100 Jahre Marineschule : Das rote Schloss des deutschen Kaisers

Ausbildung in attraktiver Architektur: Seit genau 100 Jahren bildet die Marine mehrerer deutscher Staatsgebilde ihren Führungsnachwuchs an der Marineschule Mürwik aus – auch  die Deutsche Marine setzt diese Tradition fort. Foto: Dewanger
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Ausbildung in attraktiver Architektur: Seit genau 100 Jahren bildet die Marine mehrerer deutscher Staatsgebilde ihren Führungsnachwuchs an der Marineschule Mürwik aus – auch die Deutsche Marine setzt diese Tradition fort. Foto: Dewanger

Sie ist die Alma Mater der deutschen Seeoffiziere seit 1910 - die Marineschule in Flensburg-Mürwik. Nun feiert Kaiser Wilhelms "Rotes Schloss am Meer" Jubiläum.

shz.de von
13. Oktober 2010, 03:48 Uhr

Flensburg | Ehrengast zur Zeremonie am Freitag wird Bundespräsident Christian Wulff sein. Er nimmt an der feierlichen Vereidigung der 250 Marineoffiziersanwärter der Crew VII/2010 teil.

Hinter diesen Mauern spielte und spielt die Zeitgeschichte. Die Marineschule war ein Kind der Flottengesetze von 1898 und 1900, die letztendlich das fatale Wettrüsten zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich entzündeten. Der Kaiser brauchte für seine wachsende Schlachtflotte mehr Offiziere - die Kieler Marineschule (der heutige Landtag) platzte aus allen Nähten. Die größeren Maßstäbe auf dem Feld der großmannssüchtigen Weltpolitik wurden ab 1906 nach dem Vorbild der Marienburg des Deutschen Ordens an der Nogat in Stein gefasst: auf einem Acker am Rande Flensburgs.

Schauplatz der Weltgeschichte

Seither hat jeder Seeoffizier mindestens einmal im Leben Flensburg gesehen. Und das sind nicht wenige. In den vergangenen 100 Jahren wurden in der Marineschule Mürwik über 20 000 Kadetten zu Schiffsoffizieren ausgebildet. Die längste Zeit übrigens für eine Flotte, deren Aufgabe es ist, den Frieden zu wahren, nicht Kriege zu führen. Seit 1956, dem Jahr der deutschen Wiederbewaffnung, steht das "Rote Schloss" in demokratischer Tradition. Dass 2010 mit Christian Wulff das Oberhaupt eines demokratischen Staates zur Jubiläumsfeier kommt, hätte sich Kaiser Wilhelm II sicher nicht träumen lassen, als er den Neubau am 21. November 1910 seiner kriegerischen Bestimmung übergab.
Es brauchte 35 Jahre und zwei Weltkriege, ehe es damit vorbei war. Am 23. Mai 1945 wurde auf dem vor der Schule ankernden Dampfer "Patria" die letzte Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz verhaftet, die in den letzten Kriegstagen nach Flensburg geflohen war. Von hier aus war die Nachricht vom Tod des Diktators gesendet worden, von hier hatte Dönitz die Teilkapitulation mit den siegreichen Alliierten verhandelt, von hier aus die letzten verzweifelten Anstrengungen koordiniert, so viele Menschen wie möglich vor der anrückenden Roten Armee zu evakuieren. Für viele von ihnen endete die Flucht übrigens in der Marineschule, in Baracken wie dem mittlerweile ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden Trampedachlager. Dem Kriegsende folgte ein kurzer Ausflug ins Zivilleben: Die Marineschule wurde Lazarett, später Pädagogische Hochschule und erst 1956 wieder Militärakademie.
Schulturm war stark einsturzgefährdet
Was damals noch niemand ahnte: Die kaiserlichen Baumeister hatten ihren Nachfolgern eine millionenschwere Hypothek hinterlassen. Bereits in den 60er Jahren deuteten feuchte Stellen darauf hin, dass die Rekordbauzeit von nicht einmal vier Jahren einigen Tribut kosten würde. Das einschalige Mauerwerk des auf dem Fördehang exponiert stehenden Gebäudes war der norddeutschen Witterung mit seinem Schlagregen auf Dauer nicht gewachsen. 1984 begann der Bund mit der Sanierung des Gebäudes, die 26 Jahre später die stolze Summe von 67 Millionen Euro verschlungen haben sollte - das Doppelte dessen, was des Kaisers oberster Baumeister Adalbert Kelm seinem Regenten für den Neubau in Rechnung gestellt hatte: Die Marineschule kostete damals 2,3 Millionen Reichsmark, dass entspricht 33 Millionen Euro.
Mehr hatte der Bund eigentlich auch nicht ausgeben wollen, aber je weiter die Sanierung voranschritt, desto de saströser die Baustellen. Das zeigte sich besonders am Schulturm. Das markante Gebäudeteil 80 Meter über der Förde war akut einsturzgefährdet. Ironischerweise sorgte gerade der erwiesene Pfusch am Bau dafür, dass die Marineschule erst spät an Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde - und zwar im Winter 1998. Zuvor hatten sich der Landes-Denkmalpfleger Dr. Gert Kaster und die für die Sanierung zuständigen Ingenieure des Landesbauamtes ein erbittertes Gefecht über die Sanierung des Türmchens geliefert. Die Ingenieure wollten abreißen und originalgetreu neu bauen, Kaster wollte die Sanierung.

Er hatte am Ende das Nachsehen. Der Turm wurde neu gebaut - mit einem enormen Aufwand. In einer Ziegelei in der Blomeschen Wildnis bei Glückstadt wurden über 100 verschiedene Formsteine nach alten Vorgaben neu gebrannt. Von den Originalen kündet immerhin noch ein Stück Fassade, das auf Verlangen des obersten Denkmalschützers dauerhaft ausgestellt werden muss. Kaster aber vergaß die Schmach nicht. Am 30. September 1998 stellte er die Marineschule Mürwik unter Denkmalschutz. Bei der nächsten Sanierung werden seine Nachfolger ein mächtigeres Wörtchen mitreden. Aber das kann noch dauern. Heinz Waechter, damals Chef des mit der Sanierung beauftragten Gebäudemanagements Schleswig-Holstein , gab sich damals selbstbewusst: "Wenn wir hier fertig sind, hält die Marineschule mindestens 100 Jahre."

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