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Boom in SH : Zahl der Handwerksbetriebe auf Rekordstand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Schleswig-Holstein gibt es so viele Handwerksunternehmen wie seit 60 Jahren nicht mehr. Auch die Zahl der Beschäftigten steigt. Laut Handwerkskammer ist der Arbeitsmarkt leergefegt.

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2014 | 19:49 Uhr

Lübeck/Flensburg | Für Schleswig-Holsteins Handwerksbetriebe läuft die Konjunktur auf Hochtouren. Sowohl die Zahl der Beschäftigten wie auch der Betriebe ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Inzwischen gibt es so viele Handwerksunternehmen im Land wie seit 60 Jahren nicht mehr. Das geht aus neuen Statistiken der Handwerkskammern hervor. Demnach ist die Zahl der Betriebe in den Kammerbezirken Lübeck und Flensburg allein im letzten halben Jahr um 247 auf insgesamt 31.333 gestiegen. Seit 2005 hat der Bestand um mehr als zehn Prozent zugelegt. Zum Teil spielte eine Liberalisierung des Handwerks und der Wegfall des Meisterzwangs eine Rolle, wodurch vor allem die Zahl der Fliesen- und Mosaikleger stieg. Gerade in den letzten Jahren sei der Anstieg laut Ulf Grünke, Sprecher der Handwerkskammer Lübeck, jedoch durch alle Gewerkegruppen hinweg erfolgt. Nur einmal hat es in der Geschichte der Bundesrepublik mehr Handwerksbetriebe im Norden gegeben – Anfang der 50er Jahre, in der Aufbauphase der Nachkriegszeit, als in der Spitze 36.000 Firmen zwischen Nord- und Ostsee gezählt wurden.

Der Boom im Handwerk hat Folgen. In den vergangenen sechs Jahren stieg die Zahl der Beschäftigten nach Schätzungen der Kammern unter Berufung auf Zahlen vom Statistikamt Nord um fast 40 Prozent auf zuletzt 160.000. Und der Bedarf ist weiterhin hoch. „Die Betriebe würden gerne mehr einstellen, der Arbeitsmarkt ist aber leider leergefegt“, erklärt Kammersprecher Grünke.

Ein Ende der Hochkonjunktur ist vorerst nicht in Sicht. Erst im Juli beurteilten 92 Prozent aller Betriebe im Norden ihre wirtschaftliche Situation mit gut oder befriedigend. Mehr als ein Viertel (28 Prozent) verzeichnete mehr Aufträge und fast jedes dritte Unternehmen (31 Prozent) konnte seine Umsätze im zweiten Quartal dieses Jahres steigern.

Standpunkt: Goldene Zeiten

Sie profitieren von der zurückliegenden Finanzkrise und der daraus resultierenden Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank: Die Handwerker im Land. Seit Jahren melden die Betriebe volle Auftragsbücher, steigende Umsätze und eine anhaltend wachsende Nachfrage nach Handwerksleistungen – und sie suchen weiterhin händeringend nach Personal. Handwerk hat goldenen Boden – die Zahlen der Handwerkskammern belegen diese alte Weisheit eindrucksvoll.

Dabei sind die Gründe für den außergewöhnlichen Boom banal – oder besser gesagt: Sie begründen sich in rein marktwirtschaftlichem Verhalten. Die Schleswig-Holsteiner horten ein Vermögen in Milliardenhöhe. Geld, für das es bei den Banken so gut wie keine Zinsen mehr gibt. Was liegt da näher, als das Geld auszugeben. Es wird gebaut, saniert und renoviert, was das Konto hergibt. Und wer kein Geld auf der hohen Kante hat, der leiht sich eben was – zum Minizins. 

Die Kehrseite dieses konjunkturellen Höhenflugs bekommen die Kunden zu spüren. Die Unternehmen sind fast alle vollständig ausgelastet. Wer einen Handwerker braucht, muss vor allem zwei Dinge mitbringen: Zeit und Geld. Die Wartezeiten für die Erledigung eines Auftrags werden lang und länger. Und: Die Nachfrage nach Handwerksleistungen ist höher als das Angebot – mit der Folge, dass die Preise kontinuierlich steigen. Längst hat sich die Branche bei Spöttern den zweifelhaften Ruf erarbeitet: Wegen Reichtum geschlossen. Doch Vorsicht: Jeder Aufschwung endet irgendwann – und dann werden all die Handwerker wieder um jeden Auftrag kämpfen müssen. Bernd Ahlert

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