Reportage : Zwei Tiroler und 500 Container: Reisen mit dem Frachtschiff

Von den Bergen ans Meer - die beiden Frachtschiffgäste aus Tirol.
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Von den Bergen ans Meer - die beiden Frachtschiffgäste aus Tirol.

Eine Frachtschiffreise ist keine Kreuzfahrt, doch immer mehr Gäste lieben diese Art der Seefahrt. Warum das so ist, hat Wolfgang Henze erfahren.

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23. August 2009, 04:00 Uhr

Bremerhaven | "Danzig! Wieso Danzig? Wir wollen nach Sankt Petersburg!" Ein bisschen empört schauen Raimund Huber (54) und Josef "Beppi" Simon (58) schon drein, als ihnen Kapitän Igor Mudrov (41) das neue Reiseziel eröffnet. "Wir haben zu viel Ladung für Danzig an Bord, daher können die Container für Sankt Petersburg nicht mehr mit," erklärt Mudrov schließlich. So richtig fröhlich werden die beiden Passagiere durch diese Erklärung auf dem hochmodernen Containerschiff "Lantau Arrow" zwar auch nicht gestimmt, denn immerhin sind sie mit dem Pkw extra aus dem österreichischen Tirol angereist, um nach Sankt Petersburg zu fahren. "Glaubt mir," setzt der Kapitän gelassen hinzu, "ich würde auch lieber nach Sankt Petersburg fahren." Dieser Feststellung können schließlich auch die beiden Tiroler nur uneingeschränkt zustimmen, denn Kapitän Mudrov wohnt mit seiner Familie in der Millionenstadt an der Newa-Mündung, und die bekommt er ohnedies nur während kurzer Hafenaufenthalte zu sehen.
Die "Lantau Arrow" fährt als so genanntes "Feeder"-Schiff zur See, transportiert die Standard-Stahlkisten von kleineren Häfen zu den Mega-Container-Umschlagplätzen wie beispielsweise Bremerhaven, Hamburg oder Rotterdam. Zurzeit pendelt sie überwiegend zwischen Bremerhaven, Danzig und Sankt Petersburg, nimmt dabei neben vielen Containern immer auch ein paar Passagiere in gemütlichen und gut ausgestatteten Besatzungs-Kabinen mit.
In einer Woche Bremerhaven-Ostsee und zurück
Jede Rundreise dauert etwa eine Woche, führt von Bremerhaven über die Nordsee, in die Elbe, durch den Nord-Ostsee-Kanal in die mittlere Ostsee. Zurück geht es meist durch die dänische Inselwelt, über das Kattegat und Skagerrak, rund um Skagen zurück nach Bremerhaven.
Kurzfristige Änderungen im Reiseplan sind auf einem Frachtschiff eigentlich immer drin. Und für die zahlenden Passagiere an Bord gilt: "Ladung geht vor, eine Frachtschiffreise ist schließlich keine Kreuzfahrt!" Und dennoch, Frachtschiffreisen boomen, denn sie bieten Seefahrt pur, interessante Häfen, gute Kontakte zur Besatzung und vor allem viel, viel Ruhe. Moderne Frachter sind häufig sogar mit Swimmingpools und kleinen Wellnessbereichen, aber auch großzügigen Sonnendecks ausgestattet. Gegessen wird zusammen mit den Offizieren in der Messe, die Verpflegung ist gut und abwechslungsreich.
Preise zwischen 375 und 10.000 Euro
Viele internationale Reedereien bieten inzwischen Mitfahrtmöglichkeiten auf ihren Frachtern an. Vermittelt werden diese Passagen über Spezialreisebüros. Von mehrtägigen Kurzreisen in Nord- und Ostsee bis zu halbjahreslangen Reisen über alle Weltmeere ist bei Preisspannen von 375 bis 10.000 Euro alles möglich.
Als Kapitän Mudrov am frühen Nachmittag die Leinen loswerfen lässt und die "Lantau Arrow" langsam Fahrt aufnimmt, haben sich die beiden Tiroler Passagiere schon längst an Bord eingelebt. Inzwischen finden sie locker alleine den Weg zur Offiziersmesse, zur Brücke und auf das Signaldeck, dem besten und höchsten Aussichtspunkt an Bord. Und zu sehen gibt es reichlich, denn die Deutsche Bucht ist eines der am dichtesten befahrenen Seegebiete der Welt, und noch enger konzentriert sich der Schiffsverkehr schließlich in der Elbe und vor den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals bei Brunsbüttel. Am frühen Abend schleust die "Lantau Arrow" in den Kanal ein, bereits am nächsten Morgen erreicht sie das andere Ende der großen künstlichen Wasserstraße. Von Kiel aus geht es weiter, durch die westliche und mittlere Ostsee, Kurs Danzig.
"Danzig ist eine unglaublich tolle Stadt"
Es ist herrlich warm, direkt neben dem Tiefwasser-Containerterminal von Danzig-Stogi drängen sich die Menschen sogar am frühen Abend noch eng am Strand, genießen das frische Ostseewasser zur Abkühlung. Zwölf Stunden Hafenaufenthalt zum Containerladen und -löschen haben Raimund Huber und Beppi Simon genutzt, um Danzig auf eigene Faust zu entdecken. Nach einem langen Tag in der ehemaligen Hansestadt "kämpfen" sich die beiden Tiroler, sozusagen mit letzter Kraft, durch das Container-Terminal zurück an Bord. Bevor sie ermattet in ihre Kabinen verschwinden, bleibt da nur noch die unwidersprochene Feststellung: "Also Danzig, das ist ja eine unglaublich tolle Stadt!" Na, denn ist ja wohl alles bestens gelaufen, während der Reise auf dem Containerschiff "Lantau Arrow".

"Lantau Arrow"
157,7 m lang, 25,6 m breit,
Maschine: VARTISILA NSD 8RTA62U
Leistung: 17782 KW (24160 HP)
Geschwindigkeit: 15 Kts (27 km/h), Registrierung: Majuro (Marshall Island), Reederei: Köpping Schifffahrtsgesellschaft, Schülp (Rendsburg)
Frachtschiffreisen: Frachtschiff-Touristik, Kapitän Zylmann GmbH, Exhöft 12, D-24404 Maasholm, www.zylmann.de
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