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Debatte in Neumünster : Wie viel Kapitalismus verträgt die Landwirtschaft?

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Der Preisverfall bedroht viele Bauern in der Existenz. Minister Habeck sieht in immer mehr Masse keine Perspektive. Er setzt auf extensivere Produktion und Umstieg auf Dienstleistungen.

Neumünster | Weite Wiesen mit schwarzbunten Kühen drauf, blühende Rapsfelder und ein paar Hühner, die hier und da über die Dorfstraße flitzen – die ländliche Idylle, so schön sie auch ist, lässt sich mit der Marktrealität kaum vereinbaren. Wer als Landwirt erfolgreich sein will, muss sich industrialisieren: immer größer, immer mehr, immer produktiver. Oder? Landwirtschaftsminister Robert Habeck sagt: Gerade damit schaden die Bauern sich selbst.

Mittelständische Landwirtschaft rentiert sich häufig nicht mehr, so dass sich Großbetriebe immer weiter durchsetzen. Das verändert auch das Landschaftbild und das Dorfleben.

Mit seinem Werben für ein Umsteuern in der Agrarproduktion hat es Habeck bei den Bauern weiterhin schwer. Beim Landwirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken in Neumünster sagte der Grünen-Politiker am Montag vor rund 1200 Bauern, angesichts des Preisverfalls könne in den nächsten zwei Jahren jedem dritten Milchviehbetrieb das Aus drohen.

„Steuern wir den Strukturwandel oder lassen wir ihn laufen?“, fragte Habeck. Mit seinem Plädoyer für eine Abkehr von einer rein export- und wachstumsorientierten Produktion und für eine stärkere Orientierung am Wohl von Tieren und Umwelt hatte er es erwartet schwer. Die Atmosphäre blieb aber entspannt. Es gab sogar wechselseitige Komplimente. Bei allen Differenzen könne man mit Habeck sachlich und fachlich vernünftig reden, sagte Bauernverbands-Vizepräsident Peter Lüschow. Habeck bescheinigte dem Verband, dieser habe kluge Vertreter. Die Bauern sollten nicht als Blockierer dargestellt werden, sie beschäftigten sich seit langem mit dem Thema Tierwohl, sagte Lüschow.

Die Politik sollte sich mit Auflagen zurückhalten, dann hätten die Bauern auch eine Zukunft. Es sei schwierig, in einer Krise neue Regeln zu schaffen, befand Lüschow. „Die Lage der Bauern in Schleswig-Holstein ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“ „Aufhören oder Gas geben“ sei für ihn das Motto gewesen, sagte der Milchviehhalter Martin de la Motte, der einen neuen Stall für 550 Milchkühe gebaut hat. „Tierwohl ist einer der wichtigsten Faktoren“, erklärte de la Motte. Sein Credo: „So weitermachen wie bisher - wir machen unseren Job top.“ Die Bauern sollten stark sein und ihre Forderungen durchsetzen.

Eine andere Welt: Die Autorin Karen Duve (mit Huhn Rudi) setzt sich gegen Massentierhaltung ein.
Eine andere Welt: Die Autorin Karen Duve (mit Huhn Rudi) setzt sich gegen Massentierhaltung ein.
 

„Viele Bauern haben ein extrem schwieriges Jahr hinter sich und ein extrem schwieriges vor sich“, sagte Habeck am Rande der Veranstaltung. Das gelte besonders für Milchviehhalter und auch Schweinemäster, die wegen des Preisverfalls oft Verluste machten. Mehr Masse könne aus seiner Sicht nicht die Lösung sein. Die Bauern bräuchten Alternativen, wenn der Milchpreis schlecht ist.

Mittelfristig gebe es gute Chancen für Milchexporte nach Asien, sagte Prof. Bernhard Brümmer von der Uni Göttingen. „Wir werden Dörfer ohne Bauern haben“, sagte Habeck voraus. Er sehe in den Bauern nicht nur Kalorienproduzenten. Sie könnten auch Tier-, Klima-, Arten- und Gewässerschützer sein und müssten für solche Dienstleistungen dann auch entsprechend bezahlt werden. Solche Zahlungen reichten meist nur, um zusätzlichen Aufwand auszugleichen, meinte Lüschow.

Habeck rief dazu auf, aus der Konfrontation herauszukommen. „Es wurde in den letzten Jahren mit zu viel Schaum vor dem Mund übereinander gesprochen“, sagte er. Trotz der Preiskrise gab es auf dem Landwirtschaftstag auch optimistische Stimmen: „Es wird auch wieder bessere Zeiten geben“, sagte die Landwirtin Martina Poppinga aus dem Kreis Stormarn und appellierte an ihre Kollegen, nicht die Motivation zu verlieren: „Wir schaffen das.“

 

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erstellt am 01.Feb.2016 | 13:34 Uhr

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