Trotz Windenergie : Zu wenig Züge in SH fahren mit Strom

Zwei Dieselzüge der Deutschen Bahn im Bahnhof Westerland. Unter anderem für die Strecke nach Sylt fordert Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) eine Oberleitung.

Zwei Dieselzüge der Deutschen Bahn im Bahnhof Westerland. Unter anderem für die Strecke nach Sylt fordert Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) eine Oberleitung.

Kiel fordert eine Elektrifizierungs-Offensive für die Schiene. In keinem Bundesland gibt es so wenige Gleise mit Oberleitung wie in Schleswig-Holstein.

Unser Hauptstadtkorrespondent Hening Baethge von
08. November 2017, 14:15 Uhr

Kiel/Hamburg | Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz fordert von Bund und Deutscher Bahn eine Elektrifizierungsoffensive im Norden. „Wir haben zwar viel Windstrom, aber ganz wenig elektrifizierte Bahnstrecken“, sagt Buchholz. Das müsse sich ändern. Gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus den anderen Bundesländern will der FDP-Politiker daher heute auf der Verkehrsministerkonferenz in Wolfsburg einen Beschluss fassen, der vom Bund ein Sonderprogramm für mehr Oberleitungen an Gleisen verlangt. Insgesamt fünf Milliarden Euro soll der Bund dafür in den nächsten zehn Jahren zahlen. „Die Elektromobilität muss gerade auf der Schiene mehr gefördert werden“, fordert Buchholz.

Anlass für den Vorstoß der Minister sind die Probleme der Bahn bei den jüngsten Unglücksfällen: Sowohl nach dem Einsturz einer Tunnelbaustelle im badischen Rastatt und der daher nötigen Sperrung der Rheintal-Linie als auch nach den Gleisschäden wegen der Stürme im Oktober fehlten elektrifizierte Ausweichrouten, auf denen der Bahnverkehr in gewohntem Umfang weiterrollen konnte. Zwar räumt Buchholz ein, dass die Folgen einer Streckensperrung in Schleswig-Holstein nicht so gravierend wären wie auf der vielbefahrenen Rheintalbahn. Doch auch im Norden hätten vor allem Güterzüge kaum Ausweichmöglichkeiten. Zudem will Buchholz mit neuen Oberleitungen auch die Industriestadt Brunsbüttel besser anbinden, die Marschbahn nach Sylt aufwerten und die S21 nach Hamburg ausbauen.

Bau von fünf Oberleitungen gefordert

„Es ist absurd, dass in Schleswig-Holstein Diesel auf der Schiene verbrannt wird, während direkt daneben Windmühlen runtergeregelt werden müssen, weil der Strom im Netz nicht gebraucht wird“, kritisiert Buchholz. Insgesamt geht es dem FDP-Minister um den Bau von fünf Oberleitungen für diese Strecken:

  • Itzehoe-Sylt
  • Wilster-Brunsbüttel
  • Bad Oldesloe-Neumünster
  • Lübeck-Kiel
  • Hamburg-Kaltenkirchen

Östlich von Hamburg soll zudem ab Lübeck eine weitere elektrifizierte Verbindung nach Osten entstehen, über das mecklenburgische Bad Kleinen. Eine Alternativ-Variante über Büchen ist nach Angaben des Lauenburger CDU-Bundestagshaushälter und Verkehrsexperten Norbert Brackmann so gut wie vom Tisch.

Die Forderungen von Buchholz sind umso naheliegender, als das Schienennetz in Schleswig-Holstein bisher von allen Bundesländern den geringsten Elektrifizierungsgrad aufweist: Nicht mal 30 Prozent der Gleise haben einen Fahrdraht. In Niedersachsen liegt die Quote dagegen bei 50 Prozent, in Hamburg bei 90 und im Bundesdurchschnitt immerhin bei 54.

Can Yalim
 

Die Bahnlobbyisten der „Allianz pro Schiene“ mochten ihren neuen Berechnungen kaum glauben: Nur knapp 30 Prozent der Gleise in Schleswig-Holstein sind elektrifiziert – 376 von 1275 Kilometern. Der Anteil ist so klein wie in keinem anderen Bundesland. Niedersachsen und Bayern etwa kommen auf 50 Prozent, Hamburg sogar auf 90, und der Bundesschnitt liegt immerhin bei 54. Kein Wunder, dass nicht nur die Schienenlobbyisten Handlungsbedarf sehen, sondern auch der Kieler Verkehrsminister Bernd Buchholz: Er verlangt jetzt von Bund und Bahn eine Oberleitungsoffensive im Norden. „Die Elektromobilität muss gerade auf der Schiene mehr gefördert werden“, sagt der FDP-Politiker.

Can Yalim
 

Buchholz ist mit seiner Forderung nicht allein: Auch seine Amtskollegen aus den anderen Ländern wollen auf der morgen beginnenden Verkehrsministerkonferenz in Wolfsburg einen Beschluss fassen, mit dem sie von einer neuen Bundesregierung ein Sonderprogramm für Elektrifizierungen verlangen. Insgesamt fünf Milliarden Euro soll der Bund dafür in den nächsten zehn Jahren zahlen. Das Programm soll nach den Wünschen der Minister Bestandteil eines 50 Milliarden schweren Pakets zur Förderung einer nachhaltigen Mobilitätswende in Deutschland werden.

Buchholz wird allerdings noch viel Überzeugungsarbeit in Berlin leisten müssen. Als sein SPD-Vorgänger Reinhard Meyer dieselben Elektrifizierungswünsche für den jüngsten Bundesverkehrswegeplan anmeldete, hat Minister Alexander Dobrindt sie letztes Jahr alle abgebügelt. Die Kosten würden den Nutzen jeweils übersteigen, zudem sei der Bund meist gar nicht zuständig, argumentierte der CSU-Mann. Nur die Elektrifizierung der Neubaustrecke zum geplanten Fehmarnbelt-Tunnel ist unumstritten. Daneben prüft Berlin derzeit noch zweigleisige Ausbauten der Strecken Wilster-Brunsbüttel und Niebüll-Klanxbüll – von Oberleitungen ist aber nicht die Rede.

Allerdings fordern Buchholz und Kollegen den Bund jetzt auf, die bisher abgelehnten Elektrifizierungen neu zu bewerten und deren Nutzen für Ausweichverkehre stärker zu berücksichtigen. Zudem solle der Bund aus dem geforderten Sonderprogramm nicht mehr nur Fernverkehrsstrecken fördern. Und um den Zugverkehr auch dort umweltfreundlich zu machen, wo sich Oberleitungen nicht lohnen, verlangt Buchholz ferner, dass Bund und Bahn stärker auf alternative Antriebsformen für Züge setzen sollen – wie Wasserstoff- oder Hybrid-Motoren. „Das Ziel muss ein emissionsarmer Schienenverkehr sein“, sagt der Minister.

Kommentar

Mehr Strom für die Schiene

von Henning Baethge

Es ist noch nicht lange her, da war Schleswig-Holstein auf der Schiene ein echtes Entwicklungsland. Bis 1995 konnten hier keine Elektroloks fahren – es gab schlicht keine Oberleitungen. Eine ICE-Fahrt bis nach Kiel war unmöglich. Das änderte sich erst mit den Elektrifizierungen der Strecken Hamburg-Kiel 1995, Neumünster-Flensburg 1996, Elmshorn-Itzehoe 1998 und Hamburg-Lübeck 2008.

Verglichen mit 1995 ist der Zustand heute viel besser – aber noch nicht gut. Weiterhin sind im nördlichsten Bundesland so wenig Strecken mit einem Fahrdraht versehen wie in keinem anderen. Weiterhin müssen Lokführer von Intercity-Zügen nach Sylt spätestens in Itzehoe die Elektrolok gegen eine stinkende Diesellok austauschen. Daher ist der Vorstoß des Kieler Verkehrsministers Bernd Buchholz richtig: Der Bahnverkehr im Norden braucht mehr Strom – vor allem auf der Marschbahn und der davon abzweigenden Strecke nach Brunsbüttel, der einzigen Industriestadt Schleswig-Holsteins.

Die Forderung ist umso einleuchtender, als der benötigte Strom vor Ort in Hülle und Fülle vorhanden ist – produziert von Windrädern an der Westküste. Sauberer Strom für sauber fahrende Züge: Das wäre ein Modell, das nicht nur Buchholz und seinem grünen Koalitionspartner gefallen würde, sondern auch das Image von Bahn und Windmüllern heben dürfte.

Und das wäre ein Modell, das sogar dann funktionieren könnte, wenn der Bund die Elektrifizierung der Marschbahn weiterhin ablehnt, weil sie ihm zu teuer ist. Denn mit Windstrom kann auch Wasserstoff für moderne Brennstoffzellen-Züge erzeugt werden. Das ist zwar ebenfalls teuer – doch Niedersachsen testet diese Züge jetzt ab Dezember erstmals auf der Linie

Buxtehude-Bremerhaven-Cuxhaven. Dass auch Buchholz diese Alternative bedenkt, weist ihn als grünen Liberalen aus – und könnte das einstige Bahn-Entwicklungsland Schleswig-Holstein womöglich zu einem Vorreiter machen.

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