Harm Paulsen : Zwischen Ötzi und den Wikingern

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20. Januar 2010, 02:00 Uhr

Schleswig | Wenn man Harm Paulsen in seinem Büro in einem der ehemaligen Stallgebäude auf der Gottorfer Schlossinsel besucht, taucht man sofort ein in die Welt des Experimental-Archäologen. Auf dem Tisch steht ein detailliertes Modell einer eisenzeitlichen Siedlung, vor Paulsen liegen Bauteile für einen Miniatur-Wagen aus der Wikingerzeit für die neue Haithabu-Ausstellung, überall sind Zeichnungen und Modelle von Steinzeit-Werkzeugen zu sehen. Ein Handy oder gar einen Computer findet man nicht - "die habe ich vor langer Zeit an die Wand geworfen - man kommt ja zu nichts mehr."

Seit 1968 arbeitet Paulsen auf Gottorf, offiziell als technischer Angestellter - doch er ist viel mehr: Er trägt die Erfahrung eines ganzen Lebens voller Experimentierfreude und Abenteuerlust in sich. Das macht ihn für die Kollegen fast unentbehrlich - trotzdem geht der 65-Jährige Ende Januar in den Ruhestand.

Paulsen ist in seinen letzten Tagen auf Gottorf besonders begehrt: Eine Kollegin mit einem Stapel Zeichnungen von Speerspitzen kommt herein. "Was ist das?", möchte sie wissen. "Spät-Neolithikum, und zwar ein Recycling-Produkt. Dem ist wohl mal der Dolch runter gefallen, und dann hat er die abgebrochene Spitze für den Speer wiederverwendet." Mit einem Blick kann Paulsen so etwas erkennen, das Ergebnis von fast 60 Jahren Selbermachen. Schon als Kind konnte er "wunderbare Pfeilspitzen" aus Feuerstein fertigen und mit dem Bogen umgehen.

Zunächst mit einem "Omen", später gar mit einem "Fußtritt" lenkte das Schicksal ihn auf den Pfad der Altertumskunde. Das Omen begegnete Paulsen im Alter von zwölf Jahren. Zu dieser Zeit bauten seine Eltern auf einem alten Spargelacker bei Lübeck. "Und was finde ich genau da, wo die Schwelle für das neue Haus hin soll? Ein Steinbeil, und auf dem Acker lagen jede Menge Schaber und so weiter." Archäologen lehnten eine Ausgrabung ab: Das Feld sei durch den Spargelanbau zerstört. "Also habe ich Mitschüler angeheuert, und gemeinsam haben wir eine große Siedlung aus der Steinzeit freigelegt."

Den Fußtritt bekam er als gelernter Elektroniker während seiner Marine-Zeit. "Dann bin ich verunglückt und war schwer verletzt. Ich konnte den Beruf nicht weiter ausüben, musste noch einmal von vorn anfangen" - nun mit dem Wunschfach Archäologie, vor allem prähistorische Technik. "Der Bazillus erwies sich als hochinfektiös", sagt er und meint: Die Experimentalarchäologie breitete sich vor allem in Skandinavien schnell aus, in Hjerl Hede in Dänemark lebt zum Beispiel jeden Sommer eine Gruppe wie in der Steinzeit - Paulsen ist dabei.

Er bekam bald einen Ruf als Experte für die Stein- und Wikingerzeit, machte sich unentbehrlich. Als "Ötzi" gefunden wurde, wurde Paulsen gerufen. "Ich wies Mitte der 90er Jahre nach, dass er an einem Pfeileinschuss gestorben ist." So ein Pfeil habe nicht die nötige Durchschlagskraft, war die geltende Meinung. "Bis ich es ihnen gezeigt habe. Schließlich war ich nicht umsonst mehrfach dänischer Meister im Langbogen-Schießen." Paulsen bestimmte die Entfernung des Schützen und den Einschusswinkel in den Rücken. Innerhalb kurzer Zeit müsse "Ötzi" verblutet sein, so Paulsens Ergebnis.

Eine Frage, die er nicht lösen kann, ist die nach dem Warum: "Natürlich klingt es gut, wenn man sagt, er war auf der Flucht. Aber woher will man das wissen? Vielleicht wollte er ja auch nur die schönen Blümchen auf der Alm pflücken. Das lässt sich nicht herausfinden."

An mehr als 100 Fernsehproduktionen hat Paulsen mitgewirkt, besonders spektakulär: "Steinzeit - Das Experiment" aus dem Jahr 2006, in der zwei Familien einen Monat lang wie in der Steinzeit lebten. Besonders gern hat er Kinderprogramme wie "Löwenzahn" mit Peter Lustig oder "Willi wills wissen" mit Willi Weitzel begleitet. Seine Freude bei der Arbeit mit Kindern hat er auch in die museumspädagogische Arbeit eingebracht.

Wenn Paulsen Ende Januar sein Büro leer geräumt hat, wird er sich keinesfalls zur Ruhe setzen. "Ich bin schon zu etlichen Tagungen eingeladen." Auch Gottorf möchte er verbunden bleiben und pädagogische Projekte begleiten.

Er möchte aber auch mehr Zeit mit seinen Enkelkindern verbringen: "Schließlich habe ich als Opa und Ersatzopa einiges zu bieten." Die Beschäftigung mit Kindern ist eines seiner größten Anliegen: "Es macht sie so viel kreativer, wenn man mit ihnen rausgeht, sie selbst Fische fangen und Brötchen backen lässt. Wenn sie die Dinge verstehen und sich selbst Gedanken machen, sind sie jedem Schreibtischtäter haushoch überlegen."

Paulsens Freizeit wird weiterhin vom Leben der Vorfahren bestimmt. Als einer der bekanntesten "Wikinger" Deutschlands, lässt er mit seiner Gruppe "Opinn Skjold" in einem Lager bei Schleswig seit mehr als 30 Jahren die Wikingerzeit aufleben. Aber Wikinger oder Steinzeitmensch sei er nicht, betont er: "Die sind alle tot. Ich bin ein Mensch von heute und kenne die Wikingerzeit zu gut, als dass ich in ihr leben wollte."

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