Schwierige Schüler in SH : Wo der Unterricht an Schulen lahmgelegt wird

Angesichts der prekären Lage an rund 20 Schulen in Problemstadtteilen will ein Lehrerverein das Land wachrütteln.

shz.de von
09. Januar 2018, 21:23 Uhr

Kiel | Bis zu 70 Prozent der Schüler stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Ähnlich viele beziehen staatliche Unterstützung, etwa Hartz IV oder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Bis zu 20 Prozent haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. In jeder Klasse gibt es drei bis vier potenzielle „Systemsprenger“: Kinder, die derart ausrasten können, dass sie den Unterricht phasenweise lahmlegen.

Wenn Hauke Kruse, Carsten Haack und Dieter Ruser solche Daten nennen, wird schnell klar, dass sie von Schulen an sozialen Brennpunkten sprechen – etwa in den Kieler Stadtteilen Mettenhof, Gaarden und Wellingdorf. Ohne Scheuklappen sprechen die drei Schulleiter von „geballtem Problem-Klientel“. Rund 17 weitere Gemeinschaftsschulen, außer in Kiel in Lübeck, Neumünster, Flensburg und dem Hamburger Umland, halten sie für vergleichbar „prekäre Schulen“. Diese wollen sie im ersten Quartal dieses Jahres einladen, um sich enger zu verdrahten. Übergeordnetes Ziel: Schulen mit besonderen Herausforderungen eine besondere Stimme zu geben. „Denn wenn nichts passiert, bekommen wir diese Schulen nicht über die nächsten Jahre gerettet“, befürchtet das Trio. „Dann verbrennen die Lehrer, und immer weniger Jugendliche werden zu einem erfolgreichen Abschluss geführt.“

Unterricht mit schwieriger Klientel möglich machen: Die Schulleiter Dieter Ruser, Hauke Kruse und Carsten Haack (von links ) verleihen ihrem Hilferuf mit dem Verein „Schulen am Wind“ Nachdruck.
Foto: Jung
Unterricht mit schwieriger Klientel möglich machen: Die Schulleiter Dieter Ruser, Hauke Kruse und Carsten Haack (von links ) verleihen ihrem Hilferuf mit dem Verein „Schulen am Wind“ Nachdruck.
 

Weil sie dienstrechtlich dem Bildungsministerium unterstehen, haben Kruse, Haack und Ruser eigens einen Verein für ihre Aktivitäten zum Wachrütteln gegründet. „Schulen am Wind“ heißt die bisher rund 40 Mitglieder zählende Interessenvertretung. „Eine Anspielung darauf, dass unsere Schulen hart am Wind segeln“, wie die Männer erklären. „Die Kompetenz, damit umzugehen, ist da“, sagt Ruser. „Nur die Kapazitäten – die stimmen nicht.“ Erst recht nicht, seitdem das Land die freie Schulwahl eingeführt hat, Eltern schwierige Standorte meiden und sich Probleme dort umso mehr ballen. Auch als Reaktion darauf versteht sich „Schulen am Wind“.

Nun hat die Kieler Jamaika-Koalition kurz vor Weihnachten durchaus ein Bekenntnis abgegeben, für prekäre Schulstandorte eine Schippe drauflegen zu wollen – aufgeweckt nicht zuletzt von „Schulen am Wind“, wie die Bildungspolitiker von CDU, Grünen und FDP durchblicken lassen. Doch mit dieser Absichtserklärung sehen die Vereinsgründer ihre Mission „noch längst nicht als erledigt an“. Im Gegenteil: „Jetzt wird es erst richtig spannend“, findet Kruse. Zum einen reicht „Schulen am Wind“ nicht, dass das Land mit Extra-Leistungen für Brennpunkte erst 2019 beginnen und 2020 richtig in Fahrt bringen möchte. Zum anderen komme es nun auf die richtigen, noch offenen programmatischen Aspekte an. „Und da“, so Kruse, „ist die große Frage: Traut man uns nur bei der Diagnose – oder auch bei der Expertise, wie es besser werden kann?“

Die Landesregierung will zunächst einen Sozial-Index entwickeln, um transparent zu begründen, warum bestimmte Schulen von Extra-Ressourcen eines so genannten ,Bildungs-Bonus’ profitieren und andere nicht. „Zumindest mit einigen Modellprojekten müsste und könnte man sofort beginnen“, findet Haack. „Denn egal, welche Kriterien man anlegt, in Kiel springen bei den weiterführenden Schulen immer dieselben heraus. Ganz egal, ob Bildungsgutscheine, Sozialhilfebezieher, Migrantenanteil oder Sprachförderbedarf.“ Spätere „Verfeinerungen“ und Übertragung auf weitere Standorte, so Haacks Vorstellung, „wären ja keineswegs ausgeschlossen“.

Nicht zuletzt, weil zahlreiche Kinder aus Flüchtlingsfamilien von der Grund- auf die Gemeinschaftsschule wechseln, sieht das Vereins-Trio eine drängende Notwendigkeit für zusätzliche Ressourcen. Denn die haben Deutsch nur als Zweitsprache erlernt – mit entsprechendem Rückstand für den weiteren Bildungsweg.

Bessere Bezahlung für Lehrer

Inhaltlich pochen Kruse, Haack und Ruser auf „Anreize, um die besten Lehrer an die schwierigsten Standorte zu bekommen“. Eine bessere Bezahlung an prekären Schulen wie neuerdings in Berlin können sie sich als einen Baustein vorstellen. Noch wichtiger wären ihnen aber weniger Pflichtstunden und stattdessen wöchentlich drei Stunden „Systemzeit“ für den deutlich erhöhten Beratungsbedarf. Krisen-Intervention gehöre zum Alltag. „Eine höhere Anzahl schwieriger Schüler erfordert viel mehr Rückkopplung mit anderen Lehrern, Eltern, Behörden, Sozialpädagogen“, schildert Haack. Jede Vollzeit-Lehrkraft führt da pro Woche zehn bis 15 Gespräche.“ Und gerade mit den Eltern sei Kontakt oft nur von Angesicht zu Angesicht mit Dolmetscher möglich – „mal eben zum Telefonhörer greifen funktioniert da wegen der Sprachschwierigkeiten nicht“.

Kleinere Klassengrößen zählen ebenso zu den Kernforderungen von „Schulen am Wind“ wie deutlich mehr Stellen für Sozialpädagogen. Bei beidem orientieren sie sich an dem, was ein in Hamburg schon vor Jahren geschaffener Sozialindex hergibt: 18 bis 20 Schüler und cirka zehn Stunden Schulsozialarbeit je Klasse. Das entspräche nach Darstellung des Vereins dem Zweieinhalbfachen des jetzigen Umfangs.

„Wir reden davon, Unterricht überhaupt erst dauerhaft möglich zu machen“, unterstreicht Kruse. „Dafür brauchen Schulen in prekären Lagen deutlich mehr Rückenwind: Bildungsgerechtigkeit heißt eben nicht, alle gleich zu behandeln.“

Ein notwendiger Mahner – Mehr Hilfe für Brennpunktschulen

Ein Kommentar von Frank Jung

Immerhin. Mit der Ankündigung, dass es 2019 einen allmählichen Einstieg in den „Bildungs-Bonus“ geben soll, signalisieren die Jamaika-Koalitionäre: Wir haben verstanden. Dass Schulen in Problem-Vierteln berechtigterweise mehr Mittel einfordern als andere. Schließlich müssen diese einen überdurchschnittlichen Einsatz leisten, um Jugendliche auf einen geraden Lebensweg zu bringen.

Das wird bei den Ressourcen zu wenig berücksichtigt, weil dabei eine gleichmacherische Kopfzahl von Schülern im Mittelpunkt steht. Die Terminzusage für den „Bonus“ spricht aber nicht gegen die Notwendigkeit eines von Schulleitern gegründeten Vereins, der weiter Aufmerksamkeit für prekäre Standorte schaffen will, sondern gerade dafür. Bildungspolitiker signalisieren selbst, dass sein Trommeln sie wachgerüttelt hat. Da ist es konsequent, wenn „Schulen am Wind“ auch bei den Inhalten vermehrte  Unterstützung mitmischen will – und sich dazu landesweit verdrahtet. 

Bedenklich, dass sich Schulleiter dafür zum Umweg eines Vereins gezwungen sehen. Das offenbart, dass sie sich auf dem Dienstweg nicht ernst genommen fühlen. Schulverwaltung und Politik haben zu lange weggeschaut, dass sich in bestimmten Vierteln Tücken ballen. Und sie stehen auch erst am Anfang, das Ausmaß zu begreifen.

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