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Interview : Wo es bei der Krankenversorgung in SH knirscht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, fordert ein Umsteuern in der ambulanten Versorgung von Patienten.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2015 | 17:21 Uhr

Herr Straub, die Schleswig-Holsteiner gehen im Schnitt 17 Mal pro Jahr zum Arzt, das ist bundesweit Spitze und höchstwahrscheinlich auch Weltrekord. Sind wir ein krankes Volk?
Im ersten Monat eines Quartals sitzt ein Prozent der Bevölkerung in den Wartezimmern. Daher könnte man denken, dass die Deutschen besonders oft krank sind. Der häufige Arztbesuch ist jedoch die Folge unseres Vergütungssystems. Es setzt falsche Anreize und belohnt den Arztbesuch pro Quartal. Viele Patienten kommen zum Beispiel nur, um Folgerezepte abzuholen. Hier müssen wir in der ambulanten Versorgung umsteuern und der sprechenden Medizin mehr Zeit einräumen.


Nicht nur in der ambulanten Versorgung knirscht es, auch in der stationären. Immer wieder wird beklagt, dass die Klinikmitarbeiter zu wenig Zeit für die Patienten haben.
Das ist teilweise ein hausgemachtes Problem. Weil die Länder nicht ihrem gesetzlich festgelegten Investitionsauftrag nachkommen, werden von den Kliniken Umbauten oder neue Geräte aus dem Topf bezahlt, den die Krankenkassen für den laufenden Betrieb – Ärzte, Krankenpfleger, Medikamente – bereitstellen. Bei den Arztstellen wird nicht gekürzt, weil die Umsatz bringen, die Medikamente haben Festpreise, deshalb wird beim Pflegepersonal der Rotstift angesetzt. Nicht nur an Wochenenden und nachts ist die Personaldecke dann häufig viel zu kurz.

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Haben wir dieses Problem auch in Schleswig-Holstein?
Ja, sogar noch stärker als im Bundesschnitt. Experten sagen, dass jedes Jahr acht bis zehn Prozent der Gesamtmittel in Investitionen für den Klinikbestand gesteckt werden müssten, um ihn in Schuss zu halten, nötige Um- oder Anbauten zu finanzieren und den Gerätebestand zu erneuern. In Schleswig-Holstein beträgt die Investitionsquote jedoch nur 3,7 Prozent. Das ist auch sozialpolitisch bedenklich, weil die Investitionskosten aus Steuermitteln beglichen werden sollten und die Progressionswirkung bekanntlich im Steuersystem viel weiter reicht als im Beitragssystem der Krankenkassen.

In Schleswig-Holstein wurden in den vergangenen 14 Jahren bereits zehn geburtshilfliche Abteilungen geschlossen. Ist der Konzentrationsprozess jetzt abgeschlossen?
Eher nicht. Das liegt nicht nur daran, dass weniger Kinder geboren werden, sondern auch daran, dass Frauen bei der Geburt des ersten Kindes heute älter sind als früher und wir es mit einer steigenden Zahl von Frühgeborenen zu tun haben. Die sind aber am besten in Kliniken mit vielen Geburten, also mit viel Erfahrung, aufgehoben. Auch nachts und an Wochenenden sollte zwischen der Entscheidung für einen Kaiserschnitt und dem tatsächlichen Eingriff in der Klinik nicht mehr als 20 Minuten vergehen. Das können kleine Kliniken kaum leisten. Das wissen auch die meisten Frauen und stimmen längst mit den Füßen ab. So emotional das Thema besetzt sein mag, auch für Regionalpolitiker muss die Sicherheit für Mutter und Kind die höchste Priorität haben – noch vor Standortinteressen.

Letztes Thema: Pflege. Warum werden die Pflegenoten wieder abgeschafft?
Sie werden vorübergehend ausgesetzt. Das ist vergleichbar mit der Schule, statt eines Notenzeugnisses gibt es ein Berichtszeugnis, in dem die Ergebnisse der Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung beschrieben werden.

Bislang konnten die Betreiber von Pflegeheimen maßgeblich mitbestimmen, was geprüft wird und wie die Ergebnisse gewichtet werden. Das führte zu einem Notendurchschnitt von 1,3. Ist das nicht ein Systemfehler?
In der Tat. Wenn Autohersteller bei der Bewertung ihres Produktes mitmischen, kommt auch nichts Gutes dabei raus. Das hat ein großer Deutscher Automobilclub im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Auch bei der Pflege sollen die Leistungserbringer, also die Träger von Pflegeheimen, keinen direkten Einfluss auf die Prüfkriterien nehmen dürfen. Mit Hochdruck wird deshalb an neuen Prüfungskriterien gearbeitet. Eine mangelhafte Prophylaxe gegen das Wundliegen darf künftig bei der Bewertung nicht mehr durch einen gut lesbaren Speiseplan oder interessante kulturelle Angebote ausgeglichen werden.

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