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Alterskriminalität 2016 : Zahl der Straftaten wächst: Polizei ermittelte gegen 5055 Senioren in SH

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Aus der Onlineredaktion

Verbrechen aus Überforderung? Experten vermuten einen Zusammenhang mit der häuslichen Pflege.

shz.de von
erstellt am 04.Sep.2017 | 08:08 Uhr

Kiel | In Schleswig-Holstein begehen mehr Senioren Straftaten. Vergangenes Jahr registrierte die Polizei 5055 Beschuldigte, die über 60 Jahre alt waren, das sind 9,6 Prozent aller Tatverdächtigen. Im Jahr zuvor waren es noch 9,3 Prozent.

In der Regel begehen ältere Menschen keine schwerwiegende Straftaten. Laut Landeskriminalamt sind es vorwiegend Diebstähle oder Beleidigungen. Doch es gibt ein Dunkelfeld in der Altenkriminalität, bei dem am Ende Tote zu beklagen sind. 2015 und 2016 wurde in Schleswig-Holstein insgesamt acht Senioren Totschlag oder Tötung auf Verlangen vorgeworfen, das sind 14,5 Prozent aller 55 Fälle aus diesen beiden Jahren. Und wegen Rohheitsdelikten und Straftaten gegen die persönliche Freiheit wurde 2016 gegen 1430 Senioren ermittelt (7,8 Prozent). Die Zahlen in 2015 waren ähnlich hoch. Was steckt dahinter?

Das Landeskriminalamt verwaltet nur die Statistik, kann zu einzelnen Fällen keine Auskunft gegen. Auf einer Fachtagung zur Altenkriminalität hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) von Experten eine beunruhigende Erklärung erhalten. GdP-Bundesvorsitzender Oliver Malchow: „Es wird vermutet, der Grund könnte Gewalt in der privaten häuslichen Pflege sein. Wo der Lebenspartner anfangs aus inniger Verbundenheit noch liebevoll umsorgt wird, sind Kraft und Nerven bald am Ende – und es kommt zu Straftaten durch Überforderung.“

Malchow betont, dass es noch an kriminologischen Forschungen und damit an Daten zu diesem Thema mangelt. Was bei Überlastung in der Familie passiere, wisse man aber bereits genau, wenn es um Kinder gehe: „Es kommt zu Aggressionen und Misshandlungen.“ Malchow vermutet bei Senioren ein hohes Dunkelfeld bei solchen Fällen, weil sich beispielsweise Demenzkranke gar nicht mehr artikulieren könnten, wenn sie Verletzungen aufwiesen.

Die GdP plädiert für Seniorensacharbeiter bei der Polizei, vergleichbar mit Jugendsachbearbeitern. Auf jeden Fall müssten Beamte beim Thema Altenkriminalität fortgebildet werden. Beim BKA und der Deutschen Hochschule der Polizei gebe es bereits entsprechende Studiengänge, in denen Beamte die notwendige Sensibilität für entsprechende Fälle erwerben könnten.

Die Theorie vom Lebenspartner der zum Täter wird, ist nicht unumstritten. Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sagt: „Es sind nicht die Partner, die den Pflegebedürftigen aus Überforderung töten. Wer einen so langen Weg gemeinsam gegangen ist, befördert seinen Liebsten nicht ins Jenseits. Die Täter kommen aus der nachfolgenden Generation, wenn sie in ihrer Kindheit von den Eltern schlecht behandelt wurde.“ Belegt seien allerdings Fälle von verbotener Sterbehilfe unter Partnern. „Dabei wird aus Liebe dem Bitten des Leidenden nachgegeben.“

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