zur Navigation springen

„Rock Around the Clock“ : Zeitgeist 1955: So war das damals in Deutschland und Dänemark

vom
Aus der Onlineredaktion

Von Finn-Juhl-Stühlen und Nierentisch über Mopeds bis zur Weltuhr...

shz.de von
erstellt am 26.Mär.2015 | 06:00 Uhr

Apenrade | Im August 1955 wird schon der millionste VW Käfer in Wolfsburg vom Band rollen. Doch zu Beginn des Jahres steht dieses Ereignis noch bevor. Auch wenn die Wirtschaft wieder läuft, fällt vieles im Nachkriegsdeutschland erst nach und nach an seinen Platz. In den Wohnzimmern stehen Nierentische neben Tütenlampen. Die Möbel werden asymmetrisch, die Autos knuffig: Mit dem Ende des Nationalsozialismus entledigt sich die deutsche Mode der Symmetrie der Vergangenheit.

Die Dänen hingegen reißen sich um den Stuhl Syveren, den der Designer und Architekt Arne Jacobsen gerade entwirft. Die Bevölkerung ärgert sich mit dem „Å“ herum, das als neuer Buchstabe die Ordnung im Alphabet aufmischt. Doch zunächst stürzt erst einmal ein Schneesturm das ganze Land ins Chaos, die S-Bahn in Kopenhagen bleibt stehen. Gegen Ende des Jahres soll König Frederik IX. im Rathaus die Weltuhr von Jens Olsen anstellen. Doch noch wird an den gut 14.000 Einzelteilen geschraubt, seit Jahren schon. Am 2. Februar fragt Deutschland an, ob man über die Minderheiten sprechen könnte. Eine Woche später schickt Kopenhagen ein Ja.

Sie tickt und tickt - die Weltuhr von Jens Olsen die 1955 von König Frederik IX in Gang gesetzt wurde und bis heute im Kopenhagener Rathaus steht.
Sie tickt und tickt - die Weltuhr von Jens Olsen die 1955 von König Frederik IX in Gang gesetzt wurde und bis heute im Kopenhagener Rathaus steht. Foto: Archiv

Ungefähr zur gleichen Zeit warnt Nobelpreisträger Otto Hahn im Radio davor, was Menschen mit Atomwaffen anrichten können. Seine Rede kommt vielerorts aus einem Telefunken-Gerät mit Holzgehäuse und drehbarer Ferrit-Antenne – und außer in Deutschland auch gleichzeitig in Österreich, Norwegen und Dänemark aus den Empfängern. Prinzessin Margrethe ist in diesem Jahr Konfirmandin, Albert Einstein stirbt. In Berlin wird Nina Hagen geboren, in San Francisco Steve Jobs und in Loit Kirkeby Jan Køpke Christensen.

Auf den westdeutschen Straßen steigen unterdessen die Unfallzahlen – immer mehr Fahrzeuge, immer weniger Platz. Die Borgward Isabella fährt neben Goggomobil, Fiat 600 und ganz neu: BMW Isetta. Und dann auch noch die Mopeds! Das Fortbewegungsmittel trägt seit kurzem größere Motoren und heißt auch nicht mehr „Fahrrad mit Hilfsmotor“. Mit der NSU Quickly und der Zündapp Bella knattern die Halbstarken zur ersten Rebellion gegen die Elterngeneration. Kann Kernenergie statt zur Bombe zu werden die  Menschheit für immer antreiben?  1955 klingt das nach Zukunft. „Fährt 1970 ein Atomauto?“, greift das dänische Jahrbuch „Hvem Hvad Hvor“ die Überlegungen auf.

Es wird Juli. Vor Bornholm reißen haushohe Wellen drei Menschen in den Tod. Designer Finn Juhl und Arne Jacobsen reisen zur Weltausstellung nach Helsingbor. Westdeutschland schickt den Architekten Hans Schwippert. Ungeachtet dessen zieht es die Menschen in die Ferien – die Deutschen vor allem zum Camping. Die dänische Reederei DFDS bietet eine Frachtschiffreise durchs Mittelmeer an.

Der Sommer 1955 wird vor allem im Norden sehr warm. Doch auch wenn die Röcke kürzer wurden und Marilyn ihn längst trug: Ein Bikini bleibt noch ein seltenerAnblick am Strand. Die Wespentaille lässt sich besser im Einteiler zusammenschnüren. Während in den USA Bill Haley & His Comets mit „Rock Around the Clock“ zum ersten Mal an die Spitze der Billboard-Charts stürmen, sind die Petticoats auch diesseits des Atlantiks angekommen. In kurzen Lederhosenspielen kleine Jungenauf dem Kopfsteinpflaster Fußball. Nach langem Zögerndruckt ein Pariser Verlag Nabokovs „Lolita“. In Dänemark traut man sich zwei Jahre später an die erste Übersetzung.

Moped NSU Quickly von 1955
Moped NSU Quickly von 1955 Foto: Wikipedia

Es ist schon fast Herbst, als eine Delegation unter Bundeskanzler Konrad Adenauer per Sonderzug nach Moskau reist und die deutschen Kriegsgefangenen frei handelt. Der Adenauer-Salonwagen dient in Russland als „exterritorialer Ort“, als abhörsichere Besprechungszentrale mit Bakelit-Telefon. Während Adenauer wieder in Bonn empfangen wird, schlägt sich Kopenhagen mit steigenden Schweinefleisch-Preisen herum: Die dänisch-englischen Schinken-Absprache ist Schuld. Auch Butter und Milch werden teurer. Wenig später stehen sich Dänen und Engländer noch einmal gegenüber: Im Fußball-Länderspiel verliert die dänische Mannschaft mit 5:1.

Kurz nachdem Audrey Hepburn Kopenhagen mit einem Blitzbesuch beehrt, stellt König Frederik am 15. Dezember die Weltuhr von Jens Olsen an. Als das Jahr zu Ende geht, setzt sich in Deutschland Bundespräsident Theodor Heuss vor die Fernsehkameras. In seiner Neujahrsansprache mahnt er zum Miteinander: „Es geht auch darum, dass der Einzelne seinen kleinen Raum in der rechten Weise ausfülle, indem er das Schicksal des Nachbarn als das des Nächsten sieht.“ Jens Olsens Uhr im Rathaus tickt immer noch.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen