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Arbeitspsychologie : Zum Tag der Arbeit: Viel mehr als nur Geld verdienen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum arbeiten wir? Ohne Arbeit würden die Menschen verkümmern. Und ein guter Lohn macht nicht automatisch zufrieden.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2015 | 20:16 Uhr

„Urlaub ohne Unterlass wäre ein gutes Training für den Aufenthalt in der Hölle“, sagte der Autor George Bernard Shaw einmal. Während der Wert der Arbeit am 1. Mai vor allem an Kategorien wie Urlaubstagen, Löhnen und Gehältern festgemacht wird, ist sich die Wissenschaft sicher, dass er in Wahrheit oft über all das hinausgeht. Arbeit „dient dazu, die eigene Persönlichkeit zu entfalten“, bestätigt der Arbeitspsychologe Udo Konradt von der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. So habe die Arbeit eine psychosoziale Funktion – helfe unter anderem, die eigene Identität zu entwickeln, das Leben zu strukturieren, aktiv zu sein. Ohne sie, wie etwa im ewigen Urlaub von Shaw, gehe es nicht. „Die Menschen würden verkümmern“, warnt der Lehrstuhlinhaber für Arbeits-, Organisations- und Marktpsychologie.

Deutlich wird dies vor allem, wenn der Blick weggelenkt wird von der reinen Erwerbstätigkeit. So gibt es je nach Erhebung in Deutschland mehr als 20 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Allein in Schleswig-Holstein ist ihr Anteil an der Bevölkerung nach Zahlen der Enquete-Kommission des Bundestags und Daten des Onlineportals Statista von 34 Prozent am Anfang des Jahrtausends auf 40 Prozent im Jahr 2009 gestiegen. Bundesweit stehen nur Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg mit einem Bevölkerungsanteil von 41 Prozent noch besser da. Rund 4,6 Milliarden Stunden freiwillige Arbeit leisten die Deutschen im Jahr, zwischen 20 und 24 Stunden im Monat sind es bei ehrenamtlichen Helfern im Norden – bundesweit ist das Spitze.

Das hohe Maß an freiwilligem Engagement hat dabei wohl auch mit der speziellen Rolle des Geldes im Erwerbsleben zu tun. „Wir gehen von einem zweidimensionalen Modell aus“, erklärt Konradt. In diesem Modell gebe es „sowohl eine Zufriedenheit wie auch eine Unzufriedenheit“. Beide Gemütszustände treten der Theorie zufolge gleichzeitig auf – jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt. „Monetäre Dinge tragen dazu bei, dass man nicht unzufrieden ist“, so der Wissenschaftler weiter. Doch zur Zufriedenheit könne das Geld demnach eben nicht beitragen. Die Millionen-Gehälter vieler Top-Manager, so seine Hypothese, könnten etwa durchaus drastisch gekürzt werden, ohne dass die Zufriedenheit leide – freilich fügt der Wissenschaftler hinzu, dass so wohl das gesamt Lohngefüge durcheinander geriete.

Betriebe stehen damit in Zeiten des Fachkräftemangels aber vor besonderen Herausforderungen, wenn der Kampf um Talente mit Geld nicht zu gewinnen ist und nur zufriedene Mitarbeiter die Produktivität eines Betriebes steigern können, wie Studien zuletzt immer wieder gezeigt haben. Gerade viele junge Firmen aus der digitalen Wirtschaft haben in den vergangenen Jahren daher reagiert. Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland stellte die Hamburger Online-Firma Jimdo 2007 so beispielsweise eine Feel-Good-Managerin ein, die das Miteinander der Beschäftigten und die Unternehmenskultur pflegen soll. Weitere Firmen folgten.

Experten sprechen längst von der großen Zukunft der sogenannten caring companies – also jener Firmen, die sich ernsthaft um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter kümmern. Auch bei Schleswig-Holsteins Betrieben wird darauf verwiesen, dass zunehmend Leistungen jenseits der Bezahlung vonnöten seien, um sich Personal zu sichern. Der Nachholbedarf erscheint indes nicht nur im Norden groß. Einer aktuellen Studie von Towers Watson zufolge machen 47 Prozent der Arbeitnehmer „Dienst nach Vorschrift“ und befinden, dass sie ihre Potenziale im Job nicht ausschöpfen können.

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