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"Ältste Tätowierstube" in St. Pauli : Wo aus Jugendsünden Meisterwerke werden

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Stuckdecke, Ledersitze und drei coole Typen auf Hamburg-St. Pauli: In Deutschlands "Ältster Tätowierstube" werden aus bunten Jugendsünden ansehnliche Schmuckstücke für die Ewigkeit.

Hamburg | Claudia Gayne kommt heute zum Nachstechen: Eine Sternenkomposition, die für sie und ihren fünfjährigen Sohn Modou steht. Den Wunsch, sich tätowieren zu lassen, hatte die 33-Jährige schon vor einem Jahr. Doch sie suchte vergebens einen Tätowierer. "Ich habe zu wenig Blutplättchen. Keiner von 15 Läden in ganz Hamburg wollte mich tätowieren", sagt sie.
Fündig wurde sie schließlich bei "Günter", wie seine Kunden Ernst Günter Götz, den Inhaber der Ältesten Tätowierstube Deutschlands, nennen. Warum andere sich scheuten, Claudia Gayne zu stechen? "Sie blutet beim Stechen etwas stärker und man muss nacharbeiten. Aber damit sollte ein guter Tätowierer umgehen können." Günter jedenfalls kann. "Ich habe auch schon Narben überstochen oder Menschen mit HIV oder Hepatitis tätowiert, dann eben unter den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen", sagt er. Selbst aus München kam ein Kunde, der sich seine Feuermale nach ärztlicher Konsultation überstechen lassen wollte.
Nächstes Tattoo: Eine afrikanische Maske
Auch bei Claudia Gaye wurde in Vorgesprächen der Rat des Arztes eingeholt, darauf legt das Team der Hamburger Tätowierstube viel Wert. Acht Wochen ist das jetzt her und Gaye ist glücklich über ihr Tattoo. "Ich habe sogar schon das nächste Motiv", sagt sie, während Günter ihren Arm desinfiziert und seine Maschine fertig macht. "Eine afrikanische Maske." Günter lacht und erklärt: "Vor acht Wochen wollte sie nur ein kleines Tattoo. Jetzt hat sie schon die nächste Idee." Dass sei typisch für die meisten Kunden: 99 Prozent machten nach der ersten Tätowierung weiter.
"Es ist amüsant, wenn Kunden kommen und ein kleines Tattoo wollen. Dann sag ich immer: Der Hintern muss in die Hose passen, die Brille ins Gesicht und die Schminke zur Kleidung. Also auch die Tätowierung zum Körper." Günter ist einer von der direkten Sorte, berät Kunden gern, klärt die Kunden auf, aber räumt auch ein: "Ab einem gewissen Moment bin ich nur Dienstleister. Ich sag den Leuten ehrlich meine Meinung, aber wenn sie ihre Version haben wollen, steche ich sie auch."
Aus Jugendsünden werden Meisterwerke
Sein Fachgebiet: Jugendsünden zu Meisterwerken umformen. Seine Kreativität kennt da kaum Grenzen: "Arschgeweihe", die eben noch Speckpölsterchen betonten, werden unter seiner Nadel zu Figur umschmeichelnden Ranken.
Bärbel Kling zum Beispiel kam mit einem blaustichigen Delfin auf der rechten Schulter. Seit geraumen Stunden wächst auf ihrem Rücken nun eine Blütenpracht. Den Delfin arbeitet der Tätowierer dabei geschickt zu einem Stengel um. Auch Kling hat sich ihre erste Tätowierung reiflich überlegt, den Delfin erst mit 30 Jahren stechen lassen. Als sie jetzt als 44-Jährige noch ein Zweites dazu wollte und sagte, dass ihr der Delfin nicht mehr gefällt, entwarf Tätowierer Sebastian Makowski die Lilienranke für ihren Rücken. Schmerzt es? "Wir haben schon einige Pausen gemacht. Die Konturen sind nicht so schlimm aber das Schattieren ist die Hölle."
"Epilieren tut wesentlich mehr weh"
Claudia Gaye dagegen sieht Günter gelassen dabei zu, wie er ihre Sterne nacharbeitet: "Epilieren tut wesentlich mehr weh." Günter erklärt das unterschiedliche Schmerzempfinden so: "Das ist von der Tagesform abhängig. Wenn man vorher Alkohol getrunken oder in der Sonne gelegen hat, macht das die Haut empfindsamer, weil sie stärker durchblutet wird. Vorm Stechen sollte so etwas deshalb vermieden werden."
Keine Viertelstunde später verstummt das Rasierapparat-ähnliche Geräusch von Günters Maschine - "fertig". Jetzt wird nochmal alles gereinigt, eine blutstillende Creme auf das frische Tattoo aufgetragen. "Die Pflege ist das wichtigste nach dem Stechen", sagt Günter. Zehn Wochen cremen und waschen nach Anleitung, acht Wochen kein Sonnenbad. Die beste Zeit zum Stechen von Tattoos ist zwischen den Jahreszeiten. "Im Winter wechselt man zu oft die Kleidung, im Sommer können Tätowierungen durch Schweiß verblassen", erklärt Günter. Leer ist die "Älteste Tätowierstube" im Sommer aber deshalb nicht. Das freut die drei Jungs, die selbst Schmuck für die Ewigkeit tragen.
Paul Holzhaus meldet das Tätowiergeschäft in Hamburg am 1. Februar 1946 an. Im März 1962 kaufte Herbert Hoffmann das Geschäft, renovierte es. 1984 übernahm sein Neffe Günter Götz den Laden und führt seitdem die "Älteste Tätowierstube Deutschlands".

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erstellt am 16.Aug.2010 | 12:26 Uhr

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