Christianstraße in Neumünster : Der verschlossene Hinterhof – ein Treff für Salafisten?

Im Hinterhof an der Christianstraße 50 ist die Moschee angesiedelt, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Im Hinterhof an der Christianstraße 50 ist die Moschee angesiedelt, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Die Hinterhofmoschee Darul-Arqam wird vom Verfassungsschutz beobachtet - und will mit der Presse nichts zu tun haben.

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17. August 2017, 17:45 Uhr

Neumünster | Nicht alle Türen öffnen sich, wenn man anklopft. Niemand ist verpflichtet, mit der Presse zu sprechen – so auch nicht die Verantwortlichen in der Darul-Arqam Moschee in der Christianstraße. Die unscheinbaren Räume befinden im Hinterhof der Nummer 50. Türen mit arabischen Schriftzeichen weisen jeweils die Lehrräume für Frauen und für Männer aus.

Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden.

Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Freitags rollen die Autos vor. Männer gehen weiter nach hinten durch zu den Männerräumen, eine Frau im Niqab öffnet die vordere Tür zum Frauenbereich. Ein Mädchen, etwa vier, läuft hinterher, bleibt aber vor der Tür stehen. Sie ist knatschig und ein Mann kommt, um sie zu beruhigen.

Im Internet stand, der Trägerverein „Islam für alle“ wolle Menschen in Not helfen. In Kursen wurde Koranunterricht für Kinder ab fünf Jahren und Tajweed angeboten, die richtige arabische Aussprache. Nach einer telefonischen Anfrage bei der Moschee ist die Webseite offline. Die Kurse würden derzeit nicht stattfinden, heißt es am Telefon. Vielleicht wieder nach den Sommerferien. Beim Freitagsgebet seien Privatpersonen willkommen. Journalisten nicht.

Bei der Moschee hat man eine gewisse Skepsis entwickelt, seitdem sie vom Verfassungsschutz beobachtet wird und darüber in den Medien berichtet wurde. Der Verfassungsschutz sieht in der Moschee einen Salafistentreff, eine Anlaufstelle für Extremisten, die von dort aus versuchen, neue Mitglieder zu gewinnen.

Moschee ist interessant für Flüchtlinge, Verfassungsschutz beobachtet

Als einzige arabischsprachige Moschee in Neumünster ist Darul-Arqam auch für Flüchtlinge interessant, von denen viele als erstes in der Erstaufnahme am Haart wohnen, wenn sie im fremden, vielleicht befremdlichen Deutschland ankommen. Die Missionare würden sich gezielt an Menschen auf Sinnsuche wenden, heißt es im Verfassungsschutzbericht. Mehr als im Bericht steht, möchten die Verfassungsschützer allerdings nicht sagen. Weder, ob die Moschee oder einzelne Mitglieder noch unter Beobachtung stehen, noch, wie die Ergebnisse einer Razzia bei mutmaßlichen Extremisten im Raum Neumünster aussehen.

Im Verfassungsschutzbericht für 2016 heißt es, dass weiterhin Salafisten in Schleswig-Holstein versuchen, Einfluss auf Flüchtlinge zu bekommen: „Sie tun dies vielfach unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe und laden z. B. zum Besuch salafistisch dominierter Moscheen ein oder bieten ihre Hilfe als Übersetzer an.“ Bisher seien der Verfassungsschutzbehörde zwar noch keine Fälle bekannt geworden, bei denen sich Flüchtlinge in Schleswig-Holstein unter dem Einfluss hiesiger Islamisten soweit radikalisiert haben, dass sie zu Gewalttaten motiviert wurden. „Dies ist jedoch nicht als Lageberuhigung anzusehen, da mittlerweile in nahezu allen salafistisch beeinflussten Objekten in Schleswig-Holstein festgestellt werden kann, dass ein – in einigen Fällen sogar hoher – Anteil von Besuchern der Freitagspredigten aus Flüchtlingen besteht.“

Die Moschee wehrt sich: „Hier gibt es keine Salafisten“

Die Extremismus-Vorwürfe stimmen nicht, sagte ein Mitglied der Moschee, als man noch mit der Presse sprach: „Das ist völlig falsch. Wir sind nur Muslime und keine Radikalen. Hier gibt es keine Salafisten.“

Ein Mann, der regelmäßig die Moschee aufsucht, redet dann doch. Seinen Namen möchte er aber nicht preisgeben. Er ist ein Flüchtling aus Syrien. Familienvater mit fünf Kindern, erklärter HSV-Fan. Er geht in die Moschee, weil sie dort Arabisch sprechen, erklärt er in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. „Das sind keine Terroristen“, sagt er. „Wenn ich sehe, ich rufe Polizei.“ Und dann beginnt er wieder über den HSV zu erzählen. Dass er mit dem Bus zu einem Spiel gefahren sei. Einfach, um draußen zu stehen, denn eine Karte kann er sich nicht leisten.

Kommen die Menschen also wegen der Sprache und der Zuwendung in den rätselhaften Hinterhof – oder wegen der strengeren Glaubensausrichtung? Wirkliche Antworten gibt niemand und vielleicht gibt es die auch gar nicht. Doch unter anderen Muslimen und Deutschen in der Christianstraße hört man immer wieder Skepsis und Distanz zu dieser Moschee heraus. „Gruselig“, findet eine Frau und meint damit in erster Linie die vollverschleierten Frauen, die in den Hinterhof gehen.

Szenen vorm Freitagsgebet

Einen Freitag später wiederholt sich das Schauspiel und Autos kommen aus allen Richtungen zum Hinterhof der Christianstraße. Eine afrikanisch aussehende Großfamilie geht zur Moschee, die Frauen und kleinen Mädchen in bunten Kopftüchern. Sie wollen nicht mit der Presse sprechen. Keine Zeit. Ein junger Mann parkt einen Lieferwagen und wird plötzlich von drei Frauen eingekreist. Eine junge Frau mit modisch gebundenem Kopftuch macht ihm eine filmreife Szene, schmeißt mit einer Plastikflasche. Er schweigt. Minutenlang. Schließlich steigen die Frauen in ein großes schwarzes Auto und brausen davon. Der Mann geht mit der Körperspannung eines verprügelten Hundes in Richtung der roten, flachen Backsteinhäuser. Und verschwindet im Hinterhof.

„Salafisten bieten ein einfaches dualistisches Weltbild, das klar strukturiert ist. Darin gibt es nur noch ein ,Richtig oder Falsch', ein ,Gut oder Böse' sowie ein aus geprägtes Freund-Feind-Denken“, erklärt der Verfassungsschutz. „Weiterhin entwickelt sich hieraus ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Muslimen und vor allem gegenüber Nichtmuslimen.“

Radikalisierungsprozesse würden zum Teil über mehrere Monate bis Jahre dauern. Eine „valide Bewertung salafistischer Radikalisierungsversuche bei Flüchtlingen“ könne der Verfassungsschutz zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht treffen. „Das salafistische Personenpotenzial in Schleswig-Holstein ist im Berichtszeitraum erneut angestiegen. Die Zahl erhöhte sich um 70 auf nunmehr insgesamt 370 Personen.“ Für die zahlenmäßig kleineren Szenen in Neumünster und Lübeck würden sich die Hinweise auf vermehrt gewaltorientierte sowie vereinzelt jihadistische Bezüge bei den dortigen Anhängern weiter verdichten.

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