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Gülle im Grundwasser : Zu viel Nitrat: Belastete Böden in SH verteuern Trinkwasser

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wasserwirtschaft schlägt Alarm: Schleswig-Holsteins Grundwasserqualität wird immer schlechter und muss aufbereitet werden. Die Ursache für den Experten Dieter Perdelwitz sind Massentierhaltung und Biogasanlagen.

Die Schleswig-Holsteiner müssen sich in der Zukunft auf höhere Wasserpreise einstellen. Weil die kommunalen Versorger immer häufiger Wasser fördern, das zu hohe Nitratwerte aufweist, muss es entweder mit unbelastetem Wasser verschnitten oder in technisch komplizierten und teuren Verfahren aufbereitet werden. „Bei jeder zweiten Messstelle wird inzwischen der zulässig Grenzwert überschritten“, schlägt Dieter Perdelwitz, Verbandschef der Energie- und Wasserwirtschaft, Alarm. „Die Kosten müssen wir auf die Verbraucher überwälzen statt sie den Verursachern in Rechnung zu stellen.“ Die stehen für ihn längst fest: Landwirte mit Massentierhaltung und Biogasanlagen.

„Es ist unbestritten, dass durch die hohe Güllezufuhr und das Ausbringen von Gärresten zu viel Nitrat in unsere Böden gelangt“, moniert Perdelwitz. Da die Pflanzen die Nährstoffe nicht alle aufnehmen können – vor allem nicht, wenn sie noch im Herbst gedüngt werden – sickern diese ins Grundwasser. „Das ist besonders auf dem schleswig-holsteinischen Mittelrücken problematisch, weil auf den leichten Geest-Böden die Deckschicht nur dünn ist.“

Die Nitratbelastung des Grundwassers ist stellenweise sehr hoch.
Die Nitratbelastung des Grundwassers ist stellenweise sehr hoch. Foto: sh:z
 

Da es Jahre dauert, bis das Nitrat aus den Gülle-Tankwagen in den Grundwasserschichten ankommt, wird sich die Problematik auch wegen des Maisanbaus weiter verschärfen. „Die Anbaufläche blieb 2014 zwar konstant, aber sie hat sich zuvor binnen acht Jahren verdoppelt“, so Perdelwitz. Zudem wird Mais aus Dänemark importiert, wodurch in den 630 Biogasanlagen zusätzliche Gärsubstrate anfallen.

Klaus-Dieter Blank vom Bauernverband bestritt auf einer Tagung der Wasserwerker in Kiel zwar nicht, dass der Norden ein Nitrat-Problem hat. Das sei aber nur in Regionen mit hoher Viehdichte virulent. Wegen magerer Böden seien die Bauern dort aber auf tierische Veredlung angewiesen. Doch damit will sich Guido Austen vom Zweckverband Wacken nicht abfinden. „Weil das Grundwasser belastet ist, ist auch unser Trinkwasser in Gefahr“, warnt er . Deshalb sei rasches Handeln nötig. „Wir brauchen mehr Wasserschutzgebiete und die Düngemittelverordnung darf nicht verwässert werden.“ Sonst würden Wasserwerke zu Reparaturbetrieben, die verschmutzte Wasser-Ressourcen durch technische Maßnahmen genießbar machen. Der Alarmruf kommt spät: Schon heute müssen die Bundesbürger pro Jahr rund 24 Milliarden Euro für die Aufbereitung von mit Nitrat belastetem Grundwasser zahlen.
 


Kommentar: „Eine Frage der Dosis“

von Margret Kiosz

Gülle stinkt – da gibt es keine zwei Meinungen. Alle andern negativen Eigenschaften, die man den tierischen Ausscheidungen nachsagt, kann man nicht Kühen und Schweinen anlasten, sondern den Menschen, die das Maß verloren haben. Denn eigentlich ist das Düngen von Wiesen und Äckern mit Gülle im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Nitratprobleme entstehen erst, wenn die Dosis nicht stimmt – wenn durch Massentierhaltung und Fehlanreize bei der Förderung von Biogasanlagen so viel überschüssige Gülle und Gärsubstrat anfallen, dass zuerst die Böden, dann das Grundwasser und zuletzt das Meer kippt.

Unser Trinkwasser ist in Gefahr, weil Gülle nicht als Dünger eingesetzt wird sondern einige – nicht alle! – Landwirte ihren Mist auf den Feldern kostengünstig entsorgen. Schuld daran sind auch die Politiker, die jahrelang zugesehen haben, wie sich auf dem Geestrücken die Probleme ballten: Dort steht die Mehrzahl der Milchviehbestände und dort steht die Mehrzahl der maisfressenden Biogasanlagen. Deren Abfallprodukt – das Gärsubstrat – entspricht der Gülle von 150.000 Kühen.

Warnungen der Wasserwerke hat es schon früh gegeben. Auch ihr Ruf nach intensiveren Kontrollen war nicht zu überhören. Trotzdem wird nur bei einem von hundert Landwirten pro Jahr überprüft, ob er die maximal zulässigen Güllemengen einhält. Als jüngst ähnliche lange Prüfintervalle der Steuerfahnder bei Gewerbebetrieben bekannt wurde, war der Aufschrei groß. Warum sind wir beim laxen Umgang mit der Gülle, die unser Lebenselexier bedroht und der Natur Schaden zufügt, nicht ebenso alarmiert? Zumal wir Verbraucher wieder einmal als Melkkühe missbraucht werden. Anstatt die Kosten für die Wasseraufbereitung bei den Verschmutzern einzutreiben, werden die Ausgaben über die Wasserpreise sozialisiert. Biogasbetreiber und Bauern, die ihren Mist einfach vor die Tür kippen, lachen sich ins Fäustchen. Billig-Fleisch und verramschte Milch vom Discounter müsste uns eigentlich auch deshalb im Halse stecken bleiben.

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erstellt am 12.Okt.2015 | 06:28 Uhr

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