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Wohnugnsnot in SH : Zahl der Obdachlosen steigt immer weiter an

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor allem junge Erwachsene sind betroffen. Viele Obdachlosen-Unterkünfte im Land sind überbelegt.

Lübeck | In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Wohnungslose, die Diakonie geht in Schätzungen von 10.000 Betroffenen aus. Und in diesem Winter steuert das Land wohl auf einen traurigen Rekord zu.

„Die Steigerungsrate bei den Wohnungslosen ist enorm“, sagt Lutz Regenberg, Sprecher der Vorwerker Diakonie in Lübeck. „In Lübeck gibt es 47 Plätze für Wohnungslose, belegt sind 61 – was die Lage mehr als deutlich macht. Die Betten stehen auf den Fluren.“ „Wenn kein Wunder geschieht, erreichen wir in diesem Jahr einen neuen Höchststand“, warnt Melanie Popp, Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot bei der Diakonie Altholstein. Allein in Neumünster hat sie 185 Obdachlose untergebracht.

Die Entwicklung zeichnet sich bereits geraume Zeit ab. Im vergangenen Jahr hat die Diakonie Schleswig-Holstein 6500 Menschen beraten, die obdachlos oder von Wohnungslosigkeit bedroht waren – 1000 mehr als 2014. „Wir haben für dieses Jahr noch keine aktuellen Zahlen aus unseren 34 Einrichtungen“, sagt Sprecher Friedrich Keller. „Doch gerade die Unterkünfte in Kiel, Flensburg, Lübeck und Neumünster sind heillos überbelegt.“

Das klassische Bild des obdachlosen Penners ist dabei schon lange nicht mehr gültig. Vielmehr geht es um eine Gemengelage aus finanzieller Not, Überforderung und Konflikten in der Familie. „Wir beobachten, dass immer mehr junge Erwachsene obdachlos werden“, berichtet Lutz Regenberg. „Es trifft Männer unter 25 Jahren, deren familiären Bindungen zerrüttet sind. Und Frauen, die nach der Trennung die gemeinsame Wohnung nicht behalten, sondern verlassen müssen.“ Allein 240 Kinder seien mitbetroffen, erklärt Melanie Popp. Wobei Frauen durch ihr meist dichteres soziales Netz zunächst „versteckt“ obdachlos seien, wie Regenberg es nennt. „Sie kommen bei Freunden oder Verwandten unter und schämen sich, Hilfe anzunehmen.“

Doch ohne Hilfe ist es gerade für sozial schwache Menschen extrem schwer, eine Wohnung zu finden. Diakonie-Sprecher Keller: „Ein Grund dafür ist, dass viele Betroffene eine negative Schufa-Auskunft haben. Gleichzeitig ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt angespannt. Studenten, Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende und Flüchtlinge, sie alle suchen bezahlbaren Wohnraum. Das mindert die Chancen von Wohnungslosen, die bei den Vermietern in der Beliebtheitsskala ganz unten stehen.“

Zudem passt die Mietpreisobergrenze des Jobcenters oft nicht zum Angebot des Marktes. Die Vorwerker Diakonie in Lübeck mietet deshalb seit Anfang des Jahres selbst Wohnungen in der Hansestadt an und vermietet sie an Wohnungslose weiter. „Wir tragen das volle Risiko und haben so in diesem Jahr 29 Menschen zu einer eigenen Wohnung verholfen“, erzählt Regenberg. Geplant sei außerdem ein Frauenwohnheim, um junge Frauen unterbringen zu können.

Das Straßenmagazin „Hempels“ hat eine Stiftung gegründet, um durch den Kauf eigener Wohnungen die privat-gewerblichen Wohnungswirtschaft zu umgehen. „Es fehlt in großen wie in kleinen Städten an niedrigpreisigem Wohnraum, der für mehrfach problembelastete Menschen zugänglich ist“, sagte Stiftungsratsvorsitzender Jo Tein. Das Projekt soll zunächst in Kiel verwirklicht werden, die Mieten sollen in das Stiftungskapital fließen und für den Kauf weiterer Wohnungen genutzt werden.

An Nachfrage wird es nicht mangeln: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat 2014 rund 335.000 Menschen ohne Wohnung gezählt. Die Prognose für 2018 liegt bei 536.000 Wohnungslosen.

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erstellt am 26.Dez.2016 | 19:44 Uhr

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