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60 JAHRE BONN-KOPENHAGENER ERKLÄRUNGEN : Die Petersens: Eine ungleiche Ehe der Minderheiten

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Ein Südschleswiger und eine Bundesdeutsche, die sich für Nordschleswig einsetzen – kann das gutgehen? Und wie sieht das im Alltag aus?

Sonderburg | Abendbrot oder middag? Dänisch oder Deutsch? SSW oder SP? Die Eheleute Petersen sind ein quasi-binationales Paar: Während sich Marion als „assimilierte Nordschleswigerin“ bezeichnet, wuchs Jörn Petersen im deutschen Eckernförde in der dänischen Minderheit auf – ein Südschleswiger, dänische Schule, dänischer Sportverein, dänische Konfirmation.

Sein Vater saß lange für den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) im Stadtrat. Jörn selbst hingegen amtiert inzwischen als Sonderburger Ortsvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN).

Noch mehr Artikel zum Thema gibt es auf der Dossierseite 60 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen

Ist das nicht seltsam für deinen Vater, wenn sein Sohn plötzlich zur „anderen Minderheit“ überläuft?

Jörn Petersen: Doch! So ganz behagt es ihm nicht. Aber er hat sich schon gewandelt. Er ist jetzt 85 und einfach eine andere Generation. Er hatte seinen gleichaltrigen Freunden auch zuerst verschwiegen, auf welche Schule unser Sohn geht. Da kam es zu einer lustigen Situation, als die Felix irgendwann danach fragten und er ganz unschuldig antwortete: auf die deutsche Schule! Da fiel ihnen schon die Kinnlade runter. Sie haben einfach eine andere Zeit miterlebt. Sie sind als Kinder teils beschimpft worden. Diese Wandlung in dem Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit passierte ja erst in den letzten zehn, 20 Jahren.

Marion Petersen: Also etwa seit wir hier wohnen.

Jörn Petersen: Anfangs bekamen wir an einer Stelle noch zu hören: Also wir kaufen hier beim deutschen Kaufmann ein! Als Jörn 1997 nach dem Elektrotechnik-Studium in Flensburg einen Job suchte, fand er ihn in Sonderburg. Marion kam mit. „Wir sind in die deutsche Minderheit hineingewachsen“,erklärt sie.

Sie rutschte über den Kinderchorin den Deutschen Jugendverband und bot musikalische Früherziehung an. Schließlich begann sie als Musiklehrerin beim Deutschen Schul- und Sprachverein (DSSV) und wurde später Kulturausschussvorsitzende. Jörn saß bald nach dem Umzug im Elternvorstand des Deutschen Kindergartens Arnkilgade, dann in dem der benachbarten Schule. Schließlich fehlte ein Vorsitzender im BDN-Ortsverein. Nordschleswigsche Ämter-Eigendynamik.

Die Sprachen teilt sich das Ehepaar auf: Jörn spricht Dänisch mit Felix und Mia, Marion Deutsch, und sie liest auch meist Deutsch. Komplett zweisprachig ist Jörn die Lesesprache egal. Bei der Konfirmation von Mia könnte es demnächst wieder eine schräge Situation geben: „Ich werde die Rede wohl auf Deutsch halten, weil wir so viele Gäste haben werden, die kein Dänisch verstehen. Das wird in meinen Ohren sehr künstlich wirken“, erzählt Jörn Petersen.

Was sind die größten Mentalitätsunterschiede zwischen euch beiden, die auf die Herkunft zurückzuführen sind?

Jörn Petersen: Die größten Mentalitätsunterschiede zwischen uns lassen sich nicht auf die Herkunft zurückführen. Die liegen sicher darin, dass ich Ingenieur bin, strukturiert und Marion kreativ und künstlerisch...

Marion Petersen: Holist! J

Jörn Petersen: Ja, Holist, wie du immer sagst.

Marion Petersen: Eins gibt es schon: Wenn wir bei meinen Eltern sind, gibt es abends Abendbrot. Dieses Abendswarm-essen gibt es bei denen nicht. Und was bei meinen Freunden ein ganz großes Problem war: Dass ich nach dem ersten Kind nicht drei Jahre zu Hause geblieben bin.

Welcher Nation fühlen sich eure Kinder zugehörig?

Jörn Petersen: An Nation kann man das nicht so koppeln.

Marion Petersen: Eher an Sprache, und da gehen sie ganz klar lieber in Flensburg ins Kino. Sie lesen auch lieber auf Deutsch. Felix sagte neulich: Ich bin Nordschleswiger.

Jörn Petersen: Als wir das Finale der Fußballweltmeisterschaft gesehen haben, sind die anderen drei beim Tor schon aufgesprungen. Ich bin sitzen geblieben. Rational betrachtet finde ich das in Ordnung, aber da bin ich dann doch Südschleswiger. Wenn Dänemark Handball oder Fußball spielt, bin ich schon anders dabei. Ich weiß noch, bei der Europameisterschaft 1992 war ich in Roskilde. Das war die zweitbeste Party meines Lebens!

Nicht den dänischen Sieg bei der Europameisterschaft, aber die Bonn-Kopenhagener Erklärungen hat Marion Petersen vor zehn Jahren schon einmal gefeiert: Bei dem Festakt zum 50. Jahrestag im Sonderburger Schloss sang sie mit dem Chor des Deutschen Gymnasiums. „Ich finde das ein spannendes Thema“, ergänzt sie. „Die Bedeutung der Erklärung wird uns ja nur indirekt bewusst.“

Und während Jörn demnächst in Berlin lieber zum Halbmarathon antritt, wird Marion Petersen dort wieder den binationalen Vertrag feiern – sie fährt mit dem BDN in die schleswig-holsteinische Landesvertretung in der deutschen Hauptstadt – und zum Empfang beim dänischen Botschafter.

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erstellt am 26.Mär.2015 | 06:15 Uhr

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