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Dräger in Lübeck : Zwischen Superman und Druckventil

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

125 Jahre Dräger: Mit einer kleinen Idee hat es das Lübecker Unternehmen zum globalen Konzern geschafft.

shz.de von
erstellt am 04.02.2014 | 07:30 Uhr

Gefährlicher Einsatz: Superman rettet eine Gruppe von Arbeitern aus einer einstürzenden Mine und kommt dabei den Machenschaften eines bösen Bergwerk-Betreibers auf die Schliche. Diese Geschichte über den „Mann aus Stahl“ – veröffentlicht im August der Jahres 1938 – ist natürlich nur Fiktion. Das „Blakely Mine Desaster“ ist Auszug aus einem Comic-Heft und der dritte Auftritt des Helden überhaupt. Die Helfer, die Superman bei diesem Abenteuer von den Zeichnern zur Seite gestellt werden, sind hingegen mitnichten nur ausgedacht – die Draegermen.

So wie „Tempo“ heute für viele Deutsche ein Synonym für das Taschentuch ist, galt dies bei den Amerikanern schon Anfang des vorigen Jahrhunderts für Rettungskräfte, die mit Atemgeräten von Dräger ausgestattet Kumpel aus verschütteten Stollen befreiten. Den Schriftzug des Lübecker Unternehmens auf der Brust. Bei der Besteigung des Mount Everest, bei der Umrundung der Welt mit einem Ballon, bei der Erkundung des Marianengrabens – stets war Dräger mit an Bord, wenn im vergangenen Jahrhundert Geschichte geschrieben wurde. In diesem Jahr feiert der Hersteller von Sicherheits- und Medizintechnik den 125. Geburtstag.

Begonnen hat die Geschichte des Unternehmens dabei in einem vollkommen anderen Bereich, nämlich in Deutschlands Brauhäusern. Aus Unzufriedenheit über die Bierdruckautomaten jener Zeit hat der Uhrmacher Johann Heinrich Dräger 1889 zusammen mit seinem Sohn Bernhard das Lubeca-Ventil entwickelt – ein Druckminderer, der es erstmals erlaubte, Kohlensäure regulierbar aus Hochdruckflaschen zu entnehmen. Vier Jahre später begann der Original-Bierautomat von Dräger den Markt zu erobern. Ventile und der Umgang mit Gasen sollten von da an zur Formel des Erfolgs werden.

„Die Kunst des Erfindens brauchte er nicht zu lernen; diese Gabe hatte ihm eine gütige Fee in die Wiege gelegt“, schrieb Johann Heinrich Dräger einmal über seinen Sohn. Und tatsächlich folgten unter Bernhard Drägers Anleitung die Innovationen bald im Jahrestakt. 1900 wird ein Sauerstoffversorgungsgerät für Höhenflüge entwickelt, 1902 sorgt der zusammen mit dem Mediziner Otto Roth entwickelte Mischnarkoseapparat „Roth-Dräger“ für Schlagzeilen. Bergbaugeräte, U-Boot-Reinigungsanlagen folgen, mit dem Pulmotor bringen die Lübecker 1907 das erste Notfall-Beatmungsgerät auf den Markt und gründen noch im selben Jahr auch die erste Auslandsniederlassung: Draeger Oxygen Apparatus & Co. 21 Jahre später sollte es Dräger von seiner New Yorker Adresse aus in den US-Sprachgebrauch und die Comic-Szene geschafft haben. Nochmals ein paar Jahre später unter Führung von Heinrich Dräger – und jetzt bereits in der dritten Generation – in die ganze Welt.

Mehr als 12.000 Mitarbeiter beschäftigt Dräger inzwischen. Gut die Hälfte davon in Deutschland. Das Gelände am Stammsitz in Lübeck gleicht einem Dorf. Verwinkelt. Mit einer Vielzahl von Gebäuden, in denen produziert und geforscht wird. Mancher Block ist nur provisorisch. Das Wachstum geht im Jubiläumsjahr weiter.

Wer sich die Geschäftszahlen von Dräger anschaut, sieht, wohin sich der Konzern vor allem bei der Medizintechnik orientiert. Während bislang der Umsatz vor allem im europäischen Ausland gemacht wurde, gehen die Zahlen dort zurück. In den USA und Asien hingegen steigen sie stark an. „Die Wachstumsmärkte der Schwellenländer gewinnen zunehmend an Bedeutung“, sagt auch Götz Kullick, Section Manager in der medizintechnischen Entwicklung von Dräger. Neben einem großen Standort in Boston unterhalten die Lübecker unter anderem auch eine kleinere Einrichtung in Shanghai. Dort gibt das Pumpen der Lungenmaschinen den Takt vor. In einem kargen Werksraum laufen sie im Testbetrieb. 24 Stunden je Zyklus. An der Decke mahnen Schilder die chinesischen Mitarbeiter zur Präzision.

Die zunehmende Bedeutung der Schwellenländer sorgt dafür, dass Geräte auch gezielt mit geringerer Komplexität, aber auch geringeren Kosten entwickelt würden, führt Kullick aus. Und dabei geht es nur zum Teil um Gewinnmargen oder den Kampf mit günstigeren lokalen Wettbewerbern in Südamerika oder China. „Da ist der Ausbildungsstand auch ein anderer“, erklärt Kullick. Viele der Geräte würden in ihrer Vollausstattung eine große Anzahl von Funktionen besitzen. „Damit würden sie einen Arzt in Südamerika womöglich überfordern.“

Alltagstaugliche Technik – das ist seit jeher Anspruch von Dräger. Die Atemgeräte für den Bergbau, die es später in die Superman-Comics schafften, entwickelte Bernhard Dräger als Reaktion auf das Grubenunglück 1906 im französischen Courrières. 1000 Menschen verloren damals ihr Leben. Das erste Notfallbeamtungsgerät der Welt entstand, als Johann Heinrich Dräger in London Zeuge geworden war, wie ein Mann bewusstlos aus der Themse gezogen und anschließend wiederbeatmtet wurde.

Fünf Jahre vergehen heutzutage, bis ein neues Produkt auf den Markt gebracht wird. 14 neue Geräte waren es allein 2012 bei der Sicherheitstechnik, elf im Medizinbereich. Gerade einmal zwei Jahre benötigt nach Schätzung von Götz Kullick die Entwicklung selbst, die übrige Zeit wird von der internationalen Bürokratie und Zulassungsprozessen verschlungen. Und doch überrascht, wenn er sagt: „Der einzig spezielle Markt sind die USA.“ Manches, was im Rest der Welt längst als aktueller Stand der Technik bei Therapien gelte, sei in den USA einfach nicht erlaubt.

Die Superman-Comics mit den Draegermen sind heute begehrt. Auf Auktionen können sie Tausende Dollar einbringen. Der frühere Preis lag bei nur zehn Cent. Und auch Dräger selbst hat seinen Wert seit den 30er Jahren immer weiter erhöht. 1979 brachte Heinrich Dräger das Unternehmen an die Börse. Der Betrieb, der einst mit einem Bierausschank begann, ist heute in fünfter Generation unter Firmen-Chef Stefan Dräger zu einem mehr als 1,3 Milliarden Euro schweren Konzern herangewachsen.

Familienunternehmen Dräger
Stefan Dräger leitet als heutige Vorstandsvorsitzender das Unternehmen – das inzwischen eine Aktiengesellschaft ist  – in der fünften Generation. Er hat den Vorstandsvorsitz von seinem Onkel Theo Dräger übernommen, der diesen seit Mitte der 90er Jahre inne hatte.  Stefan Dräger  ist der Enkel von Heinrich Dräger, der das Unternehmen seit den 20er Jahren aufgebaut  hat, und Sohn von Christian Dräger, der die Firma ab den 80er Jahren lenkte. Der Grundstein für den heutigen Konzern wurde von Johann Heinrich Dräger und seinem Sohn Bernhard Dräger gelegt. s
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