Leben auf Hallig Gröde im Wattenmeer : Wo Töne ein Ereignis sind

Die Hallig Gröde ist das Zuhause von Annabelle Fürstenau.

Die Hallig Gröde ist das Zuhause von Annabelle Fürstenau.

Ein Leben ohne Lärm? Gibt es leider nicht. Aber das Leben auf einer Hallig im Wattenmeer kommt dem Ideal oft ziemlich nah.

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09. Dezember 2017, 17:25 Uhr

Wie es ist, an einem ruhigen Ort zu leben, weiß Annabelle Fürstenau. Vor knapp fünf Jahren zog sie von Kiel auf die Hallig Gröde. Nicht, weil sie die Großstadt satt hatte, sondern um ein vom Land Schleswig-Holstein finanziertes Stipendium anzutreten. Die Künstlerin fotografierte die Hallig und weil es ihr so gut gefiel, ist die 36-Jährige bis heute geblieben. Auf ihren Fotos sieht man die Ruhe: Wiesen, Priele, Warften in der Einsamkeit. „Auch wenn hier nicht viel los ist, ist es dennoch ein spannender Ort“, sagt Fürstenau. „Gerade weil die Hallig begrenzt ist.“ Sie zählt Fakten auf: zwei Warften, fünf Häuser, neun Menschen.

Für ihre künstlerische Arbeit ist die Hallig perfekt. Fürstenau hat hier eine Fotoserie geschaffen, die im Frühjahr im Schleswiger Stadtmuseum zu sehen sein wird. Land und Himmel treffen aufeinander. Der Horizont liegt dabei in der Bildmitte. Ein ruhiger Bildaufbau. So ruhig, wie die Hallig selbst.

Wegen der Abhängigkeit von Wetter und Meer ist das Leben inmitten der Nordsee abwechslungsreich. Die Menschen hier arbeiten vor allem im Küstenschutz. Die freie Künstlerin bietet Führungen für Touristen an, hat den Küsterdienst übernommen und pflegt den Friedhof. „Dann wird es auch mal laut, wenn ich den Rasen mähe.“ Aber nicht nur dann. „Ich kann nicht behaupten, dass wir hier ohne Lärm leben“, sagt Fürstenau und verweist auf eine hohe Trecker-Dichte – vier Traktoren kommen auf die neun Einwohner. „Und auch sonst gibt es hier alles, was man an Maschinen so braucht. Küstenschutz ist nicht gerade eine leise Arbeit.“

Annabelle Fürstenau lebt auf Gröde  zwischen Kühen, Schafen und Meer. privat
Annabelle Fürstenau lebt auf Gröde zwischen Kühen, Schafen und Meer. privat

Auch Natur ist selten still. Der Wind pfeift oft um die Ohren, im Sommer ist es wegen der Brutvogelkolonien laut. Aber es gebe kein Dauerrauschen wie in einer Stadt, Lärm sei temporär. Hier rauscht nur das Meer, und das sei etwas völlig anderes als dauerdröhnende Motoren – angenehm, ein beruhigender Klang, der das menschliche Ohr nicht anstrengt, sondern entspannt. „Töne sind hier ein Ereignis“, meint Fürstenau. „Auf dem Festland hat man immer Hintergrundgeräusche.“ Ein Feriengast habe es schön ausgedrückt: „Hier kann man das Hören neu lernen.“

Besonders seien die windstillen Tage, wenn sich Schall nur langsam, aber stetig übers Wattenmeer verbreitet. „Dann sind alle Geräusche intensiv.“ Grasende Schafe, die Lore auf der Nachbarhallig oder eine Motorkettensäge auf dem Festland – alles sei dann deutlich wahrzunehmen. „Die Zeiten, in denen man hier die Geräusche vom Festland hören kann, sind aber sehr selten. Dafür umso kostbarer.“

Wie ruhig sie lebt, merkt Annabelle Fürstenau, wenn sie gelegentlich die Hallig verlässt und in eine Stadt reist. „Dann ist da diese Hektik.“ Alles ströme dann auf einmal auf sie ein. „Dagegen ist es hier auf der Hallig nicht so wuselig.“ Gröde wirbt zu Recht mit „absoluter Ruhe“.

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