Reinhard Boll : "Wir brauchen ein Frühwarnsystem"

'Nur eine zufrieden stellende Balance zwischen Berufs- und Privatleben dazu führt, dass man Leistung im Job bringt.' - Sparkassen-Präsident Reinhard Boll Foto: Staudt
"Nur eine zufrieden stellende Balance zwischen Berufs- und Privatleben dazu führt, dass man Leistung im Job bringt." - Sparkassen-Präsident Reinhard Boll Foto: Staudt

Seit sechs Monaten arbeitet Reinhard Boll als Sparkassen-Präsident. Im Interview spricht er über angeschlagene Institute und den Verlust von Marktanteilen.

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17. Juli 2011, 02:48 Uhr

Herr Boll, Sie sind jetzt ein gutes halbes Jahr Sparkassen-Präsident. War der Wechsel vom Vorstands- zum Verbandschef eine große Umstellung für Sie?
Ja, das war er. Ich hatte es immer mit operativen Bankgeschäften zu tun. Jetzt habe ich eine andere Flughöhe und muss mich viel mehr mit strategischen und politischen Fragen befassen. Das ist etwas ganz anderes.

Was ist die positive Erfahrung in dieser Zeit?
Das ist die Vielfalt der Themen, mit denen ich mich beschäftige.

Und was ist die erste negative Erfahrung als Sparkassen-Präsident?
Es gibt eigentlich nur eine: Ich habe noch nie in meinem Leben einen derart fremd bestimmten Arbeitsalltag gehabt. Mein Aufgabenfeld ist extrem von Terminvorgaben geprägt, die ich nicht beeinflussen kann.

Sie sind in einer turbulenten Zeit an die Verbandsspitze gerückt. Zwei von insgesamt 14 Sparkassen sind knapp an der Pleite vorbei geschrammt und Stützungsfälle. Die Nord-Ostsee-Sparkasse und die Sparkasse Südholstein konnten nur mit Finanzhilfen von mehr als 250 Millionen Euro gerettet werden. Welche Lehren zieht der Verband aus diesen Fällen?
Die Lehre daraus ist, dass wir genau hinschauen müssen, woran das gelegen hat und dass wir künftig frühzeitiger Fehl entwicklungen erkennen müssen. Wir brauchen ein Frühwarnsystem. Daran arbeiten wir.

Und wie schreitet die Sanierung der beiden Problem-Sparkassen voran?
Gut. Beide Sparkassen haben stramme Restrukturierungspläne aufgelegt und befinden sich voll im Plan. Es wird zwar noch Jahre dauern bis die Institute wieder da sind, wo sie mal waren - aber die ergriffenen Maßnahmen laufen in die richtige Richtung.

Nicht nur die beiden Stützungsfälle dürften Ihnen Sorgen bereiten. Seit Jahren leiden die schleswig-holsteinischen Sparkassen unter Margenverfall und verlieren Marktanteile. Was muss sich nach Ihren Vorstellungen ändern, damit die Sparkassen künftig wieder aufholen?
Es ist richtig, dass sich die Marktanteile leider zu Ungunsten der Sparkassen entwickelt haben. Aber wir sind dabei, zusammen mit den Sparkassen dagegen zu steuern. Wir sind zwar weiterhin Marktführer in Schleswig-Holstein - aber wir müssen etwas tun.

Wie soll das aussehen?
Über Details möchte ich nicht in der Öffentlichkeit sprechen - wir wollen die Konkurrenz ja nicht zu schlau machen.

Gleichzeitig bestimmt eine nie da gewesene Schuldenkrise der Euro-Staaten die aktuelle Lage. Haben die Turbulenzen Auswirkungen auf das Geschäft der Sparkassen?
Bislang nicht. Das hängt damit zusammen, dass die Schuldenkrise bislang nicht in eine Wirtschaftskrise umgeschlagen ist. Im Gegenteil: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist ausgesprochen gut. Auch in Schleswig-Holstein wird von Unternehmen weiter investiert, was das Firmenkundengeschäft der Sparkassen ankurbelt. Zugleich setzt sich der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt fort. Dadurch wird ausreichend Geld verdient und die Konsumnachfrage ist hoch. Das stützt unser Privatkundengeschäft.

Sie spüren aufgrund der Schuldenkrise keine Verunsicherung bei den Kunden?
Nein, dazu ist die Krise noch zu frisch. Die Privatkunden stehen staunend davor und wundern sich, dass das Problem nicht gelöst werden kann. Verunsicherung hieße aber, dass beim Anlageverhalten eine Flucht in den sicheren Hafen beginnt - etwa ins Gold. Das sehe ich im Moment nicht.

Das neue Sparkassengesetz hat die Rahmenbedingungen für die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute nachhaltig verändert. Ihr Vorgänger hat sich mit Händen und Füßen gegen das Gesetz gewehrt, das der Hamburger Sparkasse den Einstieg bei den schleswig-holsteinischen Sparkassen ermöglicht. Wie sehen Sie das?
Das Gesetz ist von der Politik gewollt. Zudem müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich einige der 14 Sparkassen im Lande für den Einstieg der Haspa interessieren - aus unterschiedlichen Gründen: die einen, weil sie Kapital wollen, die anderen, weil sie sich an einen großen und starken Partner anlehnen möchten. Insofern sind wir als Verband, der ja seinen Mitgliedern dienen soll, gut beraten, wenn wir das Ganze unterstützen. Das Gute an dem Gesetz ist, dass es sich um eine Option handelt. Wenn es für eine Sparkasse vorteilhaft ist, wird das ein oder andere Institut sich das überlegen und zugreifen. Andere Sparkassen, die eigenständig am Markt bestehen wollen, nehmen eine Beteiligung eben nicht in Anspruch.

Den Praxistest hat das Sparkassengesetz mit dem Einstieg der Haspa bei der Sparkasse Herzogtum-Lauenburg bereits bestanden. Und über die Beteiligung an der Sparkasse Südholstein wird längst verhandelt. Wird die Haspa sich am Ende an nahezu allen Sparkassen im Lande beteiligen?
Das kann ich noch nicht überblicken. Es gibt derzeit keine Signale dafür, dass die Sparkassen in großer Zahl diesen Weg gehen wollen. Es sind vereinzelte Anfragen da. Ich glaube, dass neben Lauenburg und Südholstein noch die eine oder andere Sparkasse kommen wird. Aber ich habe von einem großen Teil der verbleibenden Sparkassen die Botschaft erhalten, dass man eine Beteiligung nicht in Anspruch nehmen möchte.

Die Haspa sitzt heute bereits bei fünf Sparkassen im Boot - bald werden es sechs sein. Welche Auswirkungen hat das eigentlich für den Verband - müssen Sie nicht den Verlust von Einfluss fürchten?
Das fürchte ich nicht - das ist Realität. Ich gehe aber davon aus, dass wir an den entscheidenden Stellen vernünftig mit der Haspa kooperieren werden. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um Koexistenz.

Letztes Thema: HSH Nordbank. Die Beteiligung an der Landesbank war zuletzt ein teures Vergnügen. Wie geht es weiter?
Nach den Krisenjahren kommt es jetzt darauf an, das Beste aus der Bank zu machen. Ich glaube, die HSH Nordbank hat gute Chancen, ein tragfähiges und ertragreiches Geschäftsmodell zu entwickeln, so dass sie in einigen Jahren gut veräußerbar ist. Und dann werden wir unsere Anteile von sechs Prozent verkaufen.

Schlummern eigentlich noch mehr Beteiligungsrisiken in den Verbandsbüchern?
Bei einem Beteiligungsportfolio von 800 Millionen Euro hat man immer Risiken. Das ist ganz normal, weil sich der Wert der Beteiligungsunternehmen ständig verändert. Außerordentliche Risiken kann ich aber nicht erkennen.

Neben allen Problemen und Herausforderungen - bleibt einem Sparkassenpräsidenten eigentlich noch ein Privatleben?
Ja, aber auch nur deshalb, weil ich es mir einräume. Ich bin jemand, der zutiefst davon überzeugt ist, dass nur eine zufriedenstellende Balance zwischen Berufs- und Privatleben dazu führt, dass man Leistung im Job bringt. Bei aller beruflichen Beanspruchung muss man sich auch persönlich, in der Familie und im Freundeskreis ausleben können. Wenn das nicht möglich ist, dann habe ich etwas falsch gemacht.

Wie lang ist Ihre Arbeitswoche?
Das ist unterschiedlich. Mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ich habe, können das mehr als 60 Stunden sein. Es kommt aber auch mal vor, dass ich weniger als 50 Stunden arbeite…

… ohne schlechtes Gewissen…
Ohne schlechtes Gewissen! In meiner Position werde ich daran gemessen, was ich bewege und verändere. Da fragt keiner, ob ich dazu 80 oder 55 Stunden pro Woche brauche. Aber: Auch meinen Mitarbeitern will ich klar machen, dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man mal weniger arbeitet, weil man sich auftankt für härtere Zeiten. Und die kommen ganz bestimmt.
(ahl, shz)

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