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Deutsch-dänische Zusammenarbeit : Torsten Albigs Bilanz: „Erste fünf Kilometer eines Marathons”

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Es ist fast frühlingshaft an der Kieler Förde. Gute Stimmung also in Richtung Dänemark? Der Ministerpräsident mit gut zweieinhalb Jahren persönlicher Erfahrung in Sachen deutsch-dänischer Beziehungen zieht Bilanz.

shz.de von
erstellt am 26.Mär.2015 | 06:45 Uhr

Kiel | Ministerpräsident Torsten Albig zieht mit gut zweieinhalb Jahren persönlicher Erfahrung in Sachen deutsch-dänischer Beziehungen Bilanz. Der Dänemark-Fan ist nur bedingt positiv. „Das erste was wir verinnerlichen müssen, ist DASS wir voneinander lernen können. Bei aller Euphorie unserer Zusammenarbeit tun wir dies in viel zu wenigen Bereichen. Wir haben immer dieselben Probleme, aber wir tauschen uns immer noch zu wenig aus über die unterschiedlichen Antworten.

Schönes Wetter, aber kein Schönreden: Ein Ministerpräsident und zwei Chefredakteure an der Kieler Förde.
Schönes Wetter, aber kein Schönreden: Ein Ministerpräsident und zwei Chefredakteure an der Kieler Förde. Foto: Frank Peter
 

„Wie macht Dänemark Bildung oder Kommunalpolitik? Wieso gelingt dort etwas, was bei uns unmöglich ist: sich neu zu organisieren? Wie organisieren wir in Schleswig-Holstein erfolgreich den Jugendarbeitsmarkt oder die Flüchtlingspolitik? Wieso gelingt es uns in Deutschland scheinbar besser, Rechtspopulistisches wegzuhalten? Wir müssen besser werden, automatisch zu fragen, bevor wir eine deutsche oder eine dänische Antwort finden: wie machen es die Nachbarn. In der Realität beginnen wir erst zu begreifen, was für ein Potenzial wir da haben. Es ist nicht nur eine kulturpolitische Arabeske. Bei allen Vorhaben müsste geguckt werden – und die Koalition mit dem SSW hilft da sehr –, machen die Dänen das auch so? Wenn ja, wie machen sie es. Und wenn nein, warum nicht, obwohl wir eigentlich dieselben Grundprobleme haben. Das erstmal zu realisieren, welchen Schatz wir da haben, und das zu nutzen, das würde ich mir wünschen.“

Und wie macht man das – mit Datenaustausch?
„Nein. Man muss bei den Leuten sein. Da bin ich sehr konservativ. Du kannst nur wirklich Freunde gewinnen, wenn du dich bei ihnen zeigst, dir Mühe gibst und versuchst zu lernen. Das beste Beispiel für mich war der sozialdemokratische Parteitag in Aalborg. Da zu sein für zwei Tage, ihren Debatten zu folgen, dänische Lieder zu singen und einzutauchen, das ist wichtig. Es ist schon ein riesiger Fortschritt, dass das Land Schleswig-Holstein jetzt einen engen, regelmäßigen Kontakt zur dänischen Regierung pflegt. Bis 2012 waren wir Nachbarn, die sich unregelmäßig über den Zaun unterhalten haben. Heute sind wir Freunde, die sich häufiger mal zu Hause besuchen. Ich bin häufig in Dänemark und meine Europaministerin noch häufiger.

Wir haben seit 2012 einen direkten Dialog mit den Regierungsmitgliedern und auch mit Folketingsabgeordneten. Und zwar nicht nur so, dass man sich einmal in der Wahlperiode über den Weg läuft, sondern so, dass wir auch innerhalb des letzten halben Jahres mit fast allen Ministerinnen und Ministern gesprochen und Vereinbarungen getroffen haben. Das ist schon einmal die Voraussetzung dafür, dass wir einen wirklichen Schritt vorankommen. Es könnte den anderen Weg jetzt auch noch ein bisschen stärker stattfinden. Das unsere dänischen Freunde das auch so machten. Ich war der erste Deutsche, der auf einem sozialdemokratischen Parteitag in Dänemark gesprochen hat. Das umgekehrte wäre auch schön. Das muss auch noch normaler werden. Der Austausch zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein darf nicht an Personen hängen, darf nicht von Lust und Laune abhängen und am Ende auch nicht davon, wer wo gerade an der Regierung ist. Es muss einfach normal werden diesen Austausch und auch mal den guten Rat im Gespräch zu suchen. Da spüren wir heute schon noch die Grenze.“

Foto: Frank Peter

Und warum trauen wir uns nicht diese Grenze zu überschreiten?
„In dieser Welt trauen wir uns ja gar nicht, z.B. als Bürgermeister in Kiel den Bürgermeister in Flensburg zu fragen, „wie machst Du den das“. Schritt eins wäre zuzugeben, ich weiß irgendwas nicht. Ich bin ratlos. Und nichts ist verpönter in der deutschen Welt, als zuzugeben, dass man möglicherweise ratlos ist. Dabei geht es darum, Rat zu suchen. Das ist doch was Schlaues. Ratlos zu bleiben ist blöd. Aber es ist eben noch nicht üblich sich vorzustellen, dass man vom befreundeten Nachbarn lernen könnte. Dabei ist doch gerade was meine Freunde machen relevant für mich. Wenn mein Freund ein bestimmtes Auto fährt, das ich auch gebrauchen kann, dann ist mir seine Aussage mehr wert als irgendein ADAC-Test. Da müssen wir auch im Deutsch-Dänischen hinkommen. Und bei aller Euphorie: Wenn unsere Zusammenarbeit ein Marathonlauf ist, dann sind wir eher noch in den ersten fünf Kilometern.“

Viele Probleme sind deshalb nicht gelöst, weil oft auch Berlin gefragt ist. Und da hapert es doch weiterhin ziemlich?
„Ja, viele Probleme im deutsch-dänischen Zusammenleben rühren von Gesetzgebung die der Bund verantwortet. Und es ist schon ein wesentlich dickeres Brett, Politiker und Ministerialbürokratien in Berlin zu überzeugen, für die das deutschdänische Grenzland weit weg und nur eine von vielen deutschen Grenzregionen ist. Selbst wenn der Regionsvorsitzende von Syddanmark, Carl Holst, und ich im Doppelpack kommen, nimmt uns zum Beispiel Bundesverkehrsminister Dobrindt nur begrenzt wahr. Aber wenn wir den dänischen Verkehrsminister Heunicke mit im Boot haben, wenn ich meine vier sozialdemokratischen Nachbar- Ministerpräsidenten in den nördlichen Bundesländern aktivieren kann, dann werden wir schon zur Kenntnis genommen, weil wir dann 18 Millionen Einwohner im Rücken haben.“

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsort in Dänemark?
„Ich habe Sønderborg kennengelernt und ich mag diesen  Ort gern. Ganz konkret sitze ich gern auf der Wiese vor dem Alsion und schaue auf den Sund. Letztes Jahr nach einem Konzert habe ich dort gesessen. Es war ein wunderbarer Abend und Jungs haben davor Frisbee gespielt – das war ein großartiger Moment. Ich mag auch Kopenhagen sehr. Letztes Jahr haben wir dort wieder Urlaub gemacht. Es ist eine großartige europäische Stadt. Nicht so groß wie Berlin, aber mindestens so cool. Du kannst alles zu Fuß machen und es ist ein sensationelles Gefühl dort zu sein. Das ist eine tolle Stadt.“

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