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Landtagswahl in SH : Wolfgang Kubicki (FDP): Immer noch da – und schon fast weg

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die FDP steht in SH relativ gut da - auch dank Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki. Doch der spiekt schon weiter Richtung Berlin.

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erstellt am 12.Apr.2017 | 10:07 Uhr

Strande | Der Termin steht seit Langem fest: 24. September, der Tag der Bundestagswahl, gegen Mitternacht. Dann wollen sich Wolfgang Kubicki und Christian Lindner in einem Berliner Hotel treffen. „Da feiern wir dann die Rückkehr in den Bundestag – und zwar ordentlich“, sagt Kubicki.

Vor vier Jahren haben die beiden FDP-Größen diese Verabredung getroffen, im Jahr 2013, als die FDP am Boden lag. Die Liberalen verpassten bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde, ein Debakel. Nach 65 Jahren waren sie nicht mehr im Bundestag vertreten, eine Partei am Rande der Bedeutungslosigkeit. „Niemand gab mehr einen Pfifferling auf uns“, sagt Kubicki. Das hat die Kampfeslust in ihm geweckt – und ihm darüber hinaus die Chance geboten, in der Partei als stellvertretender Bundesvorsitzender hinter Christian Lindner an Einfluss zu gewinnen. „Die gesamte Führungsriege hatte sich verabschiedet, und ich wollte nicht dabei zusehen, wie meine Partei vor die Hunde geht.“

Ohne das liberale Waterloo säße Wolfgang Kubicki jetzt auch gar nicht hier, in einem Café in Strande und würde über seine Landtags-Kandidatur sprechen. „Dann würde ich kurz vor dem Ende meiner letzten Legislaturperiode stehen“, sagt er. Wolfgang Kubicki ist vor wenigen Wochen 65 Jahre alt geworden, er arbeitet immer noch als Rechtsanwalt. „Und aus finanziellen Gründen brauche ich die Politik nicht“, sagt er.

Strande ist der Ort, den er selbst für das Treffen gewählt hat. Hier wohnt Kubicki seit 25 Jahren. Schon als Student habe er gewusst, dass er hier später einmal leben möchte. „Strande ist wie Sylt: tolle Landschaft, gute Restaurants“, sagt er. Auch sein Boot „Liberty“ liegt hier, 150 Meter Fußweg von der Haustür entfernt. „Damit fahre ich an schönen Sommerabenden 300 Meter raus. Mehr nicht. Dann setze ich den Anker, trinke ein Glas Wein und komme zur Ruhe. Das Tolle daran ist: Man ist immer noch da – und trotzdem weg.“

Immer noch da – und trotzdem weg. So könnte man auch Kubickis Landtags-Ambitionen umschreiben. Er ist politisch auf der Durchfahrt. Im Mai tritt er als Spitzenkandidat der FDP für den Landtag an, im September bewirbt er sich dann für ein Bundestags-Mandat. Gelingt der Wechsel nach Berlin, wäre seine Zeit im Kieler Landtag vorbei. Gleiches gilt für den Bundesvorsitzenden Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen. Dort wird eine Woche später ein neuer Landtag gewählt. „Wer will, dass die FDP im kommenden Bundestag vertreten ist, der muss auch die Liberalen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen stark machen. Das ist die Basis auch für einen Erfolg im Bund“, sagt Kubicki. Erfolg heißt für ihn dabei nicht nur die Rückkehr in den Bundestag, sondern vielmehr: Regierungsbeteiligung.

Eigentlich ist er ja schon längst auch Bundespolitiker – und das nicht erst seit dem Wahl-Desaster im Jahr 2013. Nur war er wahrscheinlich nie so wichtig für die Bundes-FDP wie derzeit, die kritischen Stimmen gegen ihn sind überwiegend verstummt. Wolfgang Kubicki hat immer einen gewissen politischen Individualismus gepflegt. Er ist redegewandt und schlagfertig und ein Freund der Zuspitzung; ein kluger Kopf, der gern in alle Richtungen keilt, auch innerhalb der eigenen Reihen. Das hat ihn bekannt gemacht und zu einem gern gesehenen Gast in politischen Talkshows. Das hat ihm aber auch Kritik eingebracht. Es gab Zeiten, da wirkte der weißhaarige Liberalen-Chef aus Schleswig-Holstein wie eine eigene Partei in der Bundes-FDP.

Gerade aber ist das liberale Leben des Wolfgang Kubicki schön, ach was: es ist wunderbar. Die FDP hat wieder an Bedeutung gewonnen, die Prognosen sehen sie im Bund bei 6 Prozent und im Land bei 9 Prozent. Es kommen viele Einladungen von Vereinen und Verbänden; das politische Berlin interessiert sich wieder für die Liberalen, auch die Kanzlerin und ihr Kabinett: „Es ist noch nicht lange her, da haben die sich hochnäsig weggedreht, heute freuen sie sich wieder, wenn die FDP anruft.“ Kubicki hat mitgeholfen, die alten Liberalen neu zu erfinden.

Seine alte Angriffslust hat er sich dabei erhalten. Passt ihm eine Frage nicht, dann fixiert er sein Gegenüber, redet noch schneller – und antwortet nicht selten mit einer Gegenfrage. In solchen Situationen kann er anstrengend sein.

„Ich wirke gelegentlich arrogant und überheblich.“

Aber meistens ist Wolfgang Kubicki ein angenehmer, wenn auch überaus selbstbewusster Gesprächspartner, der seine Schwächen kennt: „Ich wirke gelegentlich arrogant und überheblich.“ Aber er hat auch eine Begabung zur Selbstironie. Etwa dann, wenn er – etwas überzeichnet – seine weichen Seiten beschreibt: „Ich habe ein sehr sensibles Herz, ich kann auch weinen.“ Kubicki grinst, vor dem Fenster fliegt eine Möwe in Richtung Horizont davon. „Ehrlich. Ich schaue mir auch gern romantische Filme oder Tragödien an. So wie ‚Marley & Ich‘: Da geht es um einen Golden Retriever, der die ganze Familie zusammenhält und am Ende stirbt. Da habe ich geschluchzt wie ein Weltmeister.“ Dass Kubicki Kriegsfilme zur Entspannung schaut, ist ein gern gepflegtes öffentliches Image, sein Faible für Schnulzen kommt dann aber doch überraschend.

Dazu würde man jetzt gerne mal Ralf Stegner befragen, Kubickis großen Gegenspieler von der SPD-Fraktion. Die Rededuelle der beiden sind legendär. Null sensibel, eher messerscharf.

Wenn alles nach Plan läuft, wird es diese Duelle bald nicht mehr geben. Schleswig-Holstein, der Landtag, das ist für Wolfgang Kubicki zur Routine geworden, auch wenn er es anders ausdrückt: „Ich bin seit 25 Jahren im Landtag, ich bin Alterspräsident und der dienstälteste Fraktionsvorsitzende. Was gibt es besseres für Schleswig-Holstein, als jemanden, auf den man sich verlassen kann, als Repräsentanten des Landes in den Bundestag zu schicken?“

Zwischen ihm und dem Bundestag stehen aber noch zwei Wahlen. „Erst einmal wollen wir ein gutes Ergebnis im Land holen, zweistellig, wir haben die Chance auf 12 bis 14 Prozent.“ Mit diesem Rückenwind will er dann in Richtung Berlin weiterziehen. Bei der Bundestagswahl erscheint derzeit alles möglich, auch ein erneutes Scheitern der Liberalen. „Wir kommen rein“, sagt Kubicki. Zweifel lässt er nicht zu. Nicht nur, weil er seit vier Jahren mit Christian Lindner zum Feiern verabredet ist. Sondern weil er seine Partei wieder noch oben bringen will.

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Porträts der weiteren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl lesen Sie in den kommenden Tagen auf shz.de.

 

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