Corona und Wirtschaft : Wirtschaftliche Einbußen moderat – Aber Sorge um Schulabgänger in SH

20 Prozent weniger Jugendliche als im Vorjahr haben sich aktuell wegen einer Azubi-Stelle beim Jobcenter gemeldet.
20 Prozent weniger Jugendliche als im Vorjahr haben sich aktuell wegen einer Azubi-Stelle beim Jobcenter gemeldet.

Es gibt 15,6 Prozent mehr Arbeitslose im Norden als noch 2019. Der Rettungsanker ist die Kurzarbeit. Und die Ausbildung?

Margret Kiosz von
15. Januar 2021, 20:33 Uhr

Kiel | Unter Blinden ist der Einäugige bekanntlich König. Zu diesen „Hilfskönigen“ gehört der Norden. Hier ist die Wirtschaftsleistung coronabedingt um 3,6 Prozent eingebrochen – bundesweit sind es jedoch satte fünf Prozent, die am Ende in der Jahresbilanz 2020 fehlen.

Weiterlesen: Minister Bernd Buchholz wirbt in Kiel für die Ausbildung während Corona

Und auch bei den sozialversichungspflichtigen Jobs sind die Schleswig-Holsteiner kleine Könige: Trotz Pandemie lag deren Zahl im Dezember immer noch knapp über dem Vorjahreswert. Im Jahresdurchschnitt 2020 waren 92.100 Menschen arbeitslos gemeldet. Das waren 12.500 oder 15,6 Prozent mehr als 2019.

Weil die Rahmenbedingungen im Norden vergleichsweise gut sind, gaben sich gestern Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) und die Chefin der Arbeitsdirektion Nord, Margit Haupt-Koopmann, verhalten optimistisch bei ihrem Arbeitsmarkt-Ausblick. Die mit Ausnahmen (Landgasthöfe) erfolgreiche Aufholjagd in der Tourismusbranche und der traditionell starke Gesundheits- und Medizinproduktemarkt im Norden gäben Anlass zur Hoffnung. Zudem habe man im aktuellen Lockdown nicht wie im März mit Unterbrechungen von Lieferketten zu kämpfen, die zum Stillstand in der Produktion führten, so Buchholz.

Buchholz setzt auf Fortbildung

Damit der Arbeitsmarkt im Norden weiterhin relativ robust durch die Pandemie-Zeit kommt, seien allerdings große Anstrengungen auf dem Gebiet der Aus- und Weiterbildung notwendig. „Vor der Pandemie ist nach der Pandemie – dann wird das Thema Fachkräfte entscheiden, wie schnell sich die Wirtschaft erholt“, betonte der Minister.

Große Sorgen bereiten ihm die Schulabgänger. „Die Unsicherheit ist groß, aber gerade in diesem Jahr ist es enorm wichtig, dass ausgebildet wird, um keine Jugendlichen dauerhaft zu verlieren“, so Buchholz. Es werde digitale Berufsmessen und Betriebsbesichtigungen geben, Azubis im zweiten Lehrjahr könnten ihre Tätigkeit im Betrieb beschreiben und Schulabgänger als Ausbildungsbotschafter an die Hand nehmen. Auch Haupt-Koopmann warnte: „Wir können uns keinen Corona-Jahrgang leisten“. Bedenklich sei, dass sich bei den Jobcentern aktuell 20 Prozent weniger Jugendliche als im Vorjahr wegen einer Azubi-Stelle gemeldet haben.

Kurbeit als Instrument

Die meisten Betriebe haben das Thema Fachkräftemangel nicht aus dem Blick verloren, davon ist sie überzeugt. Dafür sprächen die vielen Anträge für Kurzarbeitergeld. Allein im Dezember haben 2900 Unternehmen für 32.000 Mitarbeiter Hilfebedarf angemeldet. „Kurzarbeit ist unser Rettungsanker“, so Haupt-Koopmann. Rund 470 Millionen Euro flossen 2020 in den Norden. Damit habe sich Kurzarbeitergeld „als wichtigstes Instrument in der Krise bewährt“. In der Spitze – im April – befand sich jeder vierte Betrieb und jeder sechste sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Kurzarbeit.

Bei aller Zuversicht goss Buchholz auch Wasser in den Wein. Er schließt nicht aus, dass die Zahl der Arbeitslosen im Norden im laufenden Jahr doch noch die magische Grenze von 100.000 überschreiten könnte, wenn viele Firmen Konkurs anmelden. „Wir müssen berücksichtigen, dass die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2020 nur halb so hoch war wie in normalen Jahren, da wird es einen Nachholeffekt geben.“ Firmen mit strukturellen Problemen hätten sich mit Hilfe der Corona-Hilfen über Wasser gehalten. Dadurch sei die Pleite aber nur herausgezögert worden.

Einen ganz anderen Nachholeffekt sehnt Buchholz förmlich herbei: „Nach der Pandemie werden hoffentlich viele Bürger wieder mit Freude Shoppen gehen, verreisen und alles nachholen, auf das wir lange Zeit verzichten mussten“.

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