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Erneuerbare Energien : Wie SH die Stromversorgung revolutionieren will

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Innovationsprojekt New 4.0 soll Schleswig-Holsteins Stromversorgung umkrempeln – und die Energiewende retten.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 15:58 Uhr

Kiel/Hamburg | Schleswig-Holstein verfolgt bislang eher die Strategie vieler Entwicklungsländer. Es gewinnt mit seinem Windstrom einen wertvollen Rohstoff – den es dann jedoch abtransportiert. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) und mit ihm ein breites Konsortium aus der Wirtschaft will das ändern. Die Allianz, der auch Hamburg angehört, feilt an einem Projekt, das am Ende Modell-Charakter für Deutschland haben soll – und dabei so etwas wie die Stromversorgung von übermorgen sein könnte.

Während Schleswig-Holstein rechnerisch seinen Bedarf bereits heute zu 100 Prozent aus Ökostrom decken kann, sind es in Hamburg drei Prozent. Doch schon 2025 sollen es nach Plänen der Initiative 70 Prozent sein – mehr als die Bundesregierung bis dahin für ganz Deutschland vorsieht.

Bis 2035 wollen Hamburg und Schleswig-Holstein den Stromverbrauch im Norden komplett aus erneuerbaren Energien decken; und nebenbei die Stromversorgung in Teilen vollkommen neu erfinden. „2035 werden beide Länder zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien zurückgreifen - und das zu jeder Zeit“, sagte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD). Möglich machen soll es das Projekt „Norddeutsche Energiewende 4.0“. Anfang des Monats wurde das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium für das Förderprogramm „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ nominiert.

Die Netze sollen intelligenter werden

Das Förderprogramm läuft über vier Jahre und umfasst in der Summe 230 Millionen Euro. Allein 40 Millionen Euro könnten davon in das „New 4.0“-Projekt fließen. Weitere 60 Millionen Euro planen die Partner aus der Wirtschaft zu investieren. Die Verwaltung der Netze soll damit intelligenter gestaltet, der Verbrauch anders organisiert, Ökostrom-Potenziale besser genutzt, Innovationen gefördert werden. Insgesamt beteiligen sich mehr als 60 Industrieunternehmen, Energieversorger, Netzbetreiber, Hochschulen und Behörden aus beiden Bundesländern.

Prominente Namen sind dabei unter anderem der Kupferproduzent Aurubis, der ChemCoast Park in Brunsbüttel, der Hamburger Hafen sowie der Hamburger Airport, Windkraftanlagenhersteller Nordex oder auch das IT-Unternehmen cbb Software. Anfang dieser Woche stimmten sich die Projektverantwortlichen über die weiteren Schritte ab. Begleitet werden sie dabei unter anderem vom Beratungsunternehmen „Ernst & Young“.

45 Einzelprojekte bringen die Wende

Im Kern geht es bei New 4.0 um 45 Einzelprojekte. Die ersten sollen in den kommenden sechs Monaten auf den Weg gebracht werden. „Wir wollen den grünen Windstrom vor Ort nutzen und veredeln, beispielsweise auch für Wärme zum Heizen“, gibt Meyer die Zielrichtung vor. Es soll weggehen vom Wirtschaftsmodell des Entwicklungslandes – und betritt damit ganz nebenbei aber auch das Metier von Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne). Meyer betonte jedoch, dass sich beide Häuser abstimmen würden. „Die Energiewende kann nicht alleine dadurch gelingen, im Norden Windstrom zu produzieren und den dann in den Süden abzutransportieren“, sagt Meyer.

Mit Schleswig-Holstein und Hamburg sollen dabei eine Erzeugerregion und eine Verbraucherregion zusammengebracht werden. Insgesamt wird das Potenzial zur Erzeugung von Ökostrom in beiden Ländern auf 20 .000 Megawatt geschätzt – genutzt werden davon laut Meyer bislang lediglich 7000 Megawatt.

Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender von Hansewerk nennt als Voraussetzungen „ein für alle Marktteilnehmer transparentes Netzsystem“. Ein neuartiger Marktplatz für Strom soll entstehen, der den diversen Akteuren einen Einblick ins Netz mit seine jeweiligen Kapazitäten liefert. „Wir glauben, dass damit die Energiewende auf eine intelligentere Ebene gehoben wird“, so Boxberger.

Speicherkraftwerke und Smart Meter

Das scheint auch nötig. Denn die Energiewende ist ein Sorgenkind deutscher Stromversorgung. Für einen Teil der Probleme könnte New 4.0 Lösungen bieten. Ohne technische Innovationen werde sich die Energiewende künftig nicht steuern lassen, sagt Martin Grundmann, Chef der Arge-Netz. Die Erneuerbaren müssten für die Versorgungssicherheit stehen, sagt er. In der Arge-Netz sind 300 Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien organisiert. Grundmann zielt mit seinen Worten auf das Notabschalten von Windkraftanlagen ab sowie auf Kohlekraftwerke, die vorgehalten werden, um Versorgungsengpässe auszugleichen. „Wir müssen die volatile Erzeugung glätten“, sagt er.

Dafür sollen künftig unter anderem zwei große Speicherkraftwerke sorgen. Daneben hoffen die Verantwortlichen, dass die Industrie zum Beispiel energieintensive Arbeitsprozesse in Zeiten verlagern könnte, in denen der Strom reichlich vorhanden und billig ist. Verbraucher wiederum sollen über Smart Meter – intelligente Stromzähler – zum Erfolg des Projekts beitragen können. Dazu passend berät der Bundesrat am Freitag einen Entwurf des „Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende“. Dieser sieht einen Pflichteinbau solcher Mess-Systeme für alle Haushalte mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden pro Jahr vor.

 

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