100 Jahre Marineschule : So kam die Marineschule in die Stadt

Der Osbekhof, gelegen neben der heutigen Christuskirche an der Fördestraße. Seine Eigentümer verkauften viele Flächen an die Marine. Foto: Stadtarchiv Flensburg
Der Osbekhof, gelegen neben der heutigen Christuskirche an der Fördestraße. Seine Eigentümer verkauften viele Flächen an die Marine. Foto: Stadtarchiv Flensburg

Als die ersten Ansiedlungen der Marine begannen, profitierten vor allem die Dörfer – so kam es zur Eingemeindung und zum Wachstum Flensburgs.

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11. August 2010, 04:40 Uhr

Die Daten und Fakten im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts legen einen außergewöhnlichen Verlauf des Grundstückshandels nahe, der die Mürwiker Flächen in den Besitz der kaiserlichen Marine brachte. Zur Situation auf dem Förde-Ostufer: Etwa bis zur heutigen Ziegeleistraße reichte das Gebiet der Stadt Flensburg. Von dort bis zum damals noch offen fließenden Bach Osbek gehörte das Gebiet zur Gemeinde Fruerlund. Und das Gelände vom Osbek bis zur Bucht von Meierwik war Fläche der Gemeinde Twedterholz. Auf Twedterholzer Territorium lag der stattliche Osbekhof, wenige Meter nordwärts der heutigen Christuskirche. Felder und Wiesen von dort bis zur Wasserkante gehörten zu diesem Hof im Besitz der Familie Iwersen.
Die Torpedostation als erste Ansiedlung der Marine (ehemaliger Stützpunkt/heute Sonwik) fand also nicht auf Stadtgebiet, sondern am Übergang der beiden Dörfer Fruerlund/Twedterholz statt. Trotzdem war die Stadt Flensburg offenbar der handelnde Partner in Sachen Marine-Standort, erhofften sich die Flensburger doch Aufschwung und Reputation. Da war natürlich die Anfrage des Reichsmarineamtes 1903, die Marineschule von Kiel nach Flensburg zu verlegen, das "Sahnehäubchen" auf alle Bemühungen.
Verkehrsboot der Torpedostation für den Weg zur Arbeit
Der Bau für das Gebäude der neuen Marineschule Mürwik begann allerdings schon 1907, noch vor wichtigen Grundstücksgeschäften und anderen entscheidenden Schritten. Offenbar hatte sich der Bauherr mit Familie Iwersen einigen können über die Koppel einige hundert Meter vom Osbekhof entfernt, am Ende der heutigen Kelmstraße. Die Chronik der Schule spricht von einer kostenlosen Übergabe der Flächen von der Stadt an die Marine.
Dann wurde der Druck auf die Stadt Flensburg immer größer. Der Marinestandort wuchs und wuchs, immer mehr Soldaten siedelten sich an, kamen mit Familien oder gründeten sie. Die Soldaten durften sich Wohnraum außerhalb der Kasernen suchen, neue Wohnhäuser entstanden. Allerdings – es profitierten die Dörfer Twedterholz, Fruerlund und Engelsby. Flensburg war etwa eine Weltreise entfernt. Die Hauptstraße war die erbärmliche Strecke St.-Jürgen-Straße, Bachstraße, Mühlenholz, Fruerlunder Straße, Klosterholzweg und der Trampelpfad Richtung Meierwik. So schlecht war die Verbindung, dass die Marine ein Verkehrsboot der Torpedostation - den "Grauen Esel" - und den Dampfer "Wiking" der Marineschule nach Flensburg einsetzte.
Eingemeindung von Fruerlund, Engelsby und Twedterholz

Aber noch eine andere Entwicklung machte Druck auf die Stadt: Wenn die Soldaten einen Wohnsitz in den Dörfern suchten, waren sie keine Flensburger, sondern Bewohner des Kreises Flensburg. Das wurmte die Flensburger. Wollten die Soldaten ihre Kinder auf eine Flensburger Schule schicken, mussten sie erhöhtes Schulgeld zahlen, und die Kinder konnten abgewiesen werden, wenn die Schulen überfüllt waren. Die Lösung, eine großzügige, neue Straße nach Mürwik auf Kosten der Stadtkasse, war den Flensburgern auch nicht recht. Nicht zu unrecht befürchteten sie, dass davon die drei Dörfer stärker profitieren würden als die Stadt – zumal sich Flensburger an einer solchen Chaussee wohl schnell ein Baugrundstück mit schönstem Födeblick sichern würden. Klug steuerte die Stadt unter Oberbürgermeister Dr. Todsen die große Lösung an: die Eingemeindung von Fruerlund, Engelsby und Twedterholz. Und so kam es nach langen, zähen Verhandlungen am 1. April 1910. Damit waren die Mürwiker Soldaten Flensburger und die Stadt hatte neue Entwicklungsflächen.
Und um die Zeit der Eingemeindung konnte die Stadt auch das Problem der Reserveflächen für die Marine klären. Für Mai 1910 ist in den Unterlagen des Stadtarchivs vermerkt, dass die Witwe Annemaria Iwersen den Osbekhof ihrer Familie für 85.000 Mark der Stadt anbieten würde. Für Dezember 1910 ist eine Summe von 60.000 Mark verzeichnet. Dem stimmt die Stadt am 4. Februar 1911 zu. Da war die Marineschule schon vier Monate in Betrieb.

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