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Jobstreichungen : Wirtschaftsentwicklung in SH: Die Industrie verlässt das Land

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Schleswig-Holstein boomt der Arbeitsmarkt – zumindest bei Dienstleistungen. Doch in der Industrie gehen immer mehr Arbeitsplätze verloren.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 17:55 Uhr

Kiel | Werften und große Motorenhersteller prägten früher die Arbeitswelt in so mancher Stadt in Schleswig-Holstein. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Das Land verliert massiv Industrie-Arbeitsplätze. Während in anderen Wirtschaftsbereichen tausende neue Jobs entstehen, ist die Industrie im Rückzug begriffen. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften warnen gleichlautend vor dieser Entwicklung – denn am Ende droht der Norden Wohlstand zu verlieren.

Beispiele gibt es in Schleswig-Holstein reichlich. Ende April schloss die Großdruckerei Prinovis in Itzehoe ihre Pforten. Mehr als 1000 Arbeitsplätze gingen verloren. In Kiel hatte der Motorenhersteller Caterpillar zuletzt nach einer gut hundert Jahre dauernden Geschichte 232 seiner rund 1100 Jobs auf die Streichliste gesetzt – zusammen mit der gesamten Motorenherstellung. Auch der niederländische Schiffstechnik-Konzern Imtech strich in den vergangenen Wochen die Segel für seinen Kieler Standort – 61 Jobs weniger.

Nach Zahlen der statistischen Ämter des Bundes und der Länder ist die Zahl der Beschäftigten in Schleswig-Holsteins Industrie zwischen 2000 und 2013 um mehr als sieben Prozent zurückgegangen. Konkret sind damit mehr als 14.000 Jobs aus dem Norden verschwunden. Im Bundesvergleich schmelzen die Voll- und Teilzeit-Arbeitsplätze in der norddeutschen Industrie damit zwar nicht am schnellsten dahin – doch deutlich schneller als im Bundesdurchschnitt (minus 5,3 Prozent).

Zur gleichen Zeit wurden Dienstleistungen zwischen Nord- und Ostsee zum Job-Motor: 73.000 Stellen wurden geschaffen. Nur ist Arbeit nicht immer gleich Arbeit. „Industrie ist die Basis unseres Wohlstands“, sagte kürzlich der DGB-Nord-Vorsitzende, Uwe Polkaehn. Das zeigt allein ein Blick auf die Verdienste. 3588 Euro wurden im dritten Quartal 2014 nach Zahlen des Statistikamtes Norden für einen schleswig-holsteinischen Industrie-Job monatlich bezahlt – im Dienstleistungsbereich waren es 300 Euro, in Branchen wie dem Gastgewerbe fast 1600 Euro weniger.

Strukturprobleme, fehlende gesellschaftliche Akzeptanz, mangelnde Förderung seitens der Politik: „Das gibt viele Ursachen, die man sich genau ansehen muss“, sagt Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste. Mit ihrem Kieler Appell hatte die Gewerkschaft die Politik kürzlich zum Handeln aufgerufen. „Deutschland ist so gut durch die Krise gekommen, weil wir eine starke Industrie haben“, so Messerschmidt. Doch die Schwindsucht hält an.

„Die Standortdebatte nimmt spürbar Fahrt auf, Firmen kalkulieren wieder Alternativen im Ausland – und das betrifft Zulieferer wie die eigene Produktion“, sagt Nordmetall-Sprecher Peter Haas. Die Verlagerungen erfolgten schleichend. Stetig würden an anderen Orten der Welt Kapazitäten aufgebaut – ohne große Schlagzeilen. Auch Polkaehn warnte schon im Herbst vergangenen Jahres: „Die industriellen Akteure denken schon lange nicht mehr in Ländergrenzen.“

Was das heißt, musste ein Unternehmen erfahren, das heute unter dem Namen Senvion agiert. 2007 war der indische Konzern Suzlon bei der damaligen Repower eingestiegen, 2011 wurde Repower von der Börse genommen. Neue Produktionskapazitäten für einen Windrad-Typ, der bislang ausschließlich in Husum gebaut wurde, entstanden nicht an der Nordsee – sondern im 6500 Kilometer entfernten Indien. Bis März dieses Jahres soll der Verkauf von Senvion an einen US-Fonds abgeschlossen werden. Dessen ungeachtet sind es Unternehmen wie Senvion, die Vertreter der Industrie hoffen lassen. „Die Energiewende ist gerade für uns im Norden eine riesige Chance, den Industriestandort Norddeutschland zukunftsfähig zu machen und als Innovationsführer weltweit zu positionieren“, so Nordmetall-Sprecher Haas. Die Rechnung könnte aufgehen. Allein seit seiner Übernahme durch Suzlon ist die Zahl der festangestellten Senvion-Beschäftigen in Schleswig-Holstein nach Angaben einer Konzernsprecherin um 65 Prozent auf zuletzt 1050 Mitarbeiter gestiegen.

Für die gesamte Windenergie-Branche in Schleswig-Holstein rechnet der DGB zwischen 2009 und 2012 eine Zunahme um 38,5 auf 8160 Beschäftigte vor. Unklar ist bei diesen Zahlen jedoch, wie oft es sich um vollwertige Industrie-Arbeitsplätze handelt. So kritisierte eine Studie des Instituts für Regionalforschung der Kieler Universität erst kürzlich, dass aufgrund der geringen Fertigungstiefen bei Windkraftanlagen im Land nur selten vollwertige Industrie-Arbeitsplätze entstünden.

Schleswig-Holstein ist mit dem Bedeutungsverlust der Industrie nicht allein. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt sank in ganz Deutschland zwischen 2012 und 2014 nach Zahlen des Informationsanbieters Statista um 15 Prozent und lag zuletzt bei 25,9 Prozent. Europaweit machte die Industrie-Produktion 2013 nach Zahlen der EU-Kommission nur noch 15,1 Prozent der Bruttowertschöpfung aus. Anfang des neuen Jahrtausends waren es noch 18,5 Prozent gewesen.

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