraße.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Gabriele Momsen-Seligmann ist Hausverwalterin und versucht einen neuen Mieter zu finden. Die Immobilienfachfrau ist lange genug im Geschäft, um nicht nervös zu werden. Sie weiß ganz genau, dass sie niemanden dazu überreden kann, in die Christianstraße zu ziehen. „Das hat keinen Zweck. Ich sage den Leuten, wenn sie nicht aus Neumünster kommen, dass die Wohnung sich am Anfang des Vicelinviertels befindet und dass hier ein buntes Völkchen lebt, ja so drücke ich das aus.“ Viele wüssten dann, was sie meint. „Aber die müssen das selber sehen und sagen: Ich kann damit leben. Die Leute müssen offen sein dafür.“

In diesem wunderschönen Wohnzimmer will keiner wohnen. Hausverwalterin Gabriele Momsen-Seligmann findet keinen passenden Mieter.
Christina Norden

In diesem wunderschönen Wohnzimmer will keiner wohnen. Hausverwalterin Gabriele Momsen-Seligmann findet keinen passenden Mieter.

Gabriele Momsen-Seligmann weiß, wovon sie spricht. „Ich verwalte die Wohnungen in diesem Haus seit vier Jahren. Als ich übernahm, wurde der Hinterhof noch Fixergarten genannt und das Haus war total verwohnt. Die Wände waren offen, Leitungen guckten heraus. Schrecklich!“ Seitdem hat sich in der Hausnummer 59 viel getan. Der Eigentümer hat das Gebäude für knapp eine Million Euro saniert. Die Wohnungen sind modern und wären an einem Ort wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit an den nächsten Mieter vergeben.

In der Küche ist genug Platz für einen großen Esstisch.
Gabriele Momsen-Seligmann

In der Küche ist genug Platz für einen großen Esstisch.

Ein Bad mit Fenster und Wanne steht bei vielen Interessenten hoch im Kurs.
Gabriele Momsen-Seligmann

Ein Bad mit Fenster und Wanne steht bei vielen Interessenten hoch im Kurs.

Doch die Nachbarschaft ist die gleiche geblieben. In vielen Häusern sieht es wohl noch aus wie hier vor vier Jahren. Außerdem sorgen viele Leerstände für Tristesse. „Wenn dort drüben nur mal die Fassade neugestrichen würde und vielleicht ein kleiner Kiosk oder ein Café eröffnen würde, dann sähe das hier schon ganz anders aus“, sagt Momsen-Seligmann beim Blick aus den großen Wohnzimmerfenstern.

Eigentümer in der Verantwortung

Doch daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. Die Eigentümerverhältnisse in der Christianstraße sind kompliziert. Es gibt viele Hausbesitzer – und meistens sind sie schwer zu kontaktieren, weil sie nicht in Neumünster, manchmal sogar nicht in Deutschland leben, weiß Momsen-Seligmann. So sei eine abgestimmte Sanierung der ganzen Straße unmöglich. Viele der Eigentümer hätten außerdem gar kein Interesse daran, ihre Häuser auf Vordermann zu bringen, weil es immer noch eine Nachfrage nach diesem günstigen Wohnraum gibt. Das findet die Hausverwalterin verantwortungslos: „Als Vermieter hat man die Pflicht für lebenswürdigen Wohnraum zu sorgen.“ Das sei in der Christianstraße teilweise aber nicht mehr gegeben. „Diese Viertel sind so nicht durch die Menschen entstanden, sondern durch die Eigentümer. Wenn die sich nicht um ein ordentliches Haus kümmern, dann passiert das halt. Das ist der Punkt, warum Häuser mit der Zeit ganz absacken.“

Natürlich kommt es aber auch auf die Mieter an. Auch hier gibt es schwarze Schafe. Im Erdgeschoss des Nachbarhauses zum Beispiel. Die Wohnung war ebenfalls frisch renoviert, als sie an eine bulgarische Familie vermietet wurde. Inzwischen ist sie wieder unbewohnbar und die Bewohner über alle Berge. „Die Wohnung war für vier Personen gedacht“, erzählt Momsen-Seligmann. Irgendwann habe die Familie zwei Verwandte nachgeholt. „Da hab ich ja gar nichts gegen gesagt“, erinnert sich die Hausverwalterin. Aber von einer Nacht auf die andere hätten plötzlich zwölf Leute auf den 63 Quadratmetern gelebt – völlig fremde. „Ich weiß auch nicht, wie die Menschen manchmal ticken. Im Moment bin ich nur froh, dass sie weg sind“, sagt Momsen-Seligmann. Seit Tagen wurden die Bewohner nicht mehr gesehen. Der Hausmeister, der ebenfalls vor Ort wohnt, habe das genau im Blick. Der Mietvertrag wurde gekündigt, das Schloss gewechselt.

Zwei Drittel Deutsche, ein Drittel Ausländer

Erfahrungen wie diese haben die Maklerin eines gelehrt: In einem Mehrfamilienhaus muss es ein gesundes Gleichgewicht zwischen den Kulturen geben. Und das kann sie genau beziffern: Zwei Drittel deutsche Mieter kommen gut mit einem Drittel ausländischer Mieter aus. Da fühle man sich nicht zu fremd und das Konfliktpotenzial halte sich im Rahmen. Momsen-Seligmann tritt dann häufig nicht nur als Hausverwalterin sondern auch als Kulturvermittlerin auf. „Ich ermutige alle Mieter aufeinander zu zu gehen, sich zu grüßen und dem anderen auch mal ein Lächeln im Flur zu schenken – auch wenn der Müll mal wieder falsch getrennt wurde oder der Nachbar lauthals telefoniert hat.

Für ein erfolgreiches Miteinander müssen alle an einem Strang ziehen. „Es hängt von der Einstellung der Eigentümer ab, es hängt von den Verwaltungen, was sie an Zeit investieren und von den Mietern“, sagt Momsen-Seligmann. „Da müssen alle aufeinander zugehen.“

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