Besuch einer Anlaufstelle : Wohnungslosigkeit in SH – in der Abwärts-Spirale

Bundesweit lebten im Jahr 2016 860.000 Menschen ohne Wohnung.

Bundesweit lebten im Jahr 2016 860.000 Menschen ohne Wohnung.

Trautes Heim, Glück allein? Rund 10.000 Schleswig-Holsteiner können sich nicht in die eigenen vier Wände zurückziehen. Sie sind wohnungslos.

23-42759633_23-77789214_1456135260.JPG von
03. Dezember 2017, 11:23 Uhr

Flensburg/Kiel | Es ist einer dieser typischen Novembertage: grau, nass und ungemütlich. Der Dauerregen durchtränkt die Jacke, Kälte kriecht den Rücken hoch. Wer nicht draußen sein muss, hält sich drinnen auf. Wärmt Körper und Geist in der warmen Stube.

Als Michaela Ketelsen heute Morgen um 7.30 Uhr die Tür zum Tagestreff für wohnungslose Männer im Flensburger Johanniskirchhof aufschloss, standen schon mehrere Besucher dort und warteten. Auf einen Kaffee, eine heiße Dusche, ein bisschen Mitmenschlichkeit. „Nicht alle unsere Besucher sind wohnungslos“, sagt Ketelsen. „Manchen wurde auch der Strom oder das warme Wasser abgedreht. Dann kommen sie zu uns, um zu kochen, Wäsche zu waschen und sich aufzuwärmen. Oder einfach, um unter Leute zu kommen – das ist für alle Besucher wichtig. Denn Isolation ist ein ganz großes Thema.“

Frühstück für 80 Cent

In der Küche gluckert die Kaffeemaschine, eine Mitarbeiterin legt ein paar Scheiben Käse und Wurst auf Servierplatten. Gleich gibt es Frühstück, für einen kleinen Obolus von 80 Cent. Ein älterer Herr mit schulterlangen, grauen Haaren und Vollbart kommt mit einigen Tüten in der Hand herein. „Ich hab’ schon mal eingekauft, hab’ ja das Rad, damit geht es schneller“, sagt er. Die Männer werden hier in den Alltag einbezogen: „Sie helfen beim Einkaufen, Kochen, putzen mal ein Waschbecken, leeren Aschenbecher, räumen auf“, erklärt Ketelsens Kollegin Véronique Löwe. „So erfahren sie, wie der Tag eine Struktur bekommt“ – auch ohne Job und Bleibe.

Einrichtungen wie der Tagestreff in Flensburg haben in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf bekommen. 2016 nutzten gut 7500 wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen die Hilfsangebote der Diakonie, 16 Prozent mehr als noch 2015. „Unsere Berater geraten zunehmend an ihre Belastungsgrenze“, sagt Friedrich Keller, Pressesprecher des Diakonischen Werkes in Rendsburg. Unter dem Dach der Diakonie arbeiten in Schleswig-Holstein insgesamt 34 Anlaufstellen für Wohnungslose und für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Dazu gehören vier Tagestreffs, 23 Beratungsstellen und sieben stationäre Hilfen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

 

„Inklusive Dunkelziffer sind wir bei geschätzt rund 10.000 Betroffenen in Schleswig-Holstein“, sagt Friedrich Keller. „Denn lange nicht alle kommen zu uns. Vor allem für Frauen ist die Schwelle hoch, sie kommen häufig ,erstmal noch bei einer Freundin unter’. Doch irgendwann hat auch das ,Sofa-Hopping’ mal ein Ende.“ Und leider kämen die meisten, wenn es bereits zu spät sei.

Bundesweit lebten im Jahr 2016 860.000 Menschen ohne Wohnung. Auf 1,2 Millionen soll die Zahl nach einer Prognose der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) im nächsten Jahr ansteigen. Der zuletzt hohe Zuwachs liegt auch daran, dass wohnungslose anerkannte Flüchtlinge in die Statistik einbezogen werden. Ihre Zahl schätzt die BAGW auf etwa 440.000 Menschen – sie stellen also rund 50 Prozent aller Wohnungslosen in Deutschland. Meist müssen sie nicht auf der Straße leben, sondern werden weiterhin in den Gemeinschaftsunterkünften geduldet. Anerkannte Flüchtlinge, Hartz IV-Bezieher, Alleinerziehende, Studenten, Senioren mit kleiner Rente – sie alle konkurrieren um ein rares Gut: bezahlbaren Wohnraum. Die Nachfrage nach Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen übersteigt in den meisten Städten das Angebot.

„Das ist so eine Spirale, da kommt man irgendwann nicht mehr raus“

„Auf eine Wohnung kommen da gern mal 50 Interessenten – da habe ich dann keine Chance“, sagt ein junger Mann, der an diesem Morgen im Aufenthaltsraum des Flensburger Tagestreffs sitzt. Zigarettenqualm wabert durch die Luft, auf dem Tisch liegen zerlesene Tageszeitungen. „Das ist so eine Spirale, da kommt man irgendwann nicht mehr raus“, erzählt er weiter. „Meinen Job musste ich wegen psychischer Probleme aufgeben, dann hatte ich Schwierigkeiten mit dem Vermieter und bekam die Wohnung gekündigt.“ Zunächst war er dann einer dieser „Sofa-Hopper“, kam bei Freunden unter, doch das war nichts für die Dauer. Seit ein paar Monaten schläft er nachts in einem Obdachlosenwohnheim der Stadt, tagsüber ist er auf Wohnungssuche, oft vom Tagestreff aus.

Modellprojekt in Lübeck

Eine gute Idee, die landesweit Schule machen könnte, wurde in Lübeck umgesetzt: Seit 2016 mietet die Diakonie dort Wohnungen an, die sie dann an Obdachlose weitervermietet. Da die Diakonie für den regelmäßigen Eingang der Miete sowie den Zustand der Wohnung haftet, wird für Vermieter das Risiko minimiert. 50 Wohnungen wurden auf diese Weise in Lübeck bereits vermittelt. „Wenn die Vermieter merken, dass es funktioniert, werden sie als normale Mieter übernommen“, erklärt Friedrich Keller vom Diakonischen Werk. Das Projekt soll nun auch auf Kiel und – zumindest im Rahmen des Winternotprogrammes – auch Husum ausgeweitet werden.

 

Vorurteile begegnen Wohnungslosen bei den meisten Besichtigungen, weiß Michaela Ketelsen aus ihrer 16 Jahre langen Erfahrung zu berichten. „Wer Leistungen vom Jobcenter oder vom Sozialamt bezieht, wird gleich in die unterste Schublade sortiert. Irgendwann setzt dann Resignation ein, wenn wieder eine Absage kommt. Wir ermuntern dann, weiterzumachen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken, helfen weiter bei der Suche. Denn glücklich und freiwillig wohnt niemand auf der Straße.“ Ihrer Meinung nach liegt die Ursache für die steigende Anzahl Wohnungsloser in einer jahrzehntelangen verkehrten Wohnungspolitik. Was sie ebenfalls beobachtet: Immer mehr Jüngere suchen Beratung. Rund 50 Besucher kommen jeden Tag in ihren Tagestreff. Darunter ist der Anteil der 18-Jährigen merklich gestiegen. „Ein Teil der jungen Erwachsenen kommt aus dem System der Kinder- und Jugendhilfe. Ihnen fällt es schwer, den Übergang in die Eigenständigkeit zu gestalten. Sie haben keine abgeschlossene Ausbildung, finden keinen Job, sind ohne Einkommen und scheitern dann bei der Wohnungssuche“, erklärt Ilona Storm, Referentin für Wohnungslosenhilfe beim Diakonischen Werk. „Außerdem fehlen die klassischen familiären Netzwerke, um die Jugendlichen aufzufangen.“

Viele haben Suchtprobleme

Die Betroffenen haben meist noch mehr Probleme, als kein Dach über dem Kopf zu haben. Häufig sind sie arbeitslos, überschuldet oder krank, viele haben Suchtprobleme. Die Berater der Wohnungslosenhilfe sind vielfältig gefordert, „teilweise überfordert“, sagt Friedrich Keller vom Diakonischen Werk. „Eine Wohnungslosenberaterin kann ja schwer auch noch psychische Beratung machen.“ Das sei weder für die Betroffenen gut, denen geholfen werden soll, noch für die Einrichtungen, die sich um ihre Mitarbeiter sorgen. Die Diakonie beklagt, dass trotz der steigenden Zahl an Betreuungsfällen die Mitarbeiterzahl seit Jahren gleichbleibend sei, weil die Landeszuschüsse auf 600.000 Euro gedeckelt seien.

Doch Geld ist nur die eine Seite der Lösung. Eine neu aufgestellte Organisation der Wohnungslosenhilfe sei genauso nötig, meint Keller. Seine Forderung: „Es müssen sich mal alle, die im Land damit zu tun haben, an einen Tisch setzen.“ Die Diakonie arbeitet im Auftrag der Kommunen, diese würden sich leider untereinander kaum austauschen. Die Diakonie will sich dafür stark machen, die Konzepte der ambulanten Wohnungslosenhilfe zu überprüfen „und wenn nötig neu zu erarbeiten“, sagt Landespastor Heiko Naß. „Das Klientel hat sich stark verändert. Darauf sollten wir reagieren.“

Tagestreff als Postadresse

Im Flensburger Tagestreff hat sich ein korpulenter Mann mittleren Alters auf einen Stuhl im Flur gesetzt, er trägt eine leuchtend gelbe Jacke mit Reflektorstreifen. Véronique Löwe begrüßt ihn persönlich. „Meine Post muss ich gleich mal bei dir holen“, entgegnet er. „War ja lang nich’ hier.“ Die Einrichtung bietet den Obdachlosen eine Postadresse, die Voraussetzung ist, um staatliche Leistungen zu beziehen. „Wir sind auch Übersetzer für offizielle Briefe“, sagt die Sozialarbeiterin. Denn oft seien die Betroffenen überfordert mit der Behördenkommunikation oder wollten sich absichern, ob sie alles richtig machen.

Im sogenannten „Dart-Raum“ haben es sich zwei junge Männer an einem Tisch gemütlich gemacht und ein Schachspiel begonnen, während ihre Wäsche in der Maschine nebenan ihre Kreise dreht. Ein wenig Normalität, Rückzug und Privatsphäre. Bis 14 Uhr. Dann schließt der Tagestreff.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen


Nachrichtenticker