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Fachkräftemangel : Wirtschaft in SH fürchtet Rente mit 63

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Da wird bei voller Fahrt der Rückwärtsgang eingelegt“: Bei kürzerer Lebensarbeitszeit könnten die Unternehmen Fachkräfte verlieren, die vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Kiel | Schleswig-Holsteins IHK-Geschäftsführer Hans Joachim Beckers sieht schwarz: „Da wird bei voller Fahrt der Rückwärtsgang eingelegt“. Gemeint ist die Absicht der Bundesregierung, 63-Jährigen nach 45 Berufsjahren den abschlagsfreien Weg in die Rente zu öffnen. Der Fachkräftemangel werde verschärft, die Wirtschaft im Norden durch den staatlich geförderten Aderlass geschwächt, so Beckers Befürchtung. „Da wird ein Wahlversprechen eingelöst, das ökonomisch unsinnig ist und die bisherigen Bemühungen konterkariert.“ Anstatt die „Generation Erfahrung“ weiter im Beruf zu halten, lade die Politik Arbeitnehmer geradezu ein, vorzeitig aufs Altenteil zu wechseln. Beckers fürchtet, dass vor allem Facharbeiter das Angebot der Bundesregierung wahrnehmen. „Sie haben keine langen Schul- und Hochschulzeiten hinter sich und verdienen so gut, dass sie sich leisten können, in Rente zu gehen.“

Nach Angabe der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit sind 30 Prozent der Nordlichter zwischen 60 und 65 derzeit noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 46.000 Menschen. Bundesweit können fast 42 Prozent der 63-jährigen Männer aber nur 14 Prozent der gleichaltrigen Frauen 45 Beitragsjahre vorweisen. „Das ist ein Männergeschenk“, so der Rentenexperte Bert Rürup, der die Pläne von Berlin für „grottenfalsch“ hält. Die Rente mit 67 werde damit zum Papiertiger degradiert.

Entsprechend alarmiert ist auch der Unternehmensverband Nord (UVNord). „Wir brauchen jeden Arbeitnehmer“, meint UVNord-Sprecher Sebastian Schulze. Es passe einfach nicht zusammen, dass die Bundesregierung einerseits mit Riesenaufwand Firmen fördere, die Ältere beschäftige, und auf der anderen Seite 63-Jährige ermuntere, in Rente zu gehen. „Das ist kontraproduktiv“, so Schulze. Im Grunde werde das System der Frühverrentung, das aus gutem Grund abgeschafft wurde, jetzt durch die Hintertür wieder eingeführt.

Lutz Goebel, Präsident des Verbandes der Familienunternehmer, warnt ebenfalls vor einer „Frühverrentungsorgie“ wie in den Neunzigerjahren.“ Da künftig Zeiten der Arbeitslosigkeit bei der Rente mit 63 einfließen sollen, würden falsche Anreize auf Kosten der Beitragszahler gesetzt. „Das ist ein Irrweg. Älteren Arbeitnehmern werden dann schon mit 61 oder 62 Abfindungen gezahlt, die genau der Differenz zwischen Arbeitslosengeld und letztem Gehalt entsprechen.“ Das Nachsehen habe die Allgemeinheit, die Arbeitslosengeld und später dann höhere Rente zahlen müsse. Dass ausgerechnet gut ausgebildete Facharbeiter zu früh aus dem Arbeitsmarkt rausgenommen werden, könne sich Deutschland nicht leisten.

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erstellt am 13.01.2014 | 12:00 Uhr

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